Bayer Leverkusen: Ramazan Özcan im Interview

Bayer-Torwart Özcan im Interview: "Für mich ist Bayer ein Riesenklub"

Ramazan Özcan ist seit knapp zwei Jahren Leverkusens Nummer zwei hinter Bernd Leno. Mit RP-Redakteur Sebastian Bergmann sprach der 33-jährige Österreicher über die Ziele mit der Werkself, besondere Eigenarten von Torhütern und seine Rolle in der Mannschaft.

Herr Özcan, die Derby-Pleite in Köln hat bei vielen Fans der Werkself für Katerstimmung gesorgt. Wie haben Sie die vergangene Woche erlebt?

Ramazan Özcan Die Niederlage hat bei uns allen Spuren hinterlassen. Wir haben uns natürlich die Frage gestellt, warum wir mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben, so unter unseren Möglichkeiten geblieben sind. Wenn alle Nationalspieler zurück sind, werden wir das Spiel noch einmal aufarbeiten. Aber wir müssen unseren Blick schnell nach vorne richten, da jetzt die entscheidende Phase der Saison bevorsteht.

Das Restprogramm hat es mit Gegnern wie Leipzig, Frankfurt, Dortmund und dem wiedererstarkten VfB Stuttgart in sich.

Özcan Das sage ich ja: Wir dürfen uns jetzt nicht zu lange mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigen, denn wir haben ein sehr starkes Programm vor uns. Egal gegen wen es geht - wir müssen von der ersten bis zur letzten Minute komplett an die Schmerzgrenze gehen, denn in der Bundesliga bekommst du nichts geschenkt.

Seit Heiko Herrlich im Sommer übernommen hat, hat sich bei Bayer 04 vieles zum Positiven entwickelt. Die Rückkehr in die Champions League scheint machbar. Was muss passieren, um dieses Ziel zu erreichen?

Özcan Wie schon erwähnt, wir müssen in jedem Spiel alles reinhauen. Wir hatten in dieser Saison schon sehr gute Spiele, in denen wir als Einheit aufgetreten sind und Herz sowie Leidenschaft gezeigt haben. Das ist das, was uns auszeichnet. Jeder muss sich nach jedem Training und Spiel an die eigene Nase fassen und selbstkritisch fragen, ob er alles gegeben hat. Das steht über allem.

Seit Ihrem Wechsel 2016 aus Ingolstadt unters Bayer-Kreuz haben Sie noch kein Ligaspiel für Leverkusen bestritten, konnten sich mit ihrem Einsatz beim 3:0-Erfolg in der Champions League vergangene Saison gegen den AS Monaco aber einen Kindheitstraum erfüllen. Wollen Sie die CL-Hymne noch einmal live hören?

Özcan Wir wollen alle zurück in die Champions League. Rückschläge wie das Abschneiden in der vergangenen Saison gehören aber zum Leben. Es scheint nicht jeden Tag die Sonne. Wir arbeiten täglich daran, dass wir wieder international spielen - und zwar am liebsten dienstags oder mittwochs.

Ingolstadt ist mit Ihnen als Nummer eins in die Bundesliga aufgestiegen. War es schwierig, bei Bayer ins zweite Glied zu rücken?

Özcan Nein. Für mich ist Bayer ein Riesenklub, den ich schon als Kind verfolgt habe. Die Elfmeter von Hans-Jörg Butt habe ich beispielsweise noch genau vor Augen. Es ist lustig, dass ich das erste Testspiel meiner Profikarriere mit Austria Lustenau gegen Bayer gespielt habe. Gegen Oliver Neuville und Co. antreten zu dürfen, war unglaublich. Als sich herauskristallisiert hatte, dass ich die Chance erhalten würde, nach Leverkusen zu wechseln und an der Champions League teilnehmen zu können, war das für mich eine Riesenehre. Alles, was ich hier und in meiner Profikarriere insgesamt erlebt habe, ist für mich nicht selbstverständlich. Es ist etwas Wunderschönes und ich weiß es sehr zu schätzen.

Ihr Vertrag läuft bis 2019. Reizt es Sie, noch einmal Nummer eins zu sein?

