Borussia Dortmund: Lucien Favre soll Fans und Mannschaft wieder vereinen

BVB-Neustart : Favre soll Fans und Mannschaft wieder vereinen

Seit Jürgen Klopp den Verein verließ, ist der BVB auf der Suche nach sich selbst. Drei Trainer durften sich versuchen. Insgesamt 780 Millionen Euro wurden für Spieler eingenommen und ausgegeben - mit mäßigem Erfolg. Im Sommer stand der nächste Umbruch an, dieses Mal soll alles gut werden.

„Alles auf neu – jeder bekommt seine Chance“, prangte es auf einem riesigen Banner vor der Südtribüne, als die Spieler von Borussia Dortmund am vergangenen Sonntag erstmals in dieser Saison ins heimische Stadion einliefen. Das Heimspiel gegen RB Leipzig sollte den Auftakt des „neuen BVB“ markieren: Neue Personen im Umfeld, neue Spieler auf dem Platz, eine neue Einstellung der Fans im Stadion und einmal mehr ein neuer Trainer auf der Bank. Als vierter Trainer in drei Jahren übernahm Lucien Favre im Sommer beim BVB. Der 60-Jährige gilt, genau wie sein vor einem Jahr entlassener Vorvorvorgänger Thomas Tuchel, als absoluter Fußballfachmann. Doch anders als Tuchel soll Favre einen Draht zum Verein finden, zu den Menschen auf den Tribünen und den Spielern auf dem Rasen. Er soll eine klare, attraktive Spielidee entwickeln und Spieltage wieder – so propagiert es das BVB-Marketing seit einiger Zeit – zu „Feiertagen“ machen.

Teil dieser Mission ist, dass sich der neue Übungsleiter zum Amtsantritt jeden Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle mit Handschlag vorstellte und sich am Donnerstagabend vor dem ersten Heimspiel rund 400 Fanclubvertretern präsentierte. In den wenigen Sätzen, die er dort sprach, bat er vor allem um Verständnis, Ruhe und Geduld. Denn: „Wir sind noch nicht lange zusammen, es braucht seine Zeit, bis alles klappt.“ Oder: „Wir wollen attraktiv Fußball spielen, aber es wird Spiele geben, wo das nicht funktioniert. Da müssen wir Ruhe bewahren – und ihr auch.“ Der neue Trainer bringt natürlich ein neues Spielsystem mit und weiß, dass seine Spieler seine Idee von Fußball erstmal verinnerlichen müssen. „Wir und ihr müsst Geduld haben“, bittet Favre deshalb. Der Fanabend war ein gegenseitiges Beschnuppern, und der Schweizer präsentierte sich so, wie man es von ihn erwartet: zurückhaltend, fast schüchtern, aber dann doch deutlich und volksnah. Auf die Frage, ob die Mannschaft künftig wieder den Kloppschen „Vollgas-Fußball“ oder zumindest attraktiven Offensiv-Fußball spielen werden, antwortete Favre mit: „Am besten alles.“ Ob er die Bedeutung des Derbys gegen Schalke 04 kenne? „Ja, verlieren ist da verboten.“ Von den Fans gab es dafür Gelächter und Applaus.

Vier Tage später gab Favre gegen Leipzig schließlich seine Heimpremiere. Er sah, wie sein Team eine frühen Rückstand wegsteckte und letztlich 4:1 gewann. Er sah vor allem, dass es vor der nächsten Aufgabe, am Freitagabend in Hannover (20.30 Uhr) "viel zu korrigieren" gibt. Und Favre sah, wie das Dortmunder Publikum tickt: Wie Stadionsprecher Norbert Dickel Minuten vor dem Anpfiff auf dem Rasen stand und wie vor jedem Heimspiel die einzelnen Tribünen abfragte: „Wie ist die Stimmung?“ schreit Dickel dann stets in sein Mikro - und die Fans auf den Rängen antworten der Reihe nach mit eben solchem Gebrüll: „Heeey!“. Am lautesten wird es zum Schluss, wenn Dickel die Südtribüne, die größte Stehplatztribüne der Welt, fragt. Hier, wo 25.000 Menschen den psychischen Motor des Dortmunder Fußballspiels bilden. Wo die Stimmung an guten Tagen ein Spiel entscheiden kann und an schlechten Tagen der eines gelangweilten und genervten Teenagers gleicht oder sogar ins negative Umschlagen kann.

Letzteres kam in der vergangenen Saison wesentlich häufiger vor als ersteres. Manch Profi habe zum Ende hin gar Angst gehabt, ins eigene Stadion einzulaufen, heißt es. Zu negativ war die Energie des schwarz-gelben Anhangs. Zwei Meisterschaften, zwei Pokalsiege, ein Champions-League-Finale zwischen 2011 und 2017 haben Spuren hinterlassen, auch auf der „Gelben Wand“, als welche die Dortmunder Fantribüne gerne bezeichnet wird. Erfolg verwöhnt, und im Erfolg trifft man häufig schlechte Entscheidungen.

