Uli Hoeneß tritt ab: "Krakeelende" Fans stören Abschied

Ex-Bayern-Präsident sauer : „Krakeelende“ Fans stören Hoeneß-Abschied

Ein halbes Jahrhundert lang hat Uli Hoeneß den FC Bayern mitgeprägt. Entsprechend emotional ist es bei seinem Abschied. Nur am Ende gibt es doch noch Misstöne.

Mit seiner neu gewonnenen Freizeit konnte der rüstige Rentner Uli Hoeneß erst einmal nichts anfangen. In seinem Terminkalender stehe "fast nichts drin", und "am Golfplatz in Bad Wiessee liegt Schnee, also fällt auch das aus", sagte der 67-Jährige nach seinem emotionalen Abschied als Präsident von Bayern München. Doch dass die langjährige "Abteilung Attacke" sich am Tegernsee im Unruhestand befinden dürfte, machte sie gleich in den ersten Stunden nach ihrem Servus überdeutlich - mit einem Frontalangriff in bester Hoeneß-Manier.

Ja, es sei ein "wunderschöner Abend" gewesen, an den "ich noch lange denken" werde, meinte Hoeneß ergriffen, "sauwohl" habe er sich gefühlt - "aber dann fangen diese Wortmeldungen an. Dann kam wie immer das alte Chaos". Diese Wortmeldungen haben Tradition, am Ende der Jahreshauptversammlungen dürfen die Mitglieder loben oder Kritik üben. Hoeneß aber hat von dieser Art der Folklore genug.

Die "Krakeeler" hätten diese "super Veranstaltung unter dem Deckmantel der Demokratie und der freien Meinungsäußerung beschädigt", schimpfte er. Wenn die Leute, die sich da "aufgeilen und hochpushen" so unzufrieden seien, rufe er ihnen zu: "Bleibt's doch zu Hause, gebt eure Mitgliedschaft zurück! Dann haben wir wieder Ruhe. Es ist keiner gezwungen, Mitglied beim FC Bayern zu sein." Rumms. "Ich war kurz davor, auf die Bühne zu gehen", behauptete er.

Immerhin: Diese Eskalation ersparte er seinem Klub und seinen Erben um den neuen Präsidenten Herbert Hainer. Dennoch machte Hoeneß' Tirade weit nach Mitternacht klar, dass er in seiner Abschiedsrede ("Das war's. Ich habe fertig!) nur die halbe Wahrheit sprach. Selbstverständlich war's das noch nicht. Jetzt, als sechster Ehrenpräsident, könne er seine Meinung sogar "deutlicher sagen", weil sie nicht mehr direkt auf den Verein zurückfielen.

Einzig in der Trainerdiskussion hielt sich Hoeneß zurück. Ob er sich wie viele Fans die Rückkehr von Pep Guardiola wünsche? "Vor drei Tagen hätte ich die Frage vielleicht noch beantwortet", sagte das künftig nur noch einfache Aufsichtsratsmitglied, aber "jetzt fühle ich mich nicht mehr autorisiert." Stattdessen lobte er Hansi Flick, den Karl-Heinz Rummenigge "bis Weihnachten und möglicherweise darüber hinaus" zum Cheftrainer befördert hatte.

Rummenigge bleibt den Bayern noch bis Ende 2021 erhalten, dann soll ihn Oliver Kahn ablösen. Der einstige "Titan" war der heimliche Star des Abends, er erhielt mehrmals tosenden Applaus. "Da hast du viel Arbeit, um diese Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen", rief ihm Hoeneß scherzhaft zu. Volkes Zustimmung für Kahn dürfte Hoeneß ebenso gefallen haben wie die überwältigende Mehrheit (98,1 Prozent) für Hainer. Der frühere adidas-Chef war "stark berührt" vom Plazet der Mitglieder. "Ich liebe diesen Verein!", rief er ihnen voller Stolz zu.

Nur am dritten Mann, den Hoeneß für sein Erbe auserkoren hat, scheiden sich die Geister. Der designierte Sportvorstand Hasan Salihamidzic war das Lieblingsziel der von Hoeneß attackierten Anhänger. Neben Hoeneß sprang ihm Rummenigge zur Seite. "Ich darf Sie bitten, Hasan zu vertrauen", sagte er. Ja, Uli Hoeneß sei als Manager "die Benchmark für alle" gewesen, "aber Hasan ist auf einem guten Weg. Geben Sie ihm eine Chance, er verdient sie".

Wie Salihamidzic, Kahn und Hainer seinen FC Bayern zu führen haben - auch das hinterließ ihnen Hoeneß an diesem denkwürdigen Abend. "Der Verein muss sozial sein, selbstbewusst - nicht arrogant", sagte er, und: Der "Tanker" FC Bayern müsse immer "geradeaus fahren, nicht nach links schauen - und schon gar nicht nach rechts". Und sollte er doch einmal vom Kurs abkommen, wird der alte Kapitän Hoeneß sicher eingreifen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Hoeneß kämpft mit den Tränen

(sid/old)
Mehr von RP ONLINE