DFB-Pokal gegen Mainz Härtetest für das System Nagelsmann

Analyse | München · Der FC Bayern ist schwach ins neue Jahr gestartet. Der Trainer bietet mit seinen Entscheidungen Angriffsflächen. Er braucht dringend Erfolge. Noch ein Lehrjahr wird er in München nicht bekommen. Im DFB-Pokal darf sich das Team keinen Patzer erlauben.

Nicht zufrieden mit seinem Team: Bayern Münchens Trainer Julian Nagelsmann ruft in der Partie gegen Frankfurt etwas Richtung Spielfeld.

Nicht zufrieden mit seinem Team: Bayern Münchens Trainer Julian Nagelsmann ruft in der Partie gegen Frankfurt etwas Richtung Spielfeld.

Foto: dpa/Sven Hoppe

Es ist noch gar nicht so lange her, da schallten schon einmal laute Klagegesänge aus der Firmenzentrale des Fußball-Großunternehmens Bayern München. Rund ums Oktoberfest im vergangenen Jahr war das. Ungeheuerliche vier Spiele in Folge hatte der Abo-Meister nicht gewonnen, in Augsburg sogar mit 0:1 verloren. Fünf Punkte lag er hinter Tabellenführer Union Berlin auf Platz fünf. Es war die schlechteste Zwischenbilanz seit 2010. Sportvorstand Hasan Salihamidzic blickte finster aus seinem dunklen Bart und forderte: „Jetzt müssen Siege her.“

Das Team von Trainer Julian Nagelsmann, der sich einstweilen von langwierigen Erklärungen in die beredte Einsilbigkeit verabschiedet hatte, lieferte tatsächlich. Bis zur Winterpause war alles, wie sich das die Verantwortlichen im Kosmos Bayern so vorstellen – komfortable Tabellenführung, überlegener Fußball, von Konkurrenz keine Spur. Aber nun das: Dreimal trat der Titelverteidiger im neuen Jahr auf den Bundesliga-Rasen, davon zweimal daheim, und es gab lediglich drei 1:1-Unentschieden. Ein Pünktchen Vorsprung auf Union Berlin retten die Münchner vorläufig, bis Platz fünf sind es nur drei Punkte, selbst der zur Winterpause abgeschlagene einstige Mitbewerber Borussia Dortmund ist wieder in Sichtweite. Zeit für zünftigen Alarm in München.

Schließlich kommen jetzt die wichtigen Spiele des Frühjahrs, am Mittwoch im Pokal in Mainz (20.45 Uhr/ARD), danach in der Bundesliga in Wolfsburg und gegen Bochum und dann im Champions-League-Achtelfinal-Hinspiel bei Paris Saint Germain. Ein erneut vorzeitiges Scheitern im wichtigsten europäischen Wettbewerb werden die Bayern-Bosse dem immer noch erst 35-jährigen Trainer kaum verzeihen können.

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Nagelsmann verspricht „schonungslose Analysen“, wie sie der Mannschaft bereits im zurückliegenden Herbst wieder in die Spur verholfen haben sollen. Und er beruhigt die eigenen Nerven mit der Feststellung: „Bei Bayern München ist immer Unruhe, wenn du nicht gewinnst.“ Was er nicht sagt, jedoch ebenfalls weiß: Die Unruhe wird noch deutlich höher, wenn die Umstände des Nicht-Gewinnens so sind wie im ersten Monat des Jahres 2023.

Augenblicklich reicht den Gegnern der vermeintlich so Unantastbaren ein kompaktes Abwehrspiel, um die bayerische Auswahl an Hochbegabten in eine ideenlose Breitwandbelagerung des Strafraums ohne großen Chancen-Ertrag zu zwingen. Auf der anderen Seite genügt in der Regel ein konzentrierter Vorstoß durch freundlich gelockerte Münchner Abwehrreihen für den Torerfolg – zuletzt sehr eindrucksvoll von Eintracht Frankfurt vorgeführt. Der aufstrebende Gast vom Main erzielte seinen Treffer bei einem Angriff in 2:6-Unterzahl. Da bekam nicht nur Vorstandschef Oliver Kahn auf der Ehrentribüne der Münchner Arena ein ziemlich dickes Gebiss.

Nagelsmann sind die Fehler sicher nicht entgangen. Er verspricht eine zügige „interne“ Aufarbeitung. Und er wird sich vermutlich mit leisem Schaudern vorstellen, wie es aussehen kann, wenn statt Kölner und Frankfurter Bundesliga-Profis die Herren Neymar, Kylian Mbappé und Lionel Messi von Paris Saint Germain in den Genuss derartigen Entgegenkommens der Bayern kommen sollten.

Es könnte sein, dass Nagelsmann, den die Münchner 2021 für eine stolze Ablösesumme von 25 Millionen Euro als Versprechen auf eine glorreiche Zukunft von RB Leipzig geholt hatten, in diesem Frühjahr so langsam um sein eigenes Fortkommen beim Meister spielt. Das System Nagelsmann, so viel ist sicher, steht nun im Härtetest. Gelehrte Vorträge und ein Training nach allen Erkenntnissen der Wissenschaft werden ohne entsprechende Ergebnisse kaum als Argumente für dieses System gelten.

Im anspruchsvollen Wertekanon der Münchner ist der Meistertitel längst zum Pflichtprogramm geworden, das frühe Ausscheiden aus DFB-Pokal und Champions League in der vergangenen Saison wurde Nagelsmann noch als Teil eines Gewöhnungsprozesses zugestanden (Lehrgeld, wenn man so will). Im zweiten Jahr darf es allerdings schon ein bisschen mehr sein.

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Ausgerechnet jetzt bietet der junge Trainer, den niemand mit Waffengewalt von der eigenen Klasse überzeugen muss, Angriffsflächen. Einerseits durch die Resultate und die Art und Weise, wie sie zustandekommen. Andererseits zum Beispiel durch personelle Entscheidungen, die er gemeinsam mit der Vereinsführung fällte. Nur wenige Wochen nach dem für mindestens ein halbes Jahr vorhergesagten Ausfall des Nationaltorwarts Manuel Neuer bekam dessen Freund und Bayerns Torwarttrainer Toni Tapalovic die Papiere. Wer dabei Böses denkt, der muss nicht einmal ein großer Schelm sein.

Mit solchen Zügen will Nagelsmann die Hausmacht stärken. Das kann jedoch nur gelingen, wenn er forsche Taten mit Ergebnissen flankiert. Wenn nicht, dann könnte es ihm tatsächlich so ergehen wie einem seiner Vorgänger. Louis van Gaal verantwortete den Hinrunden-Fehlstart 2010, und nach Rückrunden-Niederlagen gegen Borussia Dortmund und Hannover 96, im Pokal gegen Schalke 04 und im Champions-League-Achtelfinale gegen Inter Mailand wehte es ihn aus dem Amt. Das hatte sich nach Doublegewinn und Einzug ins Finale der Champions League im frühen Sommer 2010 auch niemand vorstellen können.

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