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Bayer Leverkusen: Bei der Werkself herrscht Alarmstufe Gelb

Analyse zur Leverkusener Krise : Alarmstufe Gelb bei Bayer 04

Das Umfeld wird nach dem neuerlichen Rückschlag gegen Hannover 96 unruhig. Sportgeschäftsführer Rudi Völler stellt sich noch hinter Trainer Heiko Herrlich, doch die Analysen klingen zunehmend ratlos. Eine Analyse.

Als Karim Bellarabis Schlenzer in der 94. Minute im langen Eck des Hannoveraner Tores einschlug, war für ein paar Sekunden alles vergessen. Die Fans jubelten freilich über den Last-Minute-Ausgleich, der dem Europa-League-Teilnehmer gegen den Abstiegskandidaten einen glücklichen Punkt sicherte. Doch als kurz danach der Schlusspfiff ertönte, stimmten die Anhänger der Werkself ein und quittierten die Leistung ihrer Mannschaft mit einem Pfeifkonzert, begleitet von „Herrlich raus!“ und „Völler raus!“-Rufen.

Der Zorn der Fans wächst nach nur acht Punkten nach acht Spieltagen. Zu uninspiriert war der Auftritt der Mannschaft von Trainer Heiko Herrlich gegen die seit der 57. Minute nur noch zu zehnt spielenden Gäste. Florent Muslija hatte die Niedersachsen in Führung gebracht (25.), ehe Lars Bender ausglich (34.) und der wenige Minuten später mit Gelb-Rot vom Platz gestellte Felipe die neuerliche Führung für die Gäste erzielte (54.).

Danach war ein eigenartiges Schauspiel auf dem Rasen zu beobachten. Hannover igelte sich in Unterzahl komplett ein und Bayer spielte ab Mitte der zweiten Halbzeit mit sechs, sieben Offensivspielern gegen das Bollwerk an. Nur Bellarabi war es zu verdanken, dass der achte Spieltag der Bundesliga nicht mit einem kompletten Fehlschlag endete. Zur Erinnerung: Das Spiel sollte eigentlich den Aufbruch zu einer Aufholjagd markieren und den verkorksten Saisonstart vergessen machen.

Nach dem letztlich schmeichelhaften Remis wird die Unruhe im Umfeld bleiben. Bei Bayer 04 herrscht Alarmstufe Gelb. Sportgeschäftsführer Rudi Völler hatte nach dem Spiel eine vergleichsweise milde Analyse parat. Die Rufe nach seiner Entlassung nahm er gelassen. „Das ist im Fußball so. Da müssen wir durch. Wenn die Erwartungen groß sind, aber die Resultate nicht stimmen, ist die Enttäuschung groß“, sagte Völler. „Der Verantwortung stellen wir uns alle.“

Doch dann flüchtete sich der 58-Jährige in seine gängigen Erklärungsmuster, die in den vergangenen Monaten immer wieder nach Rückschlägen zu hören waren. „Wir haben im Moment nicht das Selbstbewusstsein“, sagte er. „Das müssen wir schnell wieder erreichen.“ Wie genau das gelingen soll, ließ Völler offen. Herrlich könne jedenfalls in Ruhe weiterarbeiten. „Wir müssen wieder punkten. Im Moment sind wir im Niemandsland.“

Das ist eine exakte Ortsbeschreibung – nicht nur tabellarisch. Auch spielerisch bleibt die Werkself im Grunde seit dem Saisonstart hinter ihren Möglichkeiten zurück. Fortschritte in Taktik und Einstellung sind seit Wochen nicht zu erkennen. Nur selten findet das hochveranlagte Offensivensemble spielerische Lösungen. Defensiv ist die Bilanz mit 15 Gegentoren nach acht Spielen verheerend. Die Leistungsträger der Vorsaison stecken unübersehbar in einem Formtief.

Als Mutmacher dienen im Grunde nur 60 gute Minuten gegen Borussia Dortmund (2:4), eine gute Halbzeit gegen Düsseldorf (2:1) sowie zwei Siege nach Rückständen in der Europa League gegen Gegner, die nicht unbedingt zur ersten Garde gehören: Ludogorets Rasgrad (3:2) und AEK Larnaka (4:2).

„Das Ergebnis ist für uns eine Enttäuschung. Uns fehlt im Moment die Leichtigkeit, das Selbstvertrauen und das Spielglück“, sagte Herrlich beinahe deckungsgleich mit Völler. Ohnehin nutzte er die fehlende Leichtigkeit gleich mehrfach als Erklärungsansatz für das nachhaltige Leistungstief. Sein Team habe bis zum Schluss den Ausgleich erzwingen wollen. „Das ist uns erst in der Nachspielzeit gelungen. Wir haben alles versucht“, betonte der 46-Jährige.

Alarmierend ist allerdings, wenn „alles versucht" nur zu einem glücklichen Remis gegen zehn zugegebenermaßen tapfer verteidigende Hannoveraner reicht. Nun geht es in der Liga am kommenden Sonntag in Bremen (18 Uhr/Sky) vor allem darum, dass aus der gelben nicht die rote Alarmstufe wird. Vorab steht noch in der Europa League das Gastspiel beim FC Zürich an (Donnerstag, 18.55 Uhr/Dazn).