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Bayer 04 Leverkusen: Peter Bosz leidet mit verletztem Exequiel Palacios

„Kein normales Foul“ : Bosz leidet mit schwer verletztem Palacios

Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz ist entsetzt von der Verletzung seines Mittelfeldspielers Exequiel Palacios. Der 56-Jährige steht mit seinem Team vor personell herausfordernden Wochen.

Als am Freitagmorgen das Handy von Peter Bosz klingelte, ahnte der Trainer von Bayer 04 bereits, dass ihn schlechte Nachrichten erreichen würden – zumal am anderen Ende der Leitung Mannschaftsarzt Karl-Heinrich Dittmar wartete. „Der Doktor hat mich um 7.30 Uhr angerufen. Das macht er nicht, um zu fragen, wie es mir geht“, erzählt der 56-Jährige. „Ich dachte schon, wir hätten unseren ersten Corona-Fall in der Mannschaft. Aber mit so etwas hatte ich nicht gerechnet.“

Gemeint ist die schwere Verletzung von Exequiel Palacios, der in Argentiniens WM-Qualifikationsspiel gegen Paraguay in der vergangenen Woche Brüche in drei Querfortsätzen im Bereich der Lendenwirbelsäule erlitten hat. Die Verletzung, aber auch die Art und Weise, wie sie zustande kam, haben den Niederländer nachhaltig geschockt. Paraguays Ángel Romero sprang Palacios auf Höhe der Mittellinie mit Anlauf und angewinkelten Knien in den Rücken – ohne Aussicht, den Ball zu erobern. Zwar unterstellt Bosz Romero nicht direkt eine Absicht, aber er betont dessen Inkaufnahme, seinen Gegenspieler schwer zu verletzten.

„Als er angeflogen kam, hatte er noch genügend Zeit. Wenn ich als Spieler sehe, dass ich nicht mehr an den Ball komme, nehme ich die Beine herunter“, betont Bosz, der das auch aus seiner Erfahrung als Profi ableitet. „Wenn man jemanden verletzen will, dann kann man das auf diese Weise machen. Ich weiß nicht, ob es