Bayers Erfolgsformel Was die Liga von Leverkusen lernen kann

Analyse | Leverkusen · Die Saison von Bayer Leverkusen beeindruckt die internationale Fußballwelt, in der Bundesliga setzt die Mannschaft von Trainer Xabi Alonso Maßstäbe. Der Erfolg ist das Ergebnis einer Formel mit vielen Variablen, die auch andere Vereine lernen können.

Edmond Tapsoba (l.) und Jonathan Tah (r.) überschütten Bayer Leverkusens Meistertrainer Xabi Alonso mit Bier, im Hintergrund freut sich Josip Stanisic.

Edmond Tapsoba (l.) und Jonathan Tah (r.) überschütten Bayer Leverkusens Meistertrainer Xabi Alonso mit Bier, im Hintergrund freut sich Josip Stanisic.

Foto: AP/Martin Meissner

Erfolg wird von Neid begleitet, das gehört dazu. Im Fall von Bayer Leverkusen ist dann oft von Geld die Rede, den Unsummen, die der Mutterkonzern angeblich pro Saison in den Fußball pumpt. Kolportiert werden immer wieder jährlich 25 Millionen Euro, die von der Bayer AG an die seit 1999 ausgelagerte GmbH Bayer 04 fließen – ein in der heutigen Fußballwelt eher bescheidener Betrag. Zur Wahrheit gehört, dass der neue Deutsche Meister ebenso gut wirtschaften und arbeiten muss, wie alle Vereine in der Bundesliga, auch wenn das Konstrukt nur durch eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel legitim ist. Und die Leverkusener haben sehr viel richtig gemacht.

Wer wagt, gewinnt Als Xabi Alonso im Oktober 2022 die Mannschaft von Gerardo Seoane übernahm, gingen Sportgeschäftsführer Simon Rolfes und Geschäftsführer Fernando Carro ein Risiko ein. Der Spanier kam zwar mit den Meriten einer Bilderbuch-Karriere als Spieler ins Rheinland, aber ohne Erfahrung als Coach einer Profimannschaft. Die Aufgabe, das völlig verunsicherte Team aus dem Tabellenkeller zu führen, war heikel. Tatsächlich lief es anfangs alles andere als rund. Team und Trainer brauchten Zeit, nach und nach drückte der ehemalige und mit allen großen Titel geschmückte Weltklassespieler der Mannschaft seinen Stempel auf. Anderthalb Jahre später ist die Werkself wettbewerbsübergreifend seit 43 Partien ungeschlagen und Deutscher Meister.

Der „DNA“ treu bleiben Spätestens seit den Jahren rund um das Millennium steht Bayer Leverkusen für attraktiven Offensivfußball mit technisch versierten Top-Talenten. Verschiedene Trainer haben diesen Ansatz unterschiedlich interpretiert, mal mehr, mal weniger erfolgreich, und doch zieht er sich wie eine Konstante durch die jüngere Geschichte. Daraus hat sich eine „DNA“ entwickelt, von der Bayer auch bei Misserfolgen nicht wesentlich abgewichen ist. Alonso hat dem genetischen Code allerdings die Stränge Spielkontrolle und Balance hinzugefügt – und eine Siegermentalität, die ihn einst als Profi auszeichnete.

Mehr Wettbewerb wagen Einen starken Kader hatten die Leverkusener meistens, dennoch konnten sich einige Profis ihres Stammplatzes sicher sein. Carro, Rolfes und Alonso haben das geändert. Durch die Transfers des vergangenen Sommers ist so gut wie jede Position mindestens doppelt und meist qualitativ gleichwertig besetzt. Der Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft ist intensiv. Das macht sich auch bei den Startaufstellungen bemerkbar. Gegen Bremen, dem ersten Matchball um die Meisterschaft, nahm Alonso sieben Wechsel in der Startelf vor. Das kluge Rotationsmanagement in drei Wettbewerben stachelt den Ehrgeiz der Profis an und dürfte ein Grund sein, warum Bayer in dieser Saison vergleichsweise wenige Verletzte hatte. Oder wie der Trainer immer wieder betont: „Wir brauchen alle Spieler.“

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Reaktionen zum Meistertitel von Bayer Leverkusen

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Selbstkritisch sein Nach dem 5:0 gegen Bremen gab Jonas Hofmann einen bemerkenswerten Einblick. „Es gab auch Momente, in denen wir uns als Mannschaft zusammengesetzt haben, wenn ein Training scheiße war“, erzählte der 31-Jährige bei Dazn. „Dann haben wir die Türen zugemacht und haben knallhart angesprochen, dass das Training eine Sauerei war. Es zeichnet uns extrem aus, dass wir sehr selbstkritisch miteinander umgehen.“ Es ist ein zeichen von Reife und Professionalität, mit der Kritik zuerst bei sich anzufangen, anstatt sich an äußeren Faktoren abzuarbeiten. Im Idealfall stachelt das jeden einzelnen Spieler an.

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Externe Expertise zulassen Als Carro im Juli 2018 sein Amt als Geschäftsführer des Werkslubs antrat, war die Skepsis groß: Ein Top-Manager von Bertelsmann ohne Erfahrung im Profifußball soll einen Bundesligisten führen? Knapp sechs Jahre später ist klar, dass die Entscheidung des Gesellschafterausschusses richtig war. Carro hat in Leverkusen eine Kultur der Leistung etabliert, interne Abläufe gestrafft, an Personalschrauben im Hintergrund gedreht, und gilt als exzellenter Netzwerker. Der gebürtige Spanier ist ein Anpacker, der sich vor schwierigen Entscheidungen nicht scheut, Probleme in dem Klub mit rund 300 Angestellten erkennt und behebt, bisweilen auch mit einer gewissen notwendigen Kompromisslosigkeit. Dem Manager-Magazin sagte er unlängst: „Gutes Management kann die Wahrscheinlichkeit für gute Ergebnisse erhöhen.“

Orchester brauchen Dirigenten Nach der Vorsaison haben die Entscheider die richtigen Schlüsse gezogen und das Team gezielt umgebaut. Alejandro Grimaldo behob eine Dauerbaustelle hinten links, Victor Boniface kam als wuchtiger und trickreicher Stürmer, Jonas Hofmann als intelligenter Raumdeuter, Nathan Tella als talentierter Flügelspieler. Der Königstransfer des vergangenen Sommers war aber Granit Xhaka. Der Schweizer wurde als Führungsspieler vom FC Arsenal verpflichtet und nahm die Rolle sofort an. Wer sich bei einem Spiel der Werkself nur auf ihn konzentriert, sieht sofort, wie wichtig er für die Statik des Teams ist. Xhaka dirigiert, hält die Mannschaftsteile zusammen, korrigiert Stellungsfehler, gibt Anweisungen, verteilt die Bälle und wirkt wie ein Metronom für das Spieltempo. Unerschwinglich war der 31-Jährige nicht, sein Wunsch, nach sieben Jahren in England in die Bundesliga zurückzukehren bekannt. Für Bayer war er das fehlende Puzzleteil im Gesamtbild.

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