Özcan Ich bin topfit, körperlich in einem exzellenten Zustand und habe viel Spaß an meiner Arbeit. Zurzeit stelle ich aber meine persönlichen Dinge hinten an. Wichtig ist, dass wir unsere Ziele als Verein und als Mannschaft erreichen - für und mit den Fans. Nach der Saison haben wir genug Zeit, um über meine Zukunft zu sprechen. Bis dahin sollte jeder seine persönlichen Ziele hinten anstellen.

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Sie sind einer von aktuell 22 Österreichern in der Bundesliga - kein Land stellt mehr Legionäre. Was macht österreichische Profis für deutsche Klubs so interessant?

Özcan Es ist erfreulich, dass wir viele Legionäre in Deutschland haben. In der österreichischen Liga kann man als junger Fußballer sehr gut ins Profileben hineinschnuppern. Aus einer A-Jugend direkt in die deutsche Bundesliga zu wechseln - dieser Schritt wäre viel zu groß. Aber die österreichische Liga bietet alle Voraussetzungen die ersten Schritte zu machen, bevor du ins Ausland wechselst. Julian Baumgartlinger oder auch Bremens Zlatko Junuzovic haben es vorgemacht. Klar hinkte Österreich vor 15 Jahren etwas hinterher, aber unter Willi Ruttensteiner (Sportdirektor des Österreichischen Fußball-Bundes von 2001 bis 2017; Anm. d. Redaktion) haben wir einen Riesenschritt nach vorne gemacht.

Vergangenen Sommer sind Sie aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Mit etwas Abstand: War das der richtige Schritt?

Özcan Es ging mir allein um meine familiäre Situation. Meine Familie ist das Wichtigste für mich. Die Entscheidung habe ich keine Sekunde bereut. Ich bin stolz, zweifacher Familienvater zu sein und eine wundervolle Freundin zu haben. Deswegen würde ich wieder so entscheiden.

Per Mertesacker hat eine Debatte über den Druck im Profifußball losgetreten. Wie gehen Sie mit Anspannung und Erwartungshaltung um?

Özcan Als Profifußballer stehst du definitiv unter enormen Druck. Jedes Wochenende spielst du vor zigtausenden Zuschauern im Stadion - und noch mehr vor den Fernsehern. Wenn es nicht läuft, wirst du von Medien und Fans beschimpft, kritisiert und in Frage gestellt. Man muss lernen, sich eine gewisse mentale Stärke und dicke Haut zuzulegen. Diesbezüglich kann meiner Meinung nach noch mehr Unterstützung angeboten werden - besonders für jüngere Profis. Vielen denken beim Profifußballer nur ans große Geld, aber dass da Sachen dahinter stecken, die nicht immer leicht zu bewerkstelligen sind, sollte man nicht vergessen.

Suchen junge Spieler Rat bei Ihnen?

Özcan Das kommt vor. Ich bin auch dafür da, dass die Jungen mit mir reden können. Wenn es nötig ist, bin ich auch das Bindeglied zwischen Team und Trainer. So interpretiere ich meine Rolle im Spielerrat.

Man hat den Eindruck, dass Sie zu den Stimmungsmachern im Team gehören. Stimmt das?

Özcan Ich bin kein Stimmungsmacher, sondern ein zielorientierter Mensch. Auch wenn es gut läuft, bin ich niemand, der Sachen unter den Teppich kehrt und immer einer, der Dinge offen anspricht. Manchmal muss ich die Jungs wieder auf den Boden holen, wenn es gut läuft - und manchmal muss ich sie an die Hand nehmen und aufmuntern, wenn es mal nicht so gut funktioniert.

Ein Jugendtrainer soll Ihnen vor 20 Jahren den Spitznamen "Rambo" verpasst haben. Sind Sie inzwischen etwas ruhiger geworden?

Özcan Die Geschichte mit dem Jugendtrainer stimmt. Ich bin immer noch der Alte, immer noch der positiv verrückte Typ von früher. Und das werde ich wohl auch noch eine Weile beibehalten - sowohl privat als auch auf dem Platz. Ich würde sagen: Ich bin ein bisschen positiv bekloppt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Köln - Leverkusen: Bilder des Spiels

(RP)
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