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Bayer Leverkusen: "Wir haben das geklärt"

Bayer Leverkusen : "Wir haben das geklärt"

Stefan Kießling spricht im Interview über falsche Bescheidenheit bei Bayers Saisonzielen, seine Skepsis gegenüber öffentlich zugänglichen Leistungsdaten und über ein notwendiges Gespräch zwischen Trainer und Team.

Laut einer Studie der Bundesregierung sind 560.000 Deutsche internetsüchtig, weitere 2,5 Millionen gefährdet. Sie auch, Herr Kießling?

Stefan Kießling (lacht) Ich? Nein, um Gottes Willen. Außer meiner Facebook-Seite hab ich damit nicht viel am Hut. Ich schreibe ab und zu etwas und lese die Kommentare.

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, über diesen Weg mit den Fans zu kommunizieren?

Kießling Ich finde es sehr positiv und denke, es kommt bei den Leuten auch gut an. Mir geht es darum, dass meine Fans auch mal mitbekommen, was ich privat so mache. Und dass es da oft um ganz normalen Alltag geht, wie einen Zoo-Besuch mit der Familie.

In Ihrem Internet-Profil sind Sie derjenige, der schreibt. Ansonsten wird über Sie berichtet. Fühlen Sie sich generell zu schlecht bewertet?

Kießling Als Spieler sieht man seine Leistung meist anders als die Medien. Ich schüttle halt manchmal den Kopf, wenn ich in einer Bewertung lese "Rannte sich die Lunge aus dem Leib, war aber unglücklich beim Abschluss" — und ich hatte nicht einmal einen Torschuss. Also konnte ich auch kein Tor machen. Das regt mich dann, ehrlich gesagt, schon auf. Ich bin nunmal eher der Typ, der für die Mannschaft ackert, der macht und tut, als da vorne herum zu stehen und vielleicht am Ende ein, zwei Tore mehr zu machen.

Heute kann jeder Daten über Laufleistung, Zweikampfverhalten oder Fehlpassquoten einsehen. Wie bewerten Sie das?

Kießling Ich sehe das kritisch. Weil manchmal Zahlen täuschen können. 80 Prozent deiner Pässe können angekommen sein, aber wenn die drei Fehlpässe zu Gegentoren führen, warst du natürlich nicht gut. Genauso kannst du drei Tore gemacht haben, bist aber nur acht Kilometer gelaufen. Mit der Interpretation dieser Daten muss man vorsichtig sein.

Ihre Laufleistung steht eigentlich nie in der Kritik. Trotzdem: Fehlt Ihnen in den entscheiden Situationen vor dem Tor nicht manchmal das Quäntchen Luft und Konzentration?

Kießling Nehmen wir das Wolfsburg-Spiel vom Samstag: Ich glaube, wenn ich am Ende ein bisschen mehr Luft gehabt hätte, hätte ich den Ball vielleicht reingemacht. (Kießling schob den Ball beim Stand von 3:1 an den Pfosten, Anm. d. Red.) Andererseits gehört es einfach zu meinem Spiel dazu, mich komplett auszupowern.

Umso mehr muss Sie die Ohnmacht im Spiel bei den Bayern gestört haben. Oder war die Blamage gegen Köln noch schlimmer?

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Kießling Die Niederlage gegen Köln war definitiv schlimmer. Weil ich auch nicht weiß, ob die Partie in München sonst so gelaufen wäre. Die Leistung gegen Köln war unter aller Sau, war unentschuldbar und darf nicht passieren. Da haben wir als Mannschaft einfach versagt.

In der Kritik stand danach vor allem der Trainer. Es ist viel vom neuen, anderen Ansatz von Robin Dutt die Rede. Wie sieht der konkret aus?

Kießling Wir arbeiten sehr viel im taktischen Bereich. Unsere Stärke war bis dato aber immer das Kurzpassspiel, der Spielaufbau. Gegen Bremen, Stuttgart und Dortmund hat ja auch alles funktioniert. Aber nach den zwei schlechten Spielen gegen Köln und München haben wir Spieler gesagt, wir müssen uns vielleicht mal zusammensetzen und gucken, wie man beide Vorstellungen mischen kann. Bei unserer Mannschaft muss du in punkto Offensive eigentlich nur sagen "Spielt, macht, tut", weil wir vorne immer ein Tor machen können.

Über das Verhältnis zwischen Trainer und Team wird viel gemutmaßt.

Kießling Das Verhältnis ist gut. Natürlich ist es schwierig, wenn ein neuer Trainer kommt. Nichtsdestotrotz haben wir das gut miteinander geklärt. Wir sind jedenfalls guter Dinge, dass wir unsere Ziele erreichen.

Weil der Trainer sich die Meinung der Spieler anhört?

Kießling Als Spieler darf man sich nicht über jede Entscheidung eines Trainers aufregen. Das ist nicht richtig. Das macht man nicht. Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig, dass der Trainer in der Mannschaft Meinungen einholt. Es ist einfach wichtig, dass eine Mannschaft und ihr Trainerstab miteinander kommunizieren und Dinge gemeinsam anschieben.

Robin Dutt hält daran fest, dass er mit Bayer mittelfristig einen Titel gewinnen will. Ist diese Spielzeit womöglich nur eine Übergangssaison?

Kießling Ich habe nach dem Dresden-Spiel gedacht: "Ich war in Berlin, und ich möchte da wieder hin, und jetzt verlieren wir hier schon in der ersten Runde." Das war also schon mal in die Hose gegangen. Dann kommt das Spiel in Mainz, wir verlieren wieder, und du denkst, "Das gibt es doch gar nicht. Wir wollten doch einen guten Start hinlegen." Wenn ich mir jetzt die Tabelle angucke, sind es aber wieder nur drei Punkte bis Rang zwei. Es ist also alles möglich. Und wir haben eine Super-Mannschaft.

Was muss in den kommenden Spielen noch besser werden?

Kießling Man hat gesehen, dass die Variante mit zwei Stürmern eine gute Option ist. Wobei wir gegen Wolfsburg gar nicht mit zwei echten Stürmen angetreten sind, weil ich auf der zehn agiert habe. Es hat aber gut geklappt, weil man vorne immer wusste, es ist jemand da, der hilft.

In der Champions League liegt Bayer nach dem Sieg über Genk im Soll. Im Vorfeld überraschte die Vereinsführung mit der Betonung des Minimalziels Platz drei. Sollte das nicht für einen Verein wie Leverkusen eine Selbstverständlichkeit sein?

Kießling Das unterschreibe ich so. Wir treten nicht in dieser Gruppe an, um hinter Genk zu landen, und finden das okay. Dass es passieren kann, dass du hinter Valencia und Chelsea Dritter wirst, ist klar. Aber Rang drei kann nur das absolute Minimum sein, das wir anstreben.

Stefan Klüttermann führte das Gespräch.

(RP)