Jetzt ledert auch Mats Hummels gegen Joachim Löw

Mats Hummels über Ausbootung aus Nationalmannschaft : „Art und Weise stößt bei mir auf Unverständnis“

Mats Hummels hat sich zu seiner Ausbootung aus der deutschen Nationalmannschaft geäußert und Bundestrainer Joachim Löw dafür kritisiert, wie er mit altgedienten Spielern umgeht. Ähnlich hatten es schon Jerome Boateng und Thomas Müller getan, die auch betroffen sind.

Stillosigkeit, falsches Timing, menschliche Kälte, mangelnde Wertschätzung - Joachim Löw steht nach anfänglichem Lob für seine Konsequenz in schneidendem Gegenwind. Am Donnerstag meldete sich auch der tief enttäuschte Mats Hummels zu Wort und erhöhte den Druck auf den Bundestrainer nach dessen radikalem Schnitt für die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft zusätzlich. Die Art und Weise der Ausbootung von Thomas Müller, Jerome Boateng und Hummels sorgt für Unverständnis.

"Thomas, Jerome und ich haben jahrelang alles für die Nationalmannschaft gegeben, und dieser Umgang wird dem, was wir geleistet und erreicht haben, in meinen Augen nicht gerecht", teilte Hummels per Twitter und Instagram mit und ließ die Öffentlichkeit an seinen Gefühlen teilhaben. "Das lässt mich alles andere als kalt, weil ich es geliebt habe, für Deutschland zu spielen. Nach meinem Dafürhalten hatte ich zu den handelnden Personen beim DFB immer ein gutes Verhältnis, und wir sind stets fair miteinander umgegangen."

Löw hat mit seiner mutigen Entscheidung auch seine eigene Zukunft aufs Spiel gesetzt. Karl-Heinz Rummenigge zögerte nicht, ihm das deutlich vor Augen zu führen. "Löw hat damit natürlich auch eine große persönliche Verantwortung übernommen", betonte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern nach der Ausbootung des Weltmeister-Trios von 2014. "Denn von Fußball-Deutschland wird jetzt erwartet, dass die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 gelingt." Diese, setzte er hinzu, finde schließlich "auch in München statt".

Löw hat sich besonders dort keine Freunde gemacht. Ohnehin ist das anfängliche Lob für seine Konsequenz verklungen. Was der kicker sehr detailliert berichtete, zeichnete allerdings auch kein gutes Bild: Boateng sei im Obergeschoss der Bayern-Zentrale in "gefühlten fünf Minuten" über sein Aus informiert worden, wie auch Müller "ohne Blickkontakt". Diese Informationen können nur von Bayern-Seite stammen, womöglich von den Spielern selbst.

Müller habe nach Löws Eröffnung noch eine Erklärung verlangt. Im Gegensatz zu Hummels, dessen Verabschiedung "nach zwei Minuten beendet" gewesen sei. Auch damit ist wohl Müllers scharfe Video-Replik zu erklären, die er mit "Das Spiel ist noch nicht aus" kämpferisch abschloss.

"Einfach sauer" sei er, perplex und verständnislos, Löw habe keinen Stil bewiesen, klagte Müller: "Mit Wertschätzung hat das nichts zu tun." Hummels Worte gingen in die gleiche Richtung. "Unabhängig von der aus meiner Sicht schwer nachvollziehbaren sportlichen Entscheidung (die ich natürlich respektiere), stößt die Art und Weise bei mir auf Unverständnis", äußerte Hummels.

An Müllers Aussagen ist ein Passus besonders interessant: Der 100-malige Nationalspieler spricht von "suggerierter Endgültigkeit" in den "vorgefertigten Statements". Hat Löw etwa im persönlichen Gespräch einen anderen Eindruck hinterlassen? Seine öffentlichen Aussagen lassen keine Hintertür offen. Bayern-Trainer Niko Kovac nannte dies "nicht richtig", Spieler würden mit 29 oder 30 Jahren als "altes Eisen" abgestempelt.

Die Schar der Kritiker ist groß. Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann ließ sich bei Sky aus: "Diese Spieler durch die Nations League tingeln zu lassen und ihnen dann, wenn es zur Sache geht, zu sagen, sie werden nicht mehr gebraucht, halte ich für unsäglich. Das wird den Bundestrainer noch einholen." Jürgen Kohler, Weltmeister von 1990, sagte: "Umsetzung und Zeitpunkt sind sehr unglücklich."

Löw plant nach SID-Informationen auch keine ausführlichere Erklärung seiner Motive. Der Bundestrainer wird sich damit beschäftigen, die Mannschaft der Zukunft aufzustellen, in der Marco Reus, Joshua Kimmich oder Julian Draxler und Leon Goretzka viel Verantwortung zukommen wird.

Nachrücker könnten Arne Maier, Niklas Stark (beide Hertha BSC), Maximilian Eggestein (Werder Bremen), Danny da Costa (Eintracht Frankfurt) oder Maximilian Arnold (VfL Wolfsburg) werden. Löw wird dies bei der Kadernominierung am 15. März beantworten. Es folgen das Spiel gegen Serbien in Wolfsburg am 20. März und der Auftakt der EM-Qualifikation in den Niederlanden vier Tage später.

Darüber hinaus stellt sich die drängende Frage: Muss noch jemand gehen? Angesichts der ständigen Weltklasseleistungen von Marc-Andre ter Stegen im Tor des FC Barcelona scheint ein Wechsel geboten. Löw hat diesen bereits angedeutet und sich damit selbst die Vorlage zum Vollzug gegeben - zum Leidwesen von Manuel Neuer.

Ein anderer Brennpunkt könnte das Mittelfeld werden. "Toni Kroos wird der nächste sein müssen, und zwar zeitnah", sagt Olaf Thon. Nach dem Aus von Real Madrid in der Champions League ist diese Forderung sehr populär.

Löw hat sich aufs Drahtseil begeben. Er wird wahrscheinlich weitere harte Entscheidungen nicht scheuen.

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(sef/sid)