„Dürfen uns nicht beklagen“ Bayers Vorbereitung ist Seoanes erster Härtetest

Leverkusen · Seit seinem Amtsantritt hat der neue Trainer der Werkself eine beispiellose Serie von Problemen zu managen. Gerardo Seoane spricht von einer „holprigen Vorbereitung“ – und bleibt gelassen.

Gerardo Seoane (l.) gibt im Training Anweisungen, die Moussa Diaby umsetzen soll.    

Gerardo Seoane (l.) gibt im Training Anweisungen, die Moussa Diaby umsetzen soll.  

Foto: Miserius, Uwe (umi)

Bayers Trainer Gerardo Seoane wirkt nicht wie jemand, der schnell aus der Ruhe zu bringen ist. Klartext redet der Schweizer trotzdem. Nach der 1:5-Niederlage im Testspiel gegen den FC Utrecht attestierte er seiner Mannschaft, phasenweise „überhaupt nicht präsent in den Zweikämpfen“ und „total überfordert“ vom Tempo des Gegners gewesen zu sein. Er sah aber auch gute Ansätze und ordnete die Pleite realistisch ein. Weniger zufrieden dürfte der 42-Jährige indes mit der Vorbereitung insgesamt sein – und das liegt an Umständen, die er nicht beeinflussen kann.

Testspiele Der Starkregen vor gut zwei Wochen machte der Werkself den ersten Strich durch die Rechnung. Das Testspiel gegen Wehen Wiesbaden musste abgesagt werden. Kaum war die Werkself aus der Unwetterkatastrophe in Leverkusen im Trainingslager in Zell am See/Kaprun angekommen, kam Tief „Bernd“ hinterher und sorgte für ergiebige Schauer in den Alpen, die eine Einheit kosteten. Stattdessen war Kraftraining im Innenraum angesagt. Das gilt auch für die Einheit am vergangenen Dienstag, die wegen der Explosion in einer Müllverbrennungsanlage in Bürrig nicht wie geplant auf dem Rasen stattfinden konnte.

Nimmt man dann noch die Absage des geplanten Tests gegen Dynamo Moskau hinzu, bleibt die suboptimale Tatsache, dass die Werkself erst am 23. Juli ihr erstes Vorbereitungsspiel absolvierte (0:0 gegen den SC Freiburg). Immerhin: Ein Ersatzgegner für den spanischen Erstligisten Celta Vigo, der wegen Coronafällen im Team am Samstag nicht in Leverkusen antreten kann, ist gefunden. Ab 14 Uhr steht für Bayer nun gegen den Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen der letzte Test vor dem Pflichtspielauftakt am 7. August bei Lokomotive Leipzig an.

„Die ganze Vorbereitung ist mit Corona und den anderen Vorfällen nicht ideal, aber wir dürfen uns nicht beklagen“, sagt Seoane. „Es ist eine holprige Vorbereitung, aber ich denke, dass wir an diesen Widerständen wachsen können und nicht jammern, sondern Lösungen finden müssen.“

Kader Seoane fehlten in den vergangenen Wochen etliche wichtige Spieler. EM-Fahrer wie etwa Stammtorwart Lukas Hradecky oder Mittelfeldspieler Julian Baumgartlinger stiegen durch ihre je nach Turnierdauer unterschiedlichen Urlaube versetzt ins Training ein, gleiches gilt für die Südamerikaner Charles Aránguiz und Exequiel Palacios, die bei der Copa América aktiv waren – letzterer wird erst am Wochenende zurück in Leverkusen erwartet, nachdem er mit Argentinien die Kontinentalmeisterschaft gewann und anschließend im Urlaub war.

Die Olympia-Teilnehmer Paulinho und Nadiem Amiri fehlen noch, ebenso wie der wechselwillige Leon Bailey, der mit Jamaika beim Gold Cup gespielt hat und nun Urlaub hat. Patrik Schick ist nach seiner starken EM mit Tschechien erst seit ein paar Tagen zurück. Hinzu kommen die Verletzungen von Edmond Tapsoba (Syndesmoseriss) und Timothy Fosu-Mensah (Kreuzbandriss). „Für den Trainer ist es unangenehm und für die Mannschaft ist es ein bisschen unruhig“, sagt Seoane. „Aber wenn ich höre, dass in München zweitweise nur vier Spieler im Training waren, oder in Dortmund nur knapp zehn, ist klar: Irgendwo blüht uns das allen.“

Fluktuation Transfers gehören zum Geschäft. Dessen ist sich auch der neue Bayer-Coach bewusst. Dennoch ist der Umbruch extrem, den er bewältigen muss – und für Ruhe im Team sorgen die ständigen Gerüchte sicher nicht. Klar ist, dass Bailey den Klub verlassen will. Die Verhandlungen mit Aston Villa sollen bereits weit vorangeschritten sein. Verein und Spieler seien sich einig, heißt es in englischen Medien. Knackpunkt ist die Ablöse, die nach Bayers Vorstellung an die 40-Millionen-Euro-Marke heranreichen soll. Aston Villa soll 35 Millionen geboten haben. Lucas Alario soll ebenfalls den Markt sondieren und auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber sein.

Die Bender-Zwillinge sind im Ruhestand, Tin Jedvaj spielt jetzt für Lokomotive Moskau, Aleksandar Dragovic für Roter Stern Belgrad, Demarai Gray für den FC Everton, Wendell wohl bald für Benfica Lissabon und Joel Pohjanpalo, der nach seiner Corona-Quarantäne erst jetzt wieder im Training ist, könnte zum 1. FC Köln wechseln. Neu im Team sind bislang Linksverteidiger Mitchel Bakker, Innenverteidiger Odilon Kossounou, Torwart Andrej Lunev und Mittelfeldjuwel Zidan Sertdemir. Sollte in Alario ein Stürmer den Werksklub verlassen, gilt der Iraner Sardar Azmoun von Zenit St. Petersburg als Wunschersatz.

Es wird also noch dauern, ehe sich der Staub in der Personalplanung gelegt hat – womöglich auch über die Vorbereitung hinaus.

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