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Lenkt Uli Hoeneß den FC Bayern München sogar aus dem Gefängnis?

Analyse : Was wird aus dem FC Bayern ohne Uli Hoeneß?

In ein paar Wochen muss der ehemalige Präsident des Fußball-Rekordmeisters ins Gefängnis. Schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass er als mächtiger Mann in den Klub zurückkehren wird. Vielleicht lenkt er den Verein sogar aus der Haft.

Wenn's wichtig wird, dann geht auch der Titan unter die Schriftsteller. In einem Beitrag für die "Bildzeitung" schrieb der ehemalige Nationaltorwart Oliver Kahn: "Wer Uli Hoeneß abschreibt, kennt ihn schlecht." Kahn kennt den Erfinder des modernen Bayern München sehr gut. Und deshalb glaubt der einstige Schlussmann, dass Hoeneß nach Verbüßung seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung als mächtiger Mann in seinen Klub zurückkehren wird.

Wegen der Verurteilung zu dreieinhalb Jahren Gefängnis war Hoeneß von seinen Ämtern als Präsident des Gesamtvereins und Vorsitzender des Aufsichtsrats zurückgetreten. Vermutlich nach Ostern wird er seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Landsberg antreten.

Die einstweilige Erbfolge im Fußball-Unternehmen FC Bayern München ist geregelt — ganz sicher unter tätiger Mithilfe des geständigen Steuerhinterziehers. Herbert Hainer, der Adidas-Chef, übernimmt den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden, Hoeneß' langjähriger Gefolgsmann Karl Hopfner ist als Präsident nominiert. Die Mitglieder werden diesen Vorschlag ganz bestimmt artig abnicken.

In den maßgeblichen Rollen des operativen Geschäfts gibt es keine Änderungen. Deshalb ist kaum zu erwarten, dass der wichtigste deutsche Fußballklub kurzfristig aus dem Gleis geraten könnte. Hoeneß hat ihn wirtschaftlich und sportlich so aufgestellt, dass weder in dieser noch in der nächsten Saison ernste Gefahren drohen. Das ist für die zurzeit abgehängten einstigen Mitbewerber im Lande eine schlechte Nachricht.

Die wesentlichen Spieler mit Ausnahme von Toni Kroos sind fest und langfristig gebunden. Den Wunschtrainer Pep Guardiola hat Hoeneß sich und dem Klub noch selbst besorgt — ebenso wie den Sportdirektor Matthias Sammer, der sich schon im vergangenen Jahr gelegentlich darin üben konnte, Hoeneß als Polterer im Kabinengang und Mahner in guten Zeiten zu vertreten. Auf dem Sessel des Klubchefs sitzt Karl-Heinz Rummenigge, auch ein Vertrauter des Vereinspatrons.

Hoeneß wirkt also bereits durch die führenden Figuren weiter. Er hat dem FC Bayern und seinen 400 Angestellten die Idee von einer Klubfamilie eingepflanzt. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber als Mitglied des Aufsichtsrats sagt: "Uli Hoeneß wird immer die Seele des Vereins sein."

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Er war und ist aber noch mehr. Hoeneß hat nicht nur den Geist des FC Bayern geprägt und ihm ein unverwechselbares Gesicht gegeben, er ist auch immer der Mann hinter den wesentlichen Personalentscheidungen gewesen. Als Manager hat er den letzten Endes schnell gescheiterten Modernisierungsversuch mit Trainer Jürgen Klinsmann gewagt. Er holte Louis van Gaal als Übungsleiter, und er feuerte ihn wieder, obwohl er sich schon vom Managerposten zurückgezogen hatte. Er setzte seinen Freund Jupp Heynckes als Trainer durch, und er verschaffte ihm für die fraglos übertriebene Ablösesumme von 40 Millionen Euro den Wunschspieler Javi Martínez. Und er brachte die Verhandlungen mit Guardiola zum Abschluss. All das tat er nicht mit dem Mandat eines leitenden Angestellten, sondern in der von allen Beteiligten im Klub getragenen Gewissheit, dass Hoeneß der FC Bayern ist.

Daran hat sich nichts geändert. Das beweist bereits die Tatsache, dass der Rekordmeister auf den vorübergehenden Verlust seines wichtigsten Amtsträgers nur mit Miniatur-Korrekturen im Führungspersonal reagierte. Die Ober-Bayern gehen offenkundig fest davon aus, dass Hoeneß nach Ablauf seiner Haftstrafe, die er bei guter Führung wohl kaum zu mehr als der Hälfte absitzen muss, wieder ans Regiepult zurückkehren wird. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass er an den wesentlichen Entscheidungen selbst im Gefängnis beteiligt bleibt. Hoeneß hat sich diesen Verein und dessen Zukunft ausgedacht. Und er hat darauf geachtet, dass sich der FC Bayern nicht vollends von Uli Hoeneß emanzipiert. Dass ihm das gelungen ist, unterstreicht die Reaktion des Klubs auf seinen Rücktritt ebenfalls. Der FC Bayern sieht (noch) keine Alternative zum Vereinspatron. Deshalb wartet er.

Das wiederum lässt nur einen Schluss zu: Hoeneß' Zeit als entscheidende Figur im Gesamtkunstwerk FC Bayern ist noch nicht vorbei. Nicht beim Antritt der Haft und schon gar nicht nach deren Ende. In der Zwischenzeit wird sich zeigen, ob das Fußballunternehmen mit Sitz im Münchner Stadtteil Giesing im Sinne seines Erfinders funktioniert, auch wenn der wichtigste Mann nicht zugegen ist.

(RP)