Düsseldorf Der tiefe Fall eines Fußballidols

Düsseldorf · Uli Hoeneß Erfolge stehen nun im Schatten. Dabei gefiel er sich immer in der Rolle des wohlmeinenden Patriarchen des FC Bayern.

Uli Hoeneß: Der tiefe Fall eines Fußballidols
Foto: dpa, mum kno

Im Januar 2012 ereignete sich in München die bis dato größte Geburtstagssause für eine lebende bayerische Legende: Uli Hoeneß. Er war am 5. Januar 60 Jahre alt geworden. 475 illustre Gäste gaben "dem Uli" die Ehre. Beim Beatles-Klassiker "Hey Jude", gesungen von Thomas Gottschalk und dem Jubilar, schmolzen alle dahin: Hochkaräter der deutschen Wirtschaft, Buntfasane der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft, politische Zwölfender, der Vereinsadel des FC Bayern. Auch jemand, der es in der Millionärsbranche Profifußball zum Monarchen gebracht hat: Franz Beckenbauer.

Der, den sie nicht einmal ironisch "Kaiser" nennen, gratulierte "dem lieben Uli" in der unnachahmlichen Beckenbauer'schen Leichtigkeit des ewigen Sonntagskindes: "Bleib gesund. Das ist das Wichtigste. Naja, fast das Wichtigste. Die auf der "Titanic" waren auch alle gesund. Aber die hatten kein Glück. Deshalb wünsche ich dir auch Glück." Kopfnicken auf allen Plätzen: "Recht hat er, der Franz, der Kaiser. Wie hat er das wieder wunderbar launig gesagt."

Auch Uli Hoeneß, der gegen hohen Blutdruck Pillen nimmt ("Das ist so bei Herren in meinem Alter", sagte er einmal in einem Interview) fand, dass Kaiser Franz mal wieder den richtigen Ton getroffen hatte. Hoeneß mag sich tatsächlich gedacht haben: "Reich bin ich, altersgemäß fit auch, allein das Glück, das verdammte Ding, das bleibt nicht ewig bei einem." Gestern, nachdem das verflixte Urteil gesprochen worden war, war das Glück perdu. Der Erfolg als Fußballstar, als Präsident des FC Bayern, seines Vereins, bei dem er zur Not auch den Stadionrasen mähen würde, die gewinnbringende Wurstfabrik in Nürnberg — alles steht nun im Schatten. Es sind schon Menschen an solchen Lebens-Abstürzen zugrunde gegangen.

Hat womöglich jeder Mensch, also auch ein Uli Hoeneß, ein persönliches Glücks-Konto, das irgendwann überzogen ist, von dem nichts mehr abgehoben werden kann? Blenden wir zurück auf den 16. Mai 1982: Ein Sportflugzeug stürzte beim Anflug auf Hannover-Langenhagen in einen Forst. In der kleinen Propeller-Maschine saßen der Pilot und drei Passagiere. Drei Menschen wurden in Särgen aus dem Wrack getragen. Einer überlebte, total derangiert, im Forst umherirrend, nur leicht verletzt. Der Überlebende war Uli Hoeneß. Man sprach von einem Wunder. Die vier Freunde waren in München aufgebrochen, wollten zum Fußball-Länderspiel Deutschland-Portugal. In München weinte ein anderer Fußballkumpel von Uli Hoeneß: der jetzige FC-Bayern-Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Als man in der FC-Bayern-Zentrale in der Säbener Straße erfahren hatte, dass die Piper mit Uli und den drei anderen plötzlich vom Radar verschwunden war, glaubte Rummenigge, er werde den Freund und Manager nicht lebend wiedersehen.

Hoeneß hatte, wie man landläufig sagt, unverschämtes Glück. Er hatte hinten in der Maschine gesessen und war kurz nach dem Start eingeschlafen. Schöner psychischer Nebeneffekt: Hoeneß bekam den Absturz nicht mit, empfand folglich keine Todesangst, hat keinerlei Erinnerung an den Crash, folglich kein Trauma. Er stieg bald wieder in Flugzeuge, was blieb ihm als Großmanager des Sports auch anderes übrig; nur die kleinen Einmotorigen meidet er seither. Man soll ja sein Glück nicht herausfordern, oder? Als ein Förster ihn damals durch den Forst kriechend entdeckte, stammelte er etwas wie "ich friere".

Jetzt spürte Hoeneß wieder Kälte, diejenige der Rechtsprechung, diejenige der Staatsanwaltschaft, diejenige von sogenannten Freunden in Sport, Politik, Medien, die keine Freunde in der Not sind. Manche reihen sich gar ein in die Häme-Front derjenigen, die Hoeneß in die Brühe mit den abgefeimten Kriminellen tunken.

Hoeneß, den man in Bayern wegen seiner belegbaren Großherzigkeit als "Vater Teresa vom Tegernsee", als "Seele des Vereins Bayern München", als "Mutter aller Manager" gepriesen hat, hört nun nicht selten von denselben Charakterhelden: "In den Knast mit ihm!" Er mag ein Verächter der Kapitalertragsteuer sein; würde er nun zum Menschenverächter, wunderte das nicht.

Uli Hoeneß ist wie alle Individuen von einiger Bedeutung ein Mensch in seinem Widerspruch, eine Persönlichkeit mit mehreren Gesichtern, zahlreichen Facetten. Ob diese wenigstens seiner fabelhaften, Bodenhaftung und Contenance wahrenden Frau Susi, seiner Tochter Sabine, seinem Sohn Florian bekannt sind? Wie schrieb der große Otto von Bismarck: "Es gibt Falten in meiner Seele, in die ich niemanden blicken lasse."

Der spielsüchtige Uli Hoeneß, in der Hinsicht ein armer-reicher Mann, dem laut Rummenigge beim urbayerischen Kartenspaß "Schafkopfen" seine bisherigen Mitspieler so viel Geld abnahmen, wie mancher Bayern-Spieler verdient, hat seine größte Sucht offenbar verheimlicht — eine Zeitlang wohl auch vor sich selbst: das gesundheitlich und letztlich auch finanziell schädliche Zocken an den Börsen dieser Welt; mit irrwitzig hohen Summen. In der Hoch-Zeit der Leidenschaft, die Leiden schuf, zockte Hoeneß beinahe Tag und Nacht. Saß er auf der Tribüne und langweilte ihn eine Spielphase, konnte es passieren, dass er mittels Taschen-Pager seiner Zürcher Bank Order gab.

Derselbe Mann, der in TV-Talkrunden über größenwahnsinnige Finanzakrobaten herzog, der sich auch selbstgerecht als ehrlich-dummen Steuerzahler vermarktete, trieb es via Schweizer Geheimkonto so toll, wie das in dem Ausmaß niemand bei "dem Uli" für möglich gehalten hat. Derselbe Kopf- und Herzensmensch, der gefallenen Menschen mit Geld und Zuwendung auf die Beine half, der alle Vortragshonorare für Kinderkrebs-Stationen spendete, der sich nicht bloß mit Worten für Tschernobyl-Geschädigte und Gewaltopfer einsetzte, derselbe Uli Hoeneß schlich steuerrechtlich teilweise durch dunkle Gassen.

Im "Faust" heißt es, ein guter Mensch in seinem dunklen Drange sei sich des rechten Weges wohl bewusst. Hoeneß sagte über sich und sein Abirren: "Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch." Alle, die Hoeneß kennen, die echten Freunde sowieso, werden sagen: "Genau so ist es, Uli."

(RP)
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