Leon Bailey: Kommentar zu der Jamaika-Farce

Kommentar zum Leverkusener Starspieler : Was Leon Bailey aus der Jamaika-Farce lernen sollte

Die Allüren seines Stiefvaters, der gleichzeitig auch sein Berater ist, schaden dem Standing von Leon Bailey. Der Bayer-Akteur sollte dahingehend seine Sinne schärfen. Ein Kommentar.

Als Bayer Leverkusen vor rund einem halben Jahr das Pokalhalbfinale gegen Bayern München 2:6 verlor, hatte Craig Butler genug. Über Instagram ließ er seinen Frust freien Lauf und beklagte, dass Leon Bailey zunächst nur auf der Bank gesessen habe, zu spät ins Spiel gekommen sei, zu viel Defensivarbeit verrichten müsse und von seinen Mitspielern nicht oft genug angespielt werde. Für einen Fan wäre das vielleicht eine verständliche Reaktion. Doch die Tirade, die sich vor allem gegen Trainer Heiko Herrlich und dessen Entscheidungen richtete, hatte einen weit prominenteren Absender: Butler ist Leon Baileys Stiefvater und Berater. Es ist beileibe nicht der einzige Ausrutscher des irrlichternden Jamaikaners, der immer wieder durch skurrile Aktionen und Äußerungen auffällt.

Das jüngste Kapitel ist die Länderspiel-Farce und der offene Clinch mit dem jamaikanischen Fußballverband, der sich angeblich nicht an die Absprache gehalten hat, bei Baileys erstem Länderspiel für sein Heimatland auch dessen Stiefbruder Kyle Butler zu nominieren. Der Verdacht liegt nahe, dass Butler seinen beim österreichischen Zweitligisten FC Juniors OÖ kickenden Sprössling in die Nationalmannschaft Jamaikas erpressen wollte – vermutlich für eine Marktwertsteigerung oder Prestige. Oder beides. Auf jeden Fall wirkt es unsportlich und mindestens dreist.

Der Leidtragende ist Leon Bailey, der bei Bayer 04 schon lange nicht mehr die Topleistung abruft, die ihn in der vergangenen Saison noch zum Shootingstar der Liga machten. Dennoch ist er einer der wertvollsten Profis im Kader der Werkself, was auch seinem Stiefvater bewusst ist. Der wiederum fühlt sich als Opfer einer Verschwörung und betont immer wieder den starken Zusammenhalt der Familie. Loyalität scheint dem Jamaikaner das wichtigste zu sein. Dass Bailey aus einfachsten Verhältnissen stammt und auch durch Butlers Engagement ein Name im europäischen Fußball wurde, stärkt die enge Bindung zusätzlich.

Doch die steht Baileys weiterer Karriere inzwischen im Weg. Keine Frage: Der 21-Jährige ist – im Gegensatz zu seinem Stiefbruder – mit einem Talent gesegnet, das man in der Bundesliga nur selten sieht. Viele Beobachter trauen ihm zu, ein Großer im Weltfußball zu werden. Doch dafür sind die Allüren seines Beraters schädlich. Nebenkriegsschauplätze wie in der Länderspielpause tragen neben rund 16.000 Reisekilometern für nichts sicher nicht dazu bei, dass Bailey am Samstag gegen Hannover eine Topleistung bringen kann. Auch andere Vereine dürften außerdem bemerkt haben, was sich im Hintergrund des dribbelstarken Angreifers abspielt – und das ist nicht gerade eine Werbung für eine Verpflichtung. In der Premier League oder Primera Division wird ebenso professionell gearbeitet, wie in Leverkusen. Einen Klotz will sich dort niemand unnötigerweise ans Bein binden, der immer wieder von außen Unruhe in den Verein trägt.

Herrlich kündigte ein Einzelgespräch mit Bailey an. Sportgeschäftsführer Rudi Völler will zudem mit dem Berater ein ernstes Wort reden. Beide wollen ihren Spieler in die richtige Spur bringen – sportlich und charakterlich. Ein Erfolg dieser Intervention wäre für alle Beteiligten wichtig, denn Bailey schadet sich und seinem Image, wenn er sich zum Spielball des Stiefvaters degradieren lässt. Craig Butler verfolgt offensichtlich seine eigene Agenda und scheint nur wenig Skrupel zu kennen, diese durchzusetzen. Dafür die Sinne zu schärfen, ist wohl im Moment die wichtigste Aufgabe, damit Bailey sich von seinem Umfeld emanzipieren und wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann: seine unwiderstehlichen Dribblings, seine trickreichen Finten und seine überragende Technik.