Krawalle bei Spiel Borussia Dortmund - Hertha BSC: Fanvertreter und Ultras kritisieren Einsatz der Polizei gegen Ultras

Ausschreitungen in Dortmund : Spiel mit dem Feuer

Die Dortmunder Polizei ist gegen Ultras von Hertha BSC vorgegangen, nachdem die Bengalos gezündet hatten. Am Ende des Einsatzes stehen 50 Verletzte – und die Erkenntnis, dass es momentan keine Chance auf Dialog gibt.

In Dortmund waren am vergangenen Samstag rund 81.000 Zuschauer im Stadion. Sie sahen ein 2:2 im Bundesliga-Spiel zwischen dem BVB und Hertha BSC. Aus polizeilicher Sicht war die Partie im Vorfeld ein sogenanntes „Grün-Spiel“ – eine Begegnung ohne größere Sicherheitsbedenken. Doch am Ende dieses Nachmittags stellte die Dortmunder Polizei eine ernüchternde Bilanz vor: 35 Menschen waren im Berliner Fanblock durch Pfefferspray der Polizei verletzt worden, fünf Beamte bei dem Einsatz und zehn unbeteiligte Fans durch das vorherige Abbrennen von Feuerwerkskörpern. Für Gregor Lange, Dortmunder Polizeipräsident, steht dennoch fest: „Dieser Einsatz war zwingend notwendig.“

Die Berliner Ultra-Gruppe „Hauptstadtmafia“ wollte sich im Dortmunder Stadion anlässlich ihres 15-jährigen Bestehens selbst feiern und hatte ein (genehmigtes) Riesenbanner mit in den Block genommen. Nicht ganz so überraschend beließ es die Gruppe aber nicht dabei, sondern zündete vor dem Anpfiff auch Pyrotechnik.

Als nun die Ultras, so beschreibt es jedenfalls Polizei-Einsatzleiter Edzard Freyhoff ein wenig spitzbübisch, ihr Pulver verschossen hatten, legten sie besagtes Banner vor dem Block ab. Dass sei, so Freyhoff, die Chance gewesen, der Gruppe ihr „Heiligtum“ abzunehmen und dadurch weitere Straftaten zu verhindern – denn Banner dieser Art nutzen Ultras häufig als Sichtschutz, um sich darunter zu vermummen, anschließend Pyrotechnik abzubrennen und später wiederum unerkannt zu demaskieren.

In der Vergangenheit griff die Polizei bei dieser Prozedur nicht ein. In diesem Fall aber schickte der Einsatzleiter Polizisten, um das Stoffstück einzukassieren. Freyhoff sagte am Montag, ihm sei bewusst gewesen, dass die Berliner sich zur Wehr setzen würden. Und ihm war auch klar, dass er eigentlich zu wenige Einsatzkräfte zur Verfügung hatte, um wirkungsvoll vorzugehen.

Tatsächlich kam es in der Folge zu jener minutenlangen Auseinandersetzung, die Verletzte auf beiden Seiten forderte. Als in der Halbzeit dann noch Gewalt suchende Hertha-Ultras unter der Tribüne eine komplette Sanitäranlage zerlegten, waren nicht ausreichend Beamte zur Stelle, um Recht und Ordnung gegen die Kriminellen durchzusetzen.

Warum also dieser Einsatz, der schockierende Bilder erzeugt hat und noch einmal eindrucksvoll demonstrierte, wie weit beide Seiten von einem Dialog derzeit entfernt sind? „Wir dürfen keine Parallelgesellschaft im Stadion zulassen. Auch Ultras haben sich an Recht und Gesetz zu halten“, sagt Polizeipräsident Lange. Er lobte seine Einsatzkräfte in den höchsten Tönen.

Aber gab es wirklich keine Alternativen? Ein Sprecher der Dortmunder Fanhilfe kritisierte gegenüber unserer Redaktion: „Wir sehen die Verhältnismäßigkeit dieses Einsatzes nicht. Es gibt im Stadion hochauflösende Kameras, um Straftäter zu ermitteln. Stattdessen wurde ohne Warnung eingegriffen und Pfefferspray in eine Menschenmenge gesprüht. Das ist hochgefährlich, besonders auch für Unbeteiligte.“ Die Polizei sieht das wiederum anders: Weil das Banner sichergestellt wurde und die Berliner Ultras keine weiteren Bengalos mehr zündeten, wurden laut Polizeipräsident Lange „alle Einsatzziele erreicht“. Die Personalien der Randalierer konnten jedoch nicht festgestellt werden. Hier sind die Beamten einmal mehr auf die Videotechnik angewiesen.

Und wie geht’s jetzt weiter? Pyrotechnik, der Auslöser der gesamten Aktion, ist seit Jahren ein großer Zankapfel zwischen Ultras und Vereinen. Die Ultras pochen auf das aus ihrer Sicht kontrollierte Abbrennen von Feuerwerkskörpern, aus durchaus naheliegenden Gründen stehen sie damit allerdings nahezu alleine da. Doch es gab Annäherungen. Vor allem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte die Erwartung geschürt, man könne sich durchaus vorstellen, die Ultras im abgesteckten Rahmen gewähren zu lassen.

Davon ist mittlerweile keine Rede mehr – Vereine (DFL) und Verband (DFB) wollen wieder restriktiv gegen Zündeleien vorgehen. Nach Informationen unserer Redaktion soll eine gemeinsame Linie vereinbart werden, um Kollektivstrafen erneut zu ermöglichen. Also zum Beispiel Hertha BSC dazu zu verdonnern, ein Spiel unter Teilausschluss der Fans auszutragen. Darauf war zuletzt verzichtet worden, weil man damit auch friedliche Anhänger bestraft.

Der Fußball hat seit einigen Jahren ein Problem entstehen lassen, dass er nun nicht mal mehr eben so los wird - und bestimmt nicht mit uniformierten Einsatzkräften, die in einem vollbesetzten Stadion einschreiten sollen. Ein Spiel mit dem Feuer, bei dem es nur Verlierer (und Verletzte) geben kann.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Polizei geht gegen Fans im Hertha-Block vor

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