Dazu gehört in Dortmund auch, dass der Verein seine Heimspiele zwar als „Feiertage“ bewirbt, zuletzt aber eine Mannschaft ohne ausgeprägtes Identifikationsvermögen präsentierte: Erfolgstrainer Jürgen Klopp verließ den Klub 2015, Führungsspieler Mats Hummels ging ein Jahr später zu den Bayern, Schüsselspieler wie Ilkay Gündogan oder Henrich Mchitarjan nach Manchester. Leistungsträger der erfolgreichen Klopp-Jahre, wie Sven Bender, Neven Subotic oder Nuri Sahin sind weg oder spielen sportlich keine Rolle mehr. Dafür kamen Spieler wie der hochtalentierte Jungspund Ousmane Dembélé. Er überzeugte, streikte und zog nach nur einem Jahr für viel Geld weiter. 780 Millionen Euro transferierte der BVB seit Sommer 2015. 34 Spieler gingen, 32 Spieler kamen, einige blieben kaum ein Jahr, es gab Disziplinlosigkeiten und Grüppchen innerhalb der Mannschaft.

Entsprechend zog die Vereinsführung im Sommer die Reißleine. "Der Umbruch wird deutlich ausfallen", kündigte Watzke schon Mitte Mai in einem Interview an. Drei Monate später sind immerhin sieben Spieler gegangen – weitere sollen den Verein noch verlassen – und im Gegenzug sieben neue gekommen. Dabei habe man bei der Spielerwahl darauf geachtet, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen: „Im Zweifel haben wir damals immer versucht, den technisch besten Spieler zu holen, aber nicht den mit der besten Mentalität oder Führungsstärke“, sagt Watzke. Letzteres sollen nun vor allem Thomas Delaney (26) von Werder Bremen und der belgische Nationalspieler Axel Witsel (29) mitbringen. Auch dem im Winter aus Basel geholten Manuel Akanji (23) trauen sie in Dortmund zu, Führungsverantwortung zu übernehmen. Akanji und Delaney sitzen zur neuen Saison bereits im Mannschaftsrat, gemeinsam mit Julian Weigl (22) Marcel Schmelzer (30), Kapitän Marco Reus (29) und dessen Stellvertreter Lukasz Piszczek (33).

Zusätzlich holte man die Ex-Borussen Matthias Sammer und Sebastian Kehl ins Team. Gemeinsam mit Watzke und Sportdirektor Michael Zorc bilden sie nicht nur eine Chat-Gruppe; Sammer hilft als externer Berater bei Transfers und sportlichen Entscheidungen, Kehl soll als Leiter der BVB-Lizenzspielerabteilung vor allem Zorc entlasten und Bindeglied zwischen Mannschaft und Fans sein. Vor allem sollen die beiden Neue frische Energie bringen, wenn nötig auch durch Reibung. Watzke beschreibt das wie folgt: „In den Jahren des Erfolges hat man immer das Problem, dass man sich Schulterklopfer an Land zieht, die alles gut finden. Das ist bei Sebastian Kehl und Matthias Sammer definitiv nicht ausgeprägt. Die beiden sind relativ schwierig, weil sie auch mal gegen den Strich bürsten, aber gleichzeitig so loyal, das gemeinsame Ziel im Auge zu haben.“

Ob das neuformierte Team und das ebenso neuformierte Team hinter dem Team die Hoffnungen und Erwartungen des Angangs erfüllen kann, bleibt noch abzuwarten. Im ersten Pflichtspiel der Saison, im Pokal auswärts in Fürth, brauchte das Favre-Team viel Glück und 120 Minuten, um sich zu einem 2:1-Sieg zu mühen. Auch der Sieg gegen hochgehandelte Leipziger im besagten Neuanfang-Spiel stimmte Favre nicht zufrieden.

Das wohl hoffnungsvollste Neuanfang-Signal war an beiden Spieltagen jedoch ohnehin vor dem Anpfiff zu beobachten: Geschlossen trat die Mannschaft vor den Anhang, und statt wie zum Ende der vergangenen Spielzeit unter Schimpf und Schande fortgeschickt zu werden, bekamen die Profis nun wieder Mut machenden Jubel und Beifall. „Wir wollen wieder eine Einheit bilden, das ist uns letzte Saison abhanden gekommen“, sagte Marco Reus, der neben Favre und Kehl ebenfalls zum Fanabend kam.

Wie leicht sich das Feuer zwischen Anhang und Mannschaft in Dortmund noch immer entfachen lässt, zeigten im vergangenen Jahr die ersten Spiele unter Peter Bosz. Nach sieben Spieltagen stand der BVB mit 19 Punkten auf Platz eins, die Südtribüne sang von der Meisterschaft und beantwortete Norbert Dickels Tribünen-Umfrage besonders euphorisch. Sieglose acht Spieltage später, nach einer 1:2-Heimpleite gegen Bremen, war die Stimmung schon wieder vollends gekippt.

An diesem sensiblen Gebilde namens Borussia Dortmund darf sich nun der sensible Lucien Favre versuchen. Es ist ein Experiment, über das am Ende der Erfolg entscheidet – und die Stimmung auf der Südtribüne.

(cbo)
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