Bayer 04 Leverkusen: Trainer Heiko Herrlich stellt sich der Kritik

Exklusiv - Bayer-Trainer im Interview: Heiko Herrlich spricht über Leverkusens Krise

Bayer 04-Trainer Heiko Herrlich steht nach dem schwachen Saisonstart der Leverkusener in der Kritik. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt der 46-Jährige, wie er mit der Diskussion umgeht, warum er seinen Job liebt und was für Leverkusen in dieser Saison noch drin ist.

Julian Brandt ist in diesem Moment eine Flasche, Sven Bender ein Wasserglas und die Freiburger Verteidigung besteht aus Smartphones. Gestenreich erklärt Heiko Herrlich auf dem zur Taktiktafel zweckentfremdeten Holztisch in der BayArena, was sein Team beim 0:0 im Breisgau hätte tun müssen, um ein Tor zu erzielen. Der Trainer von Bayer Leverkusen ist in seinem Element. Nach schwachem Saisonstart war der 46-Jährige zuletzt in die Kritik geraten. Vor seinem 50. Pflichtspiel als Bayer-Coach erklärt der Fußballlehrer im Gespräch mit unserer Redaktion, wie er mit der Diskussion um seine Person umgeht, woran er mit seinem Team arbeiten muss und weshalb er seinen Job liebt.

Herr Herrlich, was haben Sie am vergangenen Sonntag nach dem Remis in Freiburg gemacht?

Heiko Herrlich Ich habe meine Mutter in Kollnau besucht. Ich sehe sie nicht allzu oft, da ich nur noch selten in meiner alten Heimat bin. Anschließend habe ich mich spontan mit ein paar ehemaligen Klassenkameraden getroffen. Am Montag ging es dann zurück.

Kommt Ihnen die aktuelle Länderspielpause gelegen?

Herrlich Wir hatten zuletzt viele Spiele im Dreitagesrhythmus. Jetzt können die Spieler etwas durchatmen und regenerieren. Als Mannschaft können wir uns sammeln und gemeinsam auf die nächste Phase vorbereiten, die wieder genau so kraftraubend wird.

Woran werden Sie im Detail arbeiten?

Herrlich Es geht um Kleinigkeiten in unserem Spiel, die jedoch eine große Wirkung haben, um bestimmte Lauf- und Passwege. In Freiburg hatten wir zum Beispiel in der ersten Halbzeit viel Ballbesitz, aber keine zwingenden Torchancen. Oft waren es die Basics, die vernachlässigt wurden. Diese Grundlagen müssen wir wieder verinnerlichen.

Nach sieben Spielen steht Ihr Team auf einem enttäuschenden 14. Platz. Haben Sie Verständnis dafür, dass einige Fans ein 0:0 in Freiburg nicht wie Sie als „Erfolg“ werten wollen?

Herrlich Natürlich. Die Kritik akzeptiere ich auch. Der Fan will genau wie wir immer gewinnen. Allerdings ist es in Freiburg stets schwer, zu spielen. Einige Spieler, die zuletzt nicht rotieren konnten, waren zum Teil auch richtig platt. Deswegen müssen und können wir mit dem Punkt gut leben.

In Benjamin Henrichs haben Sie kurz vor dem Saisonstart einen variabel einsetzbaren Spieler nach Monaco ziehen lassen, sich zuletzt aber über fehlende Rotationsmöglichkeiten beklagt. Wie passt das zusammen?

Herrlich Benny war mit seiner Rolle im vergangenen Jahr nicht zufrieden, was auch verständlich war. Er wollte absoluter Stammspieler sein und hat sicherlich auch immer sein Bestes gegeben, doch auch ihm sind Fehler unterlaufen. Im Sommer habe ich ihm gesagt, dass er seine Chance bekommt, doch er wollte unbedingt weg. Wir haben dann entschieden, das gute Angebot von Monaco anzunehmen, denn wir haben ja Mitchell Weiser geholt. Pech war natürlich, dass sich dann Panos Retsos verletzt hat, der die Position auch spielen kann.

Muss nun im Winter nachgelegt werden?

Herrlich Die Herausforderung auf den Außenverteidigerpositionen bleibt natürlich, immerhin kehrt Retsos bald zurück. Tin Jedvaj sieht sich als Innenverteidiger, kann aber auch dort spielen.

Was fehlt 18-Millionen-Euro-Zugang Paulinho noch, um in der Bundesliga richtig Fuß zu fassen?

Herrlich Wir verteilen keine Geschenke. Er muss sich wie die anderen auch seine Spielzeit erarbeiten und lernen, noch mehr für die Mannschaft zu arbeiten. Der Teamerfolg geht immer vor. Wir werden ihn weiter aufbauen.

In Kai Havertz, Julian Brandt und Jonathan Tah spielt die Zukunft des DFB bei Bayer 04. Verspüren Sie auch eine Verantwortung für den deutschen Fußball, diese Spieler weiterzuentwickeln?

Herrlich Das ist mein Job. Wir arbeiten mit ihnen an allen vier Leistungsfaktoren: Technik, Taktik, Athletik und Persönlichkeit. Um wirklich erfolgreich zu sein, braucht es Spieler mit Persönlichkeit und einer hohen Frustrationstoleranz.

Vergangene Saison gab es nach ihren Angaben einen Zeitpunkt, zu dem Sie die Mannschaft hätten verlieren können. Gab es so einen Augenblick auch in diesem Jahr?

Herrlich Diese Situation gab es so noch nicht. Es gab sicher auch schwache Phasen, in denen wir Spiele hergegeben haben. Aber das Team hat immer eine Reaktion gezeigt, wie nach dem 0:2 in Rasgrad. Ich kann der Mannschaft in Bezug auf Willen keinen Vorwurf machen, sie gibt immer Gas.

Zuletzt mussten Sie viel Kritik einstecken. Wie gehen Sie damit um?

Herrlich Ich bin seit 1989 im Profifußball aktiv. Als junger Spieler hat mich so etwas sicherlich mehr heruntergezogen als jetzt mit mehr Erfahrung. Wenn man die Ergebnisse nicht holt, kommt man in Erklärungsnot. Dann wird man schnell damit konfrontiert, dünnhäutig zu sein, eine Abwehrhaltung einzunehmen oder die Situation zu unterschätzen. Das muss ich aushalten und der Kritik stelle ich mich.

In Stuttgart wurde die Kritik offensichtlich zu groß und Tayfun Korkut als erster Bundesliga-Coach in dieser Saison entlassen.

Herrlich Es sind oft dieselben, die fehlende Kontinuität anprangern, aber eine Woche später einen Trainerwechsel fordern. Ich muss schauen, dass ich mit mir im Reinen bin. Und ich möchte mich auch nicht beklagen. Es gibt in der freien Wirtschaft viele andere Jobs, die vielleicht härter sind als meiner. Ich liebe meine Arbeit, meine Spieler und mein Trainerteam und komme jeden Tag gerne hierher. Ich bin dankbar und demütig, dass ich Trainer von Bayer Leverkusen sein darf.

Wo steht die Werkself am Ende der Hinrunde?

Herrlich Wir wollen bis zur Winterpause Kontakt zu den ersten Sechs herstellen, so dass wir uns für die Rückrunde alles offenhalten.

Was macht Ihnen Hoffnung, die gesteckten Ziele zu erreichen?

Herrlich Die Mannschaft zieht voll mit, nimmt auf, setzt um und beteiligt sich. Würde sie das nicht tun, würde ich mir Sorgen machen. Ich bin überzeugt, dass wir wieder Erfolg haben werden.

Das Gespräch führte Sebastian Bergmann

(sb)
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