Nachwuchs in der Krise Bayers Talentschmiede ist erkaltet

Leverkusen · Bayer 04 Leverkusen hat das Image, hochtalentierte Fußballer auszubilden und Rahmenbedingungen für ihre optimale Entwicklung zu bieten. Doch seit Kai Havertz hat sich kein Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bei den Profis etabliert.

 Leverkusens U19-Kapitän Ayman Aourir, der unlängst einen Vertrag bei den Profis unterschrieben hat, ärgert sich über eine vergebene Chance.

Leverkusens U19-Kapitän Ayman Aourir, der unlängst einen Vertrag bei den Profis unterschrieben hat, ärgert sich über eine vergebene Chance.

Foto: Bayer 04

Was haben Patrik Dzalto, Joel Abu Hanna und Kai Havertz gemeinsam? Sie alle kamen 2016 aus der Jugend des Werksklubs zur Lizenzmannschaft. Doch nur einer von ihnen setzte sich durch und avancierte innerhalb kürzester Zeit zu einem absoluten Top-Spieler. Seit Havertz hat es indes kein Spieler aus Bayers Nachwuchs geschafft, sich nachhaltig bei den Profis zu etablieren. Das ist auch Rudi Völler aufgefallen. Mit Blick auf aktuelle Jungstars der Bundesliga betonte er bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor der Nationalmannschaft: „Jude Bellingham wurde in England ausgebildet, Jamal Musiala auch – und Florian Wirtz hat der 1. FC Köln ausgebildet. Das muss man auch korrekterweise sagen. Wir in Leverkusen haben es auch nicht gut gemacht die letzten Jahre.“ Damit legte der 62-Jährige den Finger in eine Wunde, die nicht nur bei Bayer 04 seit einigen Jahren klafft.

Die Liste der Spieler, die sich seit dem kometenhaften Aufstieg von Havertz zwar bis in den Profikader gekämpft, aber (noch) nicht bis auf gehobenes Bundesliga-Niveau entwickelt haben, wird immer länger: Jakub Bednarczyk, Jan Boller, Sam Schreck, Tomasz Kucz, Adrian Stanilewicz, Cem Türkmen, Ayman Azhil, Emrehan Gedikli, Yannick Schlößer, Joshua Eze und Sadik Fofana sind Namen, die in dem Zusammenhang fallen. Sie alle wurden in den vergangenen Jahren hochgezogen. Ein Großteil spielt im Ausland, in unteren Ligen oder hat sogar schon die Karriere beendet (Kucz). Bei anderen – wie etwa Fofana, der wie das Ende Januar verpflichtete kolumbianische Talent Gustavo Puerta an den Zweitligisten 1. FC Nürnberg ausgeliehen ist – gibt es die Hoffnung auf den nächsten Entwicklungsschritt.

Die aktuelle Saison der U19 verdeutlicht das unzureichende Niveau des Nachwuchses. In der Youth League verlor das Team von Trainer Sven Hübscher teils deutlich sowohl Hin- als auch Rückspiele gegen die Talente aus Madrid, Porto und Brügge. In der A-Junioren-Bundesliga ist das Erreichen der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft mit 18 Zählern aus elf Spielen in weiter Ferne. Die Konkurrenz des FC Schalke (25 Punkte), BVB und 1. FC Köln (je 27) ist enteilt. Auch die U17 läuft in der B-Junioren-Bundesliga dem Geschehen auf Platz vier hinterher.

Damit einher geht eine unübersehbare Kurskorrektur bei der Talentförderung in Leverkusen. Zwar sollen immer noch Nachwuchsfußballer aus der Region das Fundament der U-Mannschaften bilden, doch zuletzt wurden auch viele Talente aus dem Ausland geholt, um das Niveau zu heben.

Bayers Sportgeschäftsführer Simon Rolfes sieht das Problem nicht nur in Leverkusen, sondern in der Bundesliga insgesamt. Bereits im Sommer 2021 betonte er, dass die Förderung von Nachwuchsfußballern nicht ausreichend entwickelt sei. Zwar sei der Werksklub mit seinem Nachwuchsleistungszentrum am Kurtekotten „auf einem guten Weg“, aber: „Wir brauchen nicht die Europameisterschaft 2024, um zu erkennen, dass wir in Deutschland die Ausbildung der Spieler zwingend verbessern müssen.“ Das gehe aber freilich nicht von heute auf morgen.

Veränderungen dieser Art brauchen Zeit – und so sind es aktuell vor allem zugekaufte Top-Talente wie etwa Madi Monamay (Belgien), Jardell Kanga (Schweden) oder In-gyom Jung (Südkorea), auf denen die Hoffnungen auf einen mittelfristigen Durchbruch bei den Profis ruhen. Allerdings birgt das Verpflichten von Jugendspielern aus dem Ausland immer das Risiko, dass die Integration in das neue Umfeld in einem neuen Land schwierig wird oder gar scheitert. Das hoch gehandelte spanische Sturmtalent Iker Bravo ist nach einem komplizierten Jahr in Leverkusen an die Reserve von Real Madrid verliehen. Zidan Sertdemir, dem viele herausragende Fähigkeiten bescheinigen, kehrte diesen Winter nach Dänemark zurück – zum Erstligisten FC Nordsjaelland. Bayer hält wohl ein Vorkaufsrecht sowie 50 Prozent der Transferrechte.

Der nächste Havertz allerdings ist noch lange nicht in Sicht.