Nationalspieler fuhr ohne Führerschein : Marco Reus versagt als Vorbild

Marco Reus hat seinen Ruf mit dem Führerschein-Skandal beschädigt. Der Nationalspieler lebt wie viele andere Profis in einer Welt, in der es normale Nöte und alltägliche Lebensbedingungen nicht gibt.

Jürgen Klopp frohlockte. "Das Gute ist: Endlich gibt es mal positive Nachrichten aus Dortmund", sagte der Trainer nach dem 2:2 in einem hinreißenden Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg. Die Rechnung hatte er ohne Marco Reus gemacht. Der hatte ja auch gar nicht mitgespielt. Die Schlagzeilen bestimmt er dennoch. Am Morgen nach dem Spiel berichtete die "Bild" unter Berufung auf die Dortmunder Staatsanwaltschaft, dass Reus einen Strafbefehl über 540.000 Euro erhalten habe. Mindestens drei Jahre habe er Autos durch den Straßenverkehr gelenkt, ohne eine Fahrerlaubnis zu haben. In früher Jugend hat er wohl mal ein paar Fahrstunden absolviert, eine Führerscheinprüfung hat er nie abgelegt. "Eine Dummheit", nannte er das. In Wirklichkeit ist es ein Skandal.

Schlappes Bekenntnis von Reus

Der "Bild" legte er ein schlappes Bekenntnis ab. "Ich habe mich damals leider entschieden, diesen Weg zu gehen. Die Gründe kann ich heute selbst nicht mehr nachvollziehen", sagte der Nationalspieler. Klopp übernahm als sein Erziehungsberechtigter im Verein gern die ehrenvolle Aufgabe, über die Gründe nachzusinnen. "Er ist irgendwann in seinem Leben, um im Thema zu bleiben, falsch abgebogen als ganz junger Kerl", sagte der Trainer, "er ist maximal einsichtig. Das ist eine dumme Geschichte, bei der es keinen richtigen Ausweg gibt, bis man erwischt wird. Das ist er, das ist auch gut so, dafür kriegt er eine außergewöhnlich hohe Strafe, das ist dann auch in Ordnung." Von disziplinarischen Konsequenzen durch den Klub war keine Rede. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bestätigte bei "Sky News" lediglich, dass "wir wie eine Eins zu Marco stehen".

Dafür weiß nun jeder, was Reus netto verdient. Der Strafbefehl erging nämlich über 90 Tagessätze. Das bedeutet: Der schnelle Mann mit den schnellen Autos bekommt pro Tag 6000 Euro dafür, dass er so gut Fußball spielt. Im Jahr kommt er auf das stolze Sümmchen von 2,16 Millionen Euro. Vielleicht werden es bald ein paar Euro mehr, weil Bayern München und Real Madrid sehr an einer Verpflichtung des Dortmunders interessiert sind.

Reus wird auch bei künftigen Arbeitgebern verschmerzen, dass er zumindest vorerst seinen Aston Martin nicht selbst zum Trainingsplatz lenken kann. Vermutlich sind seine Arbeitgeber so gut, einen Chauffeur zur Verfügung zu stellen. Und möglicherweise erbarmt sich ein Teamkollege. Er selbst hat zu gemeinsamen Dortmunder Zeiten häufig den Kollegen Mario Götze mit zur Arbeit genommen. Mit der Straßenbahn ist Reus damals nicht angereist, das wird er auch demnächst nicht tun.

Für Fußball-Profis gelten andere Regeln

Er muss nun allerdings damit leben, als typischer Vertreter einer Kaste von Berufssportlern angesehen zu werden, die der Wirklichkeit, normalen Nöten, alltäglichen Lebensbedingungen und alltäglichen Pflichten vollständig entrückt ist — und sei es, weil er es nicht anders gelernt hat. Wer will, der kann sein Verhalten als Beleg dafür begreifen, dass sich hier ein verhätscheltes Kind des Profifußballs mit größtmöglicher Wurschtigkeit über Regeln erhebt, die für andere gelten. Bislang war Reus in dieser Hinsicht nicht auffällig geworden. Er gilt eher als stiller Vertreter ohne Starallüren oder tägliche Anwesenheit in den bunten Blättern. Deswegen ging er als Vorbild für den Nachwuchs durch. Und als Werbefigur für den Automobilbauer Opel.

Das leuchtende Beispiel aber ist extrem beschädigt. Und es stellen sich einige Fragen, die nicht beantwortet werden können. Eine Auswahl: Hat das Umfeld des Spielers nicht mitbekommen, dass er sich irgendwann ans Lenkrad setzte, obwohl niemand seinen Führerschein gesehen hatte? Wurde in der Familie nicht über die Führerscheinprüfung gesprochen, die doch für junge Leute als ein bedeutendes Datum im Leben gilt? Was ist mit den allgegenwärtigen Beratern, die beachtliche Provisionen kassieren und dafür einen Teil der täglichen Sorgen abnehmen? Was ist mit den Betreuern in den Vereinen, mit den Kollegen? Hat sich Reus, wie Klopp gütig mutmaßt, einfach verrannt, weil sein Leben als Autofahrer auf der Führerscheinlüge aufbaut? Ist es am Ende überhaupt keine Lüge, wenn er nicht verraten hat, dass er gar keine Fahrerlaubnis hat? Und: Warum hat nie jemand danach gefragt?

Es gibt nur wenige Gewissheiten. Zu ihnen zählt, dass Reus in seiner frühen Mönchengladbacher Zeit (er spielte von 2009 bis 2012 für die niederrheinische Borussia) in einem Interview auf Fragen nach seinem Führerschein bekannte, er habe keinen. Zum Training wurde er von Bekannten kutschiert. Eines Tages saß er dann am Steuer eines eigenen Autos. Nach der Lizenz zum Fahren hat sich natürlich niemand erkundigt. Weder in Gladbach noch später in Dortmund, er ist schließlich kein Berufskraftfahrer. Auch die Knöllchen, die ihn in den vergangenen drei Jahren wegen Tempoüberschreitung ereilten, hat er brav bezahlt. Den Führerschein musste er nicht vorlegen. Er fiel erst bei einer Routinekontrolle der Dortmunder Polizei auf. Ausgerechnet auf dem Rückweg vom Training.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Verkehrssünder im Fußball

(RP)
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