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Bayer Leverkusen: Jonathan Tah hätte Verständnis für Europapokal-Abbruch

Bayers Tah hätte Verständnis für Abbruch : „Dann geht es nicht mehr um Titel, sondern um Gesundheit“

Nationalspieler Jonathan Tah ist sich nach Bayer Leverkusens 3:1-Sieg in Glasgow bewusst, dass es Wichtigeres als Fußball gibt. Sportgeschäftsführer Rudi Völler poltert indes gegen Geisterspiele und plädiert für eine Absage des anstehenden Spieltags in der Bundesliga.

Es sind schwierige Zeiten. Die Meldungen zur Corona-Krise überschlagen sich. Politiker, Konzernchefs, Trainer, Fußballer, Fans und Ärzte – niemand ist sicher vor dem extrem ansteckenden Virus. Veranstaltungen werden abgesagt, Schulen geschlossen und der Sportterminkalender ist disziplinübergreifend längst obsolet. In Italien ist das öffentliche Leben gar weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Sorge vor der Pandemie ist allgegenwärtig, die Fallzahlen steigen und steigen, Länder schotten sich ab und greifen zu historischen Maßnahmen. Was für eine Bedeutung hat da noch ein Fußballspiel?

Zunächst vor allem eine sportliche: Bayer Leverkusen hat die Glasgow Rangers in Schottland mit 3:1 (1:0) besiegt und hat das Tor zum Viertelfinale der Europa League weit aufgestoßen. Kai Havertz per Handelfmeter (37.), Charles Aránguiz (67.) und Leon Bailey (88.) trafen für Leverkusen, George Edmundson erzielte den Anschlusstreffer (75.) für die von Steven Gerrard trainierten Rangers.

Die Gäste aus dem Rheinland haben das Spiel verdient für sich entschieden. Sie waren ballsicherer, abgeklärter, effektiver als die Schotten, die zwischen der 50. und 75. Minute ihre beste Phase hatten. Von einem leidenschaftlichen Publikum angetrieben waren sie kurze Zeit nah dran, die Partie zu drehen. Doch Bayer befreite sich aus der Schlinge und machte den zwölften Sieg aus den vergangenen 14 Pflichtspielen fix. Die Runde der letzten Acht winkt. Zudem steht das Team von Trainer Peter Bosz im DFB-Pokalhalbfinale gegen den Viertligisten Saarbrücken und in der Liga läuft es im Moment ebenfalls.

„Klar ist das ein gutes Ergebnis, aber es ist noch nicht vorbei“, sagte Jonathan Tah nach dem 3:1-Erfolg. „Es gibt noch ein Rückspiel. Wir sind vielleicht mit einem Fuß im Viertelfinale, aber wir wollen ganz drin sein – und dafür müssen wir auch im zweiten Spiel eine gute Leistung abrufen.“ Er bleibt ungerührt von dem Szenario, dass die Uefa beide Europapokale aussetzen oder abbrechen könnte. Viel deutet darauf hin – vor allem die Handhabung der Krise in anderen Sportarten, die längst bis auf Weiteres einen konsequenten Schlussstrich gezogen haben. Am Dienstag will der europäische Fußballverband das weitere Vorgehen beraten, auch mit Blick auf die EM im Sommer.

Umso erstaunlicher ist, dass Bayers Auftritt im Fußballromantikdenkmal Ibrox Stadium im Gegensatz zu den anderen Partien vor Publikum stattfand. Knapp 48.000 Menschen erlebten das intensive Duell – eine stimmungsvolle Kulisse, die es so in den kommenden Wochen nicht mehr geben wird. Vielleicht auch Monate. Vieles scheint derzeit denkbar. Tah möchte sich aber nicht näher mit etwaigen Katastrophenszenarien beschäftigen, so lange es keine definitive Ansage der Entscheider in Uefa, DFB und DFL gibt.

„In unserem Kopf geht es weiter. Wir können nicht davon ausgehen, dass alles abgebrochen wird und bleiben fokussiert“, betonte der Nationalspieler. „Alles andere können wir nicht beeinflussen.“ Noch ist geplant, dass Leverkusen am Montagabend bei Werder Bremen vor leeren Rängen antritt. Es wäre der größtmögliche Kontrast zum Ibrox. „Ohne Publikum ist es was ganz anderes. Ich habe mir ein paar Geisterspiele angeschaut und da fehlt etwas. Fans gehören im Fußball einfach dazu.“ Dennoch mahnt der 24-Jährige zur Professionalität: „Wir dürfen uns nicht von äußeren Umständen ablenken lassen und die Aufgabe so annehmen, wie sie ist.“

Sportgeschäftsführer Rudi Völler positionierte sich hingegen – ähnlich wie Bosz am Vortag – als Gegner der Spiele ohne Publikum. Er plädierte dafür, es dann doch lieber ganz bleiben zu lassen. „Spiele ohne Zuschauer sind einfach beschissen“, sagte er wenig diplomatisch im Interview mit RTL. Die Gesundheit gehe vor, aber Geisterspiele seien „furchtbare Erlebnisse“. Ihm sei es jedenfalls lieber, wenn am Wochenende nicht gespielt werden würde.

Sollte zeitnah die Entscheidung fallen, den Liga- und Pokalbetrieb national wie international ruhen zu lassen, hätte Tah dafür Verständnis. Es sei zwar schade, wenn Spiele ausfielen, „aber uns als Spielern ist es wie der gesamten Gesellschaft wichtig, dass eine Lösung gefunden wird.“ Dafür würde er auch in Kauf nehmen, dass der formstarken Werkself eine potenziell exzellente Saison verhagelt werden könnte. „Wenn es dabei hilft, das Virus zu bekämpfen und Menschen damit geholfen werden kann, stehen wir voll dahinter. Dann geht es nicht mehr um Titel, sondern um die Gesundheit – und das ist das Wichtigste, was ein Mensch haben kann.“