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Bayer Leverkusen: König Kießling von Leverkusen

Bayer Leverkusen : König Kießling von Leverkusen

In keinem anderen Verein ist ein Spieler so populär und sportlich so unverzichtbar wie der Torschützenkönig bei Bayer 04.

Wenn am Abend des 17. Juli, um kurz nach halb neun, jemand den Sauerstoffverbrauch der vor dem Fernseher versammelten Fans von Bayer 04 gemessen hätte, er hätte einen signifikanten Rückgang gegenüber den Minuten zuvor nachweisen können. Quasi das komplette Umfeld des Werksclubs hielt nämlich für ein paar bange Momente die Luft an, weil Stefan Kießling im Testspiel gegen Udinese Calcio mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen lag. Ein verletzter Kießling — es wäre der GAU, der Größte Anzunehmende Unfall, der Bayer 04 passieren könnte, da sind sich Menschen im und außerhalb des Vereins einmal selten einig.

Entsprechend groß war gestern die Freude im Leverkusener Umfeld, als bekannte wurde, dass "Kieß" seinen noch bis 2015 laufenden Vertrag vorzeitig bis 2017 verlängert hatte. Der 29-Jährige ist der ungekrönte König von Leverkusen — mit Sympathiewerten, die ihresgleichen suchen, selbst bei Nicht-Bayer 04-Fans. Er ist Identifikationsfigur, einer, dem man seine Verbundenheit zum Verein nicht als Marketingstrategie auslegt, einer kein Geheimnis daraus macht, dass es eine Form von Lebensqualität gibt, die eben keine Gehaltserhöhung bei einem anderen Verein aufwiegen kann. Kießling ist längt Kult unter den Anhängern der Werkself, wie früher Ulf Kirsten, aber nicht so knochig, wie Bernd Schneider, aber nicht so introvertiert. Jürgen Klopp würde Kießling wohl ein Mentalitäts-Monster nennen.

Doch in den Jubelgesang darüber, dass Bayer 04 auch in Zukunft auf jemanden wie Kießling bauen kann, muss sich in einem Moment der Reflexion eben auch die Gewissheit mischen, dass die Werkself sich ihrem Star weiterhin sportlich quasi auf Gedeih und Verderb ausliefert. Sollte er sich wirklich mal schwerer verletzten, tut sich im Sturmzentrum eine Leere auf, die alle Leverkusener Saisonziele in Gefahr bringen kann. Kein anderer Bundesligist ist so abhängig von einem Spieler wie Bayer 04 es von Kießling ist. Nicht die Bayern von Franck Ribéry, nicht Borussia Dortmund von Robert Lewandowski, nicht Schalke 04 von Julian Draxler. "Stefan ist absoluter Leistungsträger, Leader und Gesicht von Bayer 04 geworden", sagte Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser gestern.

Für die Verantwortlichen der Werkself bringt die herausragende Stellung Kießlings im Kader demnach ein Problem mit, dass man auch in diesem Sommer nicht hat lösen können: Holt man einen zweiten Stürmer von einer Qualität, dass er neben Kießling dauerhaft spielen soll und diesem womöglich Raum für seine Spielweise raubt oder verzichtet man auf einen "Partner" und bastelt sich eine Offensive um ihn herum? Man entschied sich für letztere Option — mit dem Risiko, dass ein Ausfall der Nummer elf nicht zu kompensieren ist. Nicht von einem Arkadiusz Milik, der weiterhin Boden gut machen muss, bis er auf gehobenem Erstliga-Niveau angekommen ist, und auch nicht etwa von einem Heung-Min Son, der das Tempo aus der Tiefe braucht und keine Scharmützel im Strafraum.

"Ich weiß, was ich am Verein habe", sagte Kießling gestern. Umgekehrt gilt das auch. Eine Verletzung ist in dieser Beziehung nicht wirklich eingeplant.

(RP)