Anschlag auf den Mannschaftsbus: Wie der 11. April 2017 Borussia Dortmund veränderte

Anschlag auf den BVB: Wie der 11. April 2017 Borussia Dortmund veränderte

Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund jährt sich zum ersten Mal. Der 11. April 2017 hat das Gefüge des gesamten Vereins bis heute verändert.

Der Abend beginnt wie jeder normale Europapokalabend. Auf den Zufahrtstraßen stehen die Autos im Stau, über den Tribünen liegt das leise Kribbeln der Vorfreude, es summt ein bisschen. Aber es wird kein normaler Europapokalabend. Heute vor einem Jahr detonieren unter und neben dem Mannschaftsbus von Borussia Dortmund bei der Abfahrt zur Begegnung mit der AS (Association Sportive) Monaco Sprengsätze. Der BVB-Profi Marc Bartra wird verletzt. "Die Spieler stehen unter Schockstarre", sagt Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Trotzdem stimmt er dem Uefa-Plan zu, das Spiel am Abend zwar abzusagen, aber am nächsten Tag bereits nachzuholen. Beim Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter Sergej W. sagt der BVB-Torwart Roman Weidenfeller im Frühjahr vor dem Dortmunder Landgericht: "Der Vorfall hat mein Leben verändert. Die Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen." Der Attentäter hat offenbar auf einen Fall der BVB-Aktie gewettet.

Der 11. April 2017 ist nicht nur deshalb ein bemerkenswertes Datum, weil er ins Bewusstsein rückt, dass die scheinbar unverletzlichen Hauptdarsteller des großen Unterhaltungsgeschäfts Fußball doch verletzbar sind und wozu Habgier Menschen bewegen kann. Der Tag bezeichnet auch ziemlich genau den Beginn einer sportlichen Krise, in der die Borussia bis heute steckt und aus der sie sich mit einer Erneuerung ihrer Führungsstrukturen befreien will.

Zerwürfnis zwischen Watzke, Zorc und Tuchel

Denn im April vor einem Jahr gelangt in die Öffentlichkeit, was zuvor nur im inneren Zirkel des Vereins diskutiert wurde: Es gibt ein tiefes Zerwürfnis zwischen Watzke und Sportdirektor Michael Zorc auf der einen und Trainer Thomas Tuchel auf der anderen Seite. Deutlich wird das, weil sich beide Seiten in der Aufarbeitung des Anschlags vorwerfen, die Unwahrheit zu sagen. Tuchel behauptet, Watzke habe die Neuansetzung des Spiels gegen Monaco ohne Rücksprache durchgesetzt. Watzke beteuert, Tuchel sei eingeweiht und einverstanden gewesen. Plötzlich ist die Rede von mangelnder Harmonie zwischen Teilen der Mannschaft und dem Coach. Watzke tritt dem nicht entgegen. Er bestätigt öffentlich den Streit mit dem erfolgreichen, aber eigenwilligen Trainer. In einem Interview sagt er: "Ja, das ist so."

Damit bekommen die Vorgänge um den Klub eine eigene Dynamik. Tuchel muss trotz des Siegs im DFB-Pokalfinale gehen. Der Bruch ist offensichtlich nicht zu kitten. "Der größte Dissens zwischen mir und Watzke war, dass ich im Bus gesessen habe und er nicht", erklärt Tuchel als Zeuge vor Gericht.

Watzke und Zorc holen den Niederländer Peter Bosz als Trainer. Nach einer anfänglichen Siegesserie stolpert der BVB in Niederlagen, weil Bosz ein dazu nicht genügend abgestimmtes Team hemmungslos nach vorn jagt. Haarsträubendes Abwehrverhalten löst einen Sturz von der Tabellenspitze ins tiefe Mittelfeld aus. Sang- und klanglos verabschiedet sich der Klub aus dem europäischen Wettbewerb.

Sammer und Kehl sollen den BVB wieder auf Kurs bringen

Das ist besonders schlimm für einen Verein, der seine Klasse und seine wirtschaftliche Kraft über die Champions League definiert. Auf Bosz folgt bald Peter Stöger, der ein wenig Normalität bringt - allerdings auch nur durchschnittlichen Fußball. Im Hintergrund beginnen die Aufräumarbeiten. Der Kader wird durchleuchtet, für zahlreiche Spieler wird es wohl keine Zukunft geben, ebensowenig für den Trainer. Die nächsten Entscheidungen der Führungscrew müssen passgenau sitzen. Das steht fest. Dafür haben sich Watzke und Zorc den ehemaligen BVB-Coach Matthias Sammer als Berater und den ehemaligen Kapitän Sebastian Kehl als künftigen Teammanager ins Boot geholt.

Sie sollen den dicken BVB-Tanker, der nach dem Europacupspiel in schweres Wasser geraten ist, wieder auf Kurs bringen.

(pet)
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