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Bundesliga: Leon Goretzka ist zur Führungskraft beim FC Bayern geworden

Chef im Mittelfeld : Leon Goretzka ist zur Führungskraft beim FC Bayern geworden

In der Corona-Pause hat sich Leon Goretzka ordentliche Muskelpakete zugelegt. Aber nicht nur wegen der körperlichen Präsenz ist er zu einer Führungskraft bei den Bayern aufgestiegen.

In einer anderen Welt würde die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag gegen Frankreich in die Europameisterschaft starten. In München, vor ausverkauftem Haus. Die Stadt wäre voller Gäste aus allen möglichen Ländern, sie würde richtig summen. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw würde vermutlich von einer Welle getragen, und im Stadion herrschte ein Krach, an den sich in Zeiten geisterhafter Corona-Spiele die meisten, wenn überhaupt, nur mit Schmerzen erinnern. Ganz sicher wäre Leon Goretzka (25) in seiner Wahlheimat ein Stammspieler in Löws Elf.

Er ist es auch – zumindest virtuell – in dieser Welt, die wegen der Pandemie nur das künstliche Fußballprodukt ohne Zuschauer bietet, ohne Emotionen, ohne all das Beiwerk, das den Zirkus erst zum Zirkus macht. Denn Goretzka hat sich beim FC Bayern von einem Hochbegabten unter sehr vielen Hochbegabten zu einem Schlüsselspieler aufgeschwungen. An der Seite von Joshua Kimmich (noch so ein 25-Jähriger) bildet er ein „Mittelfeld, das das Herz der Mannschaft darstellt“, wie der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sehr zu Recht feststellt.

Das wäre auch in der Nationalmannschaft so, die ganz natürlich vom wichtigsten Klub der Republik geprägt wird. Kimmich kennt diese Rolle einer wesentlichen Gestaltungskraft bereits, er hat sie sich früh reserviert. Und spätestens, seit Löw ihn von der rechten Außenbahn ins zentrale Mittelfeld versetzt hat, auf die Position, für die Taktik-Wissenschaftler die Nummer sechs erfunden haben, ist Kimmich auf dem Platz für den Rhythmus zuständig und außerhalb dafür, dass ein jeder versteht, was zuvor stattgefunden hat. Er ist zum Klassensprecher geworden.

Goretzka kam in den Planspielen der Nationalmannschaft bislang noch nicht als Führungskraft vor. Er hat oft überzeugt durch seine Torgefährlichkeit und seinen Blick fürs Spiel, aber er wirkte trotzdem eher unauffällig, vergleichsweise zurückhaltend, manchmal fast schüchtern. Das aber ändert sich gerade. Als das Virus die Spieler ins Homeoffice geschickt hatte, packte der schlaksige Kerl die Hanteln aus. Mit einem ausgiebigen Krafttraining schaffte er sich ein ordentliches Muskelpaket an. Und weil er es nicht übertrieben hat wie der ehemalige Bremer Torhüter Tim Wiese, der sich auf der Hantelbank in eine Kopie der Comicfigur Hulk verwandelte, helfen Goretzka die Muskeln bei seinem Spiel. „Er hat aktuell eine wahnsinnige Präsenz auf dem Platz“, sagt sein Trainer Hansi Flick.

Goretzka bestreitet mit erkennbar gewachsenem Körper die Zweikämpfe in den zentralen Positionen mit viel mehr Nachdruck, er holt sich Bälle wie ein Wiedergänger der großen Stefan Effenberg und Michael Ballack, ohne sich über Gebühr dabei aufzupumpen. Und wie Ballack entwickelt er enorme Torgefahr. Seine Spielintelligenz erlaubt es ihm, genau dann den gegnerischen Aufbau zu unterbinden, wenn die Chance auf schnelle Gegenangriffe besteht, und genau dann in den gefährlichen Räumen vor dem Tor aufzutauchen, wenn es dort etwas zu gewinnen gibt. Das können nur die ganz Guten.

Er ist längst auf dem Weg, ein ganz Guter zu werden, einer, den man nicht mehr an anderen misst, sondern nur noch an der Größe Goretzka. Einer, der unverwechselbar wird durch sein Spiel. Für seinen Aktionsraum haben sich die Taktiker in England das Wort „Box-to-Box“-Spieler ausgedacht. Es bezeichnet den Arbeitsplatz auf einer geraden Linie zwischen den Strafräumen. Goretzka scheut sich allerdings nicht, bei Bedarf den Arbeitsplatz in die Strafräume zu verlegen. Das macht ihn so außergewöhnlich. Und weil zu einem außergewöhnlichen Sportler zumindest gelegentlich eine außergewöhnliche Persönlichkeit gehört, beschränkt sich Goretzkas öffentliches Wirken nicht auf den Fußballplatz. Er ist ein erfreulich politischer Mensch, und er bezieht Stellung – gegen Rechtsextremismus und für die gesellschaftliche Verantwortung der so oft dem normalen Leben entrückten Klasse der Berufssportler.

In der beginnenden Corona-Zeit gründete er gemeinsam mit Kimmich (kein Zufall) die Aktion „We kick Corona“. Je eine halbe Million Euro brachten die beiden Fußballer ein. Ihre Spenden gehen nach eigenen Angaben an karitative Vereine, an die Tafeln oder an Obdachlose. Die Begründung: „Als Profi-Fußballer führen wir ein gesundes und privilegiertes Leben. Daher sehen wir uns in dieser schwierigen Zeit verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen. Geben und gegenseitig helfen ist für uns in dieser Zeit das Gebot der Stunde.“ Kollegen und Trainer haben sich angeschlossen, fünf Millionen Euro sind so bereits zusammengekommen.

Das ist mindestens so beeindruckend wie die Muskelpakete, die sich der einst so dünne Mann aus Bochum draufgeschafft hat. „Er ist sich seiner Vorbildfunktion als Nationalspieler bewusst“, urteilt Löw. Und er findet es nicht verwerflich, mit der positiven Haltung sehr offensiv umzugehen, das heißt eben auch: ein bisschen damit zu kokettieren. Tue Gutes und sprich darüber, ist als Maxime immer noch viel, viel besser als nichts zu tun.

Für Goretzka kommt Tatenlosigkeit nicht in Frage. Er hat nur sehr genaue Vorstellungen davon, was er auf und außerhalb des Platzes tun und sagen muss. Auf diese Weise geht er durch sein Fußballerleben, es folgt einem Plan. Als 17-Jähriger wurde er beim VfL Bochum Profi, als 18-Jähriger wechselte er zu Schalke 04, und mit 23 Jahren ging er zu den Bayern. Mit 25 ist er dort so richtig angekommen. Goretzka ist erwachsen geworden – das sieht man nicht nur an seinem Körper.

Die EM ist nun im nächsten Jahr. Wahrscheinlich mit Zuschauern und ganz bestimmt mit Goretzka.