Borussia Dortmund: Wie der Anschlag den BVB veränderte

Anschlag auf den BVB: Der kaputte Verein

Explosionen am BVB-Mannschaftsbus

Am 11. April 2017 entging Borussia Dortmund nur knapp einer Katastrophe, als drei Sprengsätze in unmittelbarer Nähe zum Mannschaftsbus detonierten. Mannschaft und Verein haben sich seither verändert, die Erwartungshaltung nicht.

Der Himmel ist bewölkt, als etwa 500 Fans des AS Monaco am Nachmittag des 11. April 2017 durch das Dortmunder Kreuzviertel in Richtung Stadion ziehen. Die Stimmung ist gut, selten reisen so viele Fans aus dem Königreich mit zu einem internationalen Auswärtsspiel des französischen Erstligisten. Manch Anwohner macht das Fenster auf, schaut dem Treiben auf der Straße zu und bekommt den Mittelfinger von den Gästen gezeigt.

Am Abend soll das Champions-League-Viertelfinale zwischen Borussia Dortmund und den Monegasse angepfiffen werden. Doch dazu wird nicht kommen.

Auf dem Weg vom Mannschaftshotel zum Stadion explodieren am Mannschaftsbus des BVB drei Bomben, Borussias Innenverteidiger Marc Bartra kommt mit einer Armverletzung ins Krankenhaus. Die gute Stimmung ist gewichen, Dortmund steht unter Schock, das Spiel wird abgesagt. Monacos Fans stehen ratlos vor dem Stadion, ursprünglich wollten sie noch am Abend zurück nach Frankreich. Unter dem Motto "Bed for Fans" kommen viele von ihnen schließlich bei gastgebenden Borussen unter. Es bleibt die einzige echte Geste der Menschlichkeit in dieser Geschichte. Eine Geschichte, in der viele Fehler gemacht wurden. Eine Geschichte, die viele Fragen offen lässt.

Schon am Tag danach wird das Spiel nachgeholt, die Stimmung im Stadion ist bedrückt, der BVB verliert 2:3 und scheidet eine Woche später aus der Königsklasse aus. Ersatztorwart Roman Weidenfeller sagt später: "Aus meiner Sicht war es unverantwortlich, das Spiel gleich am nächsten Tag nachzuholen. Wir sind ja alle keine Maschinen, sondern Menschen."

Anschlag auf BVB: Ex-Trainer Thomas Tuchel sagt aus

Die Basis nörgelt

Der Profifußball hat für sowas keine Zeit und der achtmalige Deutsche Meister verliert an diesem Tag und in der Folge viel mehr als nur ein Spiel. Trainer Thomas Tuchel und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke geraten ob der schnellen Neuansetzung des Spiels aneinander. Watzke sagt, er habe Tuchel um sein Einverständnis gefragt. Tuchel sagt, der Nachholtermin nur 24 Stunden später sei ohne ihn abgestimmt worden. An diesem Zwist zerbricht die ohnehin nicht ganz einfache Beziehung zwischen dem Trainer und dem Vereinsboss, Tuchel muss zum Saisonende gehen. Trotz des Pokalsiegs, den der BVB zwar mit großer Erleichterung aber ohne große Euphorie feiert.

Seit Tuchels Abgang sind Watzke und sein Sportdirektor Michael Zorc auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Der Holländer Peter Bosz muss im Dezember gehen, die Mannschaft kann seinen ultra-offensiven Spielstil nicht schnell genug umsetzen. Peter Stöger übernimmt, baut auf Stabilität, gewinnt Bundesligaspiele, die der BVB mit seinem Anspruch als deutsche Nummer zwei gewinnen muss - doch die Basis klagt über den tristen Fußball, den der Österreicher spielen lässt. Die Mannschaft macht spielerisch eher Rückschritte, bekommt in zwei Spielen gegen Bayern München aufgezeigt, wie groß die Lücke zwischen den einstigen Rivalen mittlerweile wieder ist. Das Stögers auslaufender Vertrag nicht verlängert wird, gilt als unumgänglich.

Unumgänglich war ein Abschied aus Dortmund auch für Marc Bartra. Der beim Anschlag verletzte Verteidiger war in Dortmund das, was viele Fans in der aktuellen Mannschaft vermissen: einen Sympathieträger, eine Identifikationsfigur, einer, der immer lächelt, wenn er aus dem Spielertunnel in Dortmund kommt und auf die gewaltige Südtribüne mit ihren 25.000 Schwarz-Gelben schaut. Doch der Anschlag hat Bartra verändert. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Sergej W. lässt er sich von seinem Anwalt zitieren: "Ich hatte Angst um mein Leben, dass ich meine Familie nie mehr sehen kann." Bartras Leistungen schwanken, im Winter 2018 zieht er die Reißleine und wechselt zurück in seine Heimat, zum spanischen Erstligisten Betis Sevilla.

"Ich hätte es nie für möglich gehalten, so viel Liebe und Unterstützung von einer der besten Fußball-Familien der Welt zu erhalten. Ihr seid ein Vorbild für alle!", wird der 27-Jährige in der Meldung auf der Vereinswebsite zitiert. Andere Spieler wechseln mit weit weniger emotionalen Worten. Der 19-jährige Ousmane Dembélé boykottiert sich schon im Sommer zum FC Barcelona, sein französischer Landsmann Pierre-Emerick Aubameyang tut es ihm im Winter nach und provoziert seinen Abgang zum FC Arsenal. In der Mannschaft lösen diese Aktionen Kopfschütteln aus. Insgesamt sieben Spieler, die im Nachholspiel gegen Monaco zum Einsatz kamen, sind heute nicht mehr beim BVB. "Dass ich zu Bayer Leverkusen gewechselt bin, hatte größtenteils sportliche Gründe, aber der Anschlag hat Einfluss auf meine Entscheidung gehabt", sagt Sven Bender.

