Borussia Dortmund: Trainer Lucien Favre macht den BVB besser

Fußball-Bundesliga : Favre macht Dortmund besser

Im Sommer hat der Trainer aus der Schweiz den BVB übernommen. Die Tabellenführung ist kein Zufall, sondern Produkt einer hingebungsvollen Detailarbeit. Vor Euphorie warnt der Coach.

Generationen von Sportwissenschaftlern mögen sich bereits den Kopf darüber zerbrochen haben, wie man einen Fußballer besser macht. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Lucien Favre (60) hat sie bestimmt schon tausendmal gegeben: „Mit Arbeit.“ Er könnte auch sagen: „Mit Kleinarbeit.“ Der Schweizer Fußballtrainer ist geradezu verliebt in die Details des Spiels. Und er wird nicht müde, seinen Spielern die Fußhaltung um Zentimeter zu korrigieren, Abläufe einzustudieren, die vielzitierten Laufwege zu üben. Es vergeht kein Trainingstag, an dem Favre keine kleinen Sonderschichten mit seinen Fußballern einlegt. Das zieht sich durch seine Karriere. Und das ist selbstverständlich auch bei Borussia Dortmund so.

Vor allem die jungen Spieler sind regelmäßig ziemlich begeistert von ihrem Lehrer. Das war in Berlin bei Hertha BSC so, das war bei Borussia Mönchengladbach so, und daran hat sich in Dortmund nichts geändert. „Er macht mich besser“, sagt Jacob Bruun Larsen (20). Er steht damit für viele, die durch Favres Hände gegangen sind.

Natürlich wird der BVB-Trainer auch vor dem Spiel beim VfB Stuttgart immer wieder mal auf seine Erfolge in der Aufbauarbeit bei talentierten Nachwuchsspielern im Allgemeinen und bei der westfälischen Borussia im Besonderen angesprochen. Er begegnet solchen Gesprächsansätzen mit einem leise verhuschten Lächeln und seinem Mantra: „Wir müssen Geduld haben, und wir haben noch viel Arbeit.“ In der Regel platziert er noch gern den Satz: „Es ist schwer.“ Und manchmal sagt er auch: „Es ist nicht so leicht.“ Dann zieht er die Augenbrauen ein bisschen nach oben und bekommt ganz große Augen, damit auch niemand übersieht, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Und vor allem: Dass es nicht selbstverständlich so weitergeht.

Favre hat sich immer auch als Mahner verstanden. Beifall findet er wie jeder in diesem Geschäft schön, aber er bremst euphorische Erwartungen. Das ist durchaus keine Koketterie. Ein leiser Pessimismus liegt ihm im Wesen. In Berlin und ganz besonders in Mönchengladbach, wo er über vier Jahre arbeitete, führte das zu verzweifelten Rücktrittsgesuchen in vierteljährlichen Abständen. Im größten Erfolg sah er stets die größten Berge vor sich. Er hat sie schließlich doch bestiegen, so dass seine jeweiligen Vereinsführungen die wiederkehrenden Verzweiflungsattacken („das geht nicht mehr, es ist zu schwer“) als kauzige Charaktermerkmale abtaten. Als er dann doch mal Ernst machte und Gladbach zu Beginn der Saison 2015/16 verließ, war das eine echte Überraschung.

Von Abschiedsgedanken in Dortmund, das seine Detailarbeit in kurzer Zeit an die Spitze der Bundesliga gespült hat, kann keine Rede sein. Und selbstverständlich hält Favre seine Mission nicht für beendet. Er sieht Nachholbedarf in der Schulung seiner jugendlichen Defensive. Und ein leises Grausen erfasst ihn, wenn sein Team wie so oft in dieser jungen Saison mal wieder zurückliegt. Das passt so gar nicht in seinen Plan. Aber er hat dem BVB zumindest so viel Selbstvertrauen verpasst, dass die Mannschaft mit Rückständen umgehen kann. Es wirft sie nicht aus der Bahn wie in der zurückliegenden Saison. Denn sie hat Lösungen gelernt – auch das ist ein Ergebnis seiner detailverliebten Arbeit.

Bevor das begeisterungsfähige BVB-Umfeld im Bewusstsein eines Vierpunkte-Vorsprungs auf den großen Rivalen Bayern München allerdings völlig abhebt, findet Favre in der augenblicklichen Personalsituation zu seinem eigenen Glück Anlass zu profunder Warnung. Marco Reus, Lukasz Piszczek, Raphael Guerreiro und Ömer Toprak sind angeschlagen; Manuel Akanji, Marcel Schmelzer, Christian Pulisic und Marius Wolf fallen aus. „Die Belastung der Spieler ist viel zu hoch“, klagt der Coach Auf der anderen Seite steht neue Motivation in Gestalt des neuen Trainers Markus Weinzierl. Und „eine gute Mannschaft“, wie Favre sagt. Das sagt er aber immer.

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