Borussia Dortmund kontert Angriff des FC Bayern München mit einem 1:0-Sieg in Leipzig

Dortmund wehrt Bayerns Angriff ab: Witsel erledigt seinen Auftrag

Bayern Münchens erster Angriff ging ins Leere. Angeführt von Axel Witsel siegte Borussia Dortmund bei RB Leipzig mit 1:0. Damit hält der Tabellenführer den Sechs-Punkte-Vorsprung auf den Rekordmeister.

Wenn mal jemand den 70er-Jahre-Kinohit „Car Wash“ neu verfilmen will, sollte er dringend Axel Witsel auf die Besetzungsliste nehmen. Mit seiner dunklen Lockenpracht könnte er geradewegs aus dem Soul-Streifen auf den Fußballplatz gesprungen sein. Über seine gesanglichen Qualitäten ist zwar bis jetzt nichts überliefert, über seine fußballerischen Fähigkeiten allerdings schon. Die sind zumindest beinahe filmreif. Der 30-Jährige mit dem auffälligen Afro-Look ist Borussia Dortmunds Königstransfer. Der Klub hat sportliches Können, Mentalität und Führungsqualität erworben, als er den Mittelfeldmann von Tianjin Quanjin nach Westfalen holte. Den vorläufig letzten Nachweis außerordentlicher Klasse führte Witsel beim 1:0-Erfolg in Leipzig zum Auftakt der Rückrunde.

Er war neben Torhüter Roman Bürki der überragende Spieler seiner Mannschaft. „Ein echter Stratege, wie man sich ihn wünscht“, urteilte sein Sportdirektor Michael Zorc. Witsel organisierte das Mittelfeldspiel, und an ihm konnten sich die Kollegen in schwierigen Phasen aufrichten. Der Belgier bot ihnen den Halt, den vor allem unerfahrene Fußballer ab und zu brauchen. Solche Aufgaben erledigt Witsel mit großer Selbstverständlichkeit. Er hat entscheidenden Anteil daran, dass der BVB Tabellenführer ist. Und er lieferte in Leipzig wesentliche Beiträge dazu, dass der BVB souveräner Tabellenführer geblieben ist.

Den ersten Angriff des selbstbewussten Verfolgers Bayern München, der am Freitag mit einem 3:1-Sieg in Hoffenheim vorgelegt hatte, haben die Dortmunder abgewehrt. Dass Witsel in Leipzig das Tor des Tages erzielte, passt wunderbar ins Bild. Mit der Leichtigkeit des Könners schmetterte er den Ball nach einer Ecke unter die Latte. „Ein schönes und wichtiges Tor“, sagte er, aber er sagte auch, was die Teamspieler dieser Tage immer sagen: „Ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte.“

Große Reden oder lautes Getöse sind nicht sein Ding. Er erledigt seinen Auftrag, und er findet eine Führungsrolle ganz normal. Er nimmt sie seit seiner Jugend ein. Und es ist eine der unerklärlichen Wendungen des Profifußballs, dass Witsel erst am späten Nachmittag seiner Laufbahn in einer der großen Ligen Europas auftaucht. Denn Spieler mit seiner Ruhe am Ball, seinem Blick für die Räume und sein Talent, Spielentwicklungen vorauszuahnen, sind selten. Große Kulissen machen ihn so wenig nervös wie knappe Spielstände oder wilde gegnerische Attacken. „Ich bin ein Typ, der auch in Druck- oder Stresssituationen ruhig bleibt“, hat er mal der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ gesagt.

Dortmund benötigte diese Qualität in Leipzig, als der Gastgeber nach längerer Anlaufphase ins Rollen kam und den Tabellenführer unter Druck setzte. „Wir wussten, dass es ein sehr hartes Spiel sein würde“, erklärte Witsel. Der BVB bestand diese Probe mit dem notwendigen Glück. Und er legte dabei eine neue Bestmarke vor. Bislang war es in dieser Saison noch keiner Mannschaft gelungen, in Leipzig zu gewinnen. Die Dortmunder konnten das auch deshalb mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, weil sie im Spitzenspiel des 18. Spieltags auf ihren Kapitän Marco Reus (Bänderdehnung) verzichten mussten. „Es ist gut für uns zu sehen, dass es auch ohne Marco geht“, betonte Torwart Bürki, der ebenfalls wesentliche zum Auswärtssieg beigetragen hatte.

Die ersten Münchner Versuche, fernmündlich für Unruhe beim Spitzenreiter zu sorgen, verhallten so zunächst einmal. Bayerns Trainer Niko Kovac hatte nach dem phasenweise eindrucksvollen 3:1 in Hoffenheim schon mal genüsslich festgestellt: „Wir haben den Druck aufgebaut. Die Bundesliga wird langsam wieder interessant. Wir sind bereit für die Verfolgungsjagd.“

Das hat die Dortmunder offensichtlich nicht erschüttert. Sie behaupten ihren Vorsprung von sechs Punkten, und sie scheinen dem ewigen Auftrag ihres Trainers Lucien Favre bereitwillig zu folgen. Das Schweizer beteuert nicht erst seit Saisonbeginn: „Wir denken von Spiel zu Spiel.“ Nicht nur in dieser Hinsicht ist Witsel ein Musterschüler. „Wir denken nur an uns, an unser Spiel“, versicherte der Belgier, „mir ist ganz egal, was die Bayern sagen.“

Wie die Münchner weiß er natürlich, dass die Meisterschaft nicht am ersten Rückrundenspieltag entschieden wird. „Heute haben wir gute Arbeit geleistet, nächste Woche geht es weiter“, erklärte er. Die nächsten Aufgaben für den Tabellenführer und seinen Verfolger sind zumindest ähnlich. Dortmund bekommt es mit den abgestürzten Hannoveranern zu tun, die Bayern empfangen den VfB Stuttgart. Da werden sicher nicht viele Experten auf Auswärtssiege wetten.

Wahrscheinlicher als Erfolge von Hannover und Stuttgart ist, dass der Wettbewerb um den Titel ein Zweikampf wird. Der fußballerische Abstand von Dortmund und Bayern zum Rest der deutschen Bundesliga-Welt ist beträchtlich. Das mussten auch die Leipziger einsehen. „Wir haben nicht die Ambitionen, auf Mannschaften wie Bayern München und Dortmund zu schauen“, räumte Leipzigs Trainer/Manager Ralf Rangnick ein. Das war eine eine ebenso schmerzhafte wie fachkundige Einsicht.

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