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Alle haben sich voneinander entfernt

Oft sprechen Betroffene nach Schicksalsschlägen davon, in der Folge näher zusammen zu wachsen. In Dortmund ist das Gegenteil passiert. Der Verein - dazu gehören Fans und Mannschaft - haben sich voneinander entfernt. Sowohl untereinander als auch gegenseitig.

In der Mannschaft gibt es das Lager um die alten Haudegen Marcel Schmelzer und Nuri Sahin, die schon die Meisterjahre 2011 und 2012 prägten. Da gibt es die Nationalspieler- und Instagram-Star-Clique um Mario Götze, André Schürrle und Marco Reus. Und da gibt es eine große Zahl an Neulingen, die nicht so richtig wissen, was sie an diesem BVB finden sollen. Spieler wie Andriy Yarmolenko, Mahmoud Dahoud oder Ömer Toprak. Sie sind gezwungen, sofort zu funktionieren und die großen Fußstapfen auszufüllen, die die regelmäßigen Abgänge von Hochleistungsträgern der Kategorie Mats Hummels hinterlassen haben. Dazu gesellt sich zuletzt eine ganze Reihe von talentierten Jugendlichen aus ganz Europa. Sie heißen Jadon Sancho, Sergio Gómez oder Alexander Isak und sollen in diesem Gemisch ans Profigeschäft herangeführt werden. Die Mannschaft gleicht einem Stückwerk, welches den Ansprüchen des Dortmunder Publikums kaum noch gerecht wird.

Denn wer glaubt, in der Saison nach dem Anschlag seien die Fans im Dortmunder Stadion besonders sensibel, der täuscht. Von Stadionsprecher Nobert Dickel gerne als "die besten Fans der Welt" beschrieen, zeigt sich insbesondere der Bereich außerhalb der Südtribüne in einer schwierigen Spielzeit als grantelig. Die wiederkehrenden Pfiffe für Fehlpässe und destruktive Spielweise führten Ende Januar dazu, dass Torwart Roman Bürki einigen Zuschauern nach einem enttäuschenden 2:2 gegen Freiburg riet: "Die sollen lieber zu Hause bleiben." Marcel Schmelzer sagte vor Gericht aus, dass sein Puls heute höher schlage, wenn im Stadion Pyro gezündet wird - so wie im Heimspiel gegen Stuttgart gleich nach dem ersten Jahrestag des Anschlags. Auch darüber hinaus wirkt das Dortmunder Publikum längst nicht mehr so stimmgewaltig wie in vergangenen Jahren. Die Entlassung von Trainer Thomas Tuchel splittete das Fanlager in zwei Fraktionen. Die einen hielten Tuchel für den richtigen, erfolgreichen BVB-Coach. Die anderen hielten ihm vor, durch seine kühle, berechnende und gleichzeitig herrscherische Art, den Verein zu spalten. Die Atmosphäre in Deutschlands größtem Stadion wirkt oftmals lethargisch, euphorische Feiern mit der Mannschaft nach gewonnenen Spielen - davon gibt es beim Tabellendritten immer noch deutlich mehr als verlorene - sind Seltenheit geworden.

Was wäre, wenn...

Eine hypothetische Frage lautet: Wäre all das auch ohne den Anschlag passiert?

Vor Gericht sagt Ex-Trainer Tuchel, dass er dann wohl noch beim BVB an der Seitenlinie stünde. Bekannt ist aber auch, dass das Verhältnis zwischen Tuchel und Watzke schon vorher schwierig war. Mit Tuchels Vorgänger Jürgen Klopp konnte der BVB-Chef persönlich sehr gut, beide bezeichneten sich nach der Trennung als Freunde. Das Verhältnis zu Tuchel galt als deutlich distanzierter. Sportlich wurde unter dem Schwaben zwar kein spektakulärer kloppscher Überfallfußball mehr gespielt, dafür kontrollierter, taktisch einwandfreier und vor allem erfolgreicher Ergebnisfußball. Dennoch erschien das BVB-Konstrukt im Frühjahr 2017 auch ohne Anschlag als wackelig. Sergej W. brachte es zu Fall.

Der Deutsch-Russe wollte durch den Anschlag den Börsenkurs des BVB in den Keller jagen und so durch Aktien-Spekulationen rund eine halbe Million Euro einstreichen. Diese Pläne hat er vor Gericht mittlerweile gestanden, angeklagt ist er wegen versuchten Mordes in 28 Fällen.

Die Richter wollen auch klären, welche Auswirkungen der Anschlag bis heute für die Betroffenen hat. Marcel Schmelzer sagte dazu aus: "Wenn irgendwo ein Teller runterfällt, zucke ich zusammen." Und Roman Weidenfeller: "Man ist immer noch unglaublich schreckhaft. Ich habe psychologische Hilfe in Anspruch genommen, aber man ist es gewohnt, immer das Bestmögliche aus sich rauszuholen." Das letzte Jahr beweist: Viel weniger akzeptierten der Fußball und seine Fans nicht.

(cbo)