FC Bayern München: Stiller Abgang von Jerome Boateng

Verteidiger auf dem Abstellgleis : Boatengs stiller Abschied aus München

Vor einem Jahr war Jerome Boateng noch ein wichtiger Faktor beim FC Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft. Nach dem unwürdigen Aus beim DFB deutet sich auch in München ein Abschied durch die Hintertür an.

Das DFB-Pokalfinale in seiner Geburtsstadt Berlin war für Jerome Boateng stets ein Festtag - auch wenn er am Ende nicht immer den Cup gewann. Familie, Freunde und Bekannte fieberten im Olympiastadion mit ihrem Jerome, nach dem Spiel zogen sie gemeinsam durch die Nacht bis die Shisha-Pfeifen qualmten. Doch bei seinem sechsten Heim-Finale ist alles anders, es schwingt ein Hauch von Abschied mit.

"Bei Bayern München, meine Situation, wie sehe ich die?", fragte Boateng am Rande eines Werbe-Drehs in dieser Woche und gab sich die ehrliche Antwort selbst: "Es ist glaube ich für beide Seiten nicht die optimale Saison gewesen." Deshalb plante Trainer Niko Kovac für Samstagabend gegen RB Leipzig mit dem einstigen Abwehrchef auch nicht in der Startelf - wie so oft zuletzt.

Vor einem Jahr war Boateng, einer der Finalhelden beim deutschen WM-Triumph 2014 in Rio, noch ein wichtiger Faktor in der Nationalmannschaft und bei den Bayern. Ein historisches WM-Desaster und zwölf Monate später hat er ein unwürdiges Aus im DFB-Team hinter sich - und in München droht ihm ein Abschied durch die Hintertür. Die Bayern, das ist ein offenes Geheimnis, würden ihn bei einem entsprechenden Angebot abgeben. "Wie geht's weiter? Es ist ein bisschen so, dass ich mich überraschen lasse", sagte Boateng Anfang Mai.

Während das Meisterschaftsfinale am vergangenen Wochenende für Boatengs langjährige Teamkollegen Franck Ribery, Arjen Robben und Rafinha zur emotionalen Abschiedsparty wurde, schien der 30-Jährige bereits abgeschlossen zu haben. Der Party auf dem Rasen verweigerte er sich ebenso wie der internen Feier auf dem Nockherberg, stattdessen weilte er auf der Hochzeit eines Freundes.

Im Sommer 2018 hatte Kovac den fast schon sicheren Wechsel von Boateng zu Paris St. Germain noch verhindert. Und jetzt? Mit den Weltmeistern Lucas Hernandez und Benjamin Pavard haben die Bayern bereits zwei Abwehrspieler für zusammen 115 Millionen Euro verpflichtet. Für Boateng scheint da kaum mehr Platz zu sein, obwohl er noch zwei Jahre Vertrag hat.

In der Hinrunde habe er "nicht so gut gespielt", sagte Boateng, "da bin ich ehrlich zu mir selbst". Die Rückrunde sei dagegen "sehr ordentlich" gewesen - "wenn ich gespielt habe". Das tat er zumindest in den wichtigen Duellen wie gegen Dortmund (5:0), im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Liverpool (1:3) oder im Liga-Schlussspurt in Leipzig (0:0) und gegen Frankfurt (5:1) nicht mehr. Im Pokal-Halbfinale in Bremen kam er nur zum Einsatz, weil Niklas Süle gesperrt war. Er hätte sich gewünscht, dass er "in den wichtigen Spielen mehr gespielt hätte", gibt Boateng unumwunden zu.

In acht Jahren FC Bayern hat Boateng 286 Pflichtspiele bestritten (acht Tore), er hat als Stammspieler die Champions League und sieben Meisterschaften gewonnen. Doch als Legende verehrt wie "Robbery" wird er nicht. "Ich war immer ein Spieler, der beim FC Bayern in den wichtigen Spielen da war", sagte Boateng, "deswegen habe ich überhaupt keine Bedenken, dass mir da irgendwas nachgesagt wird."

(ako/sid)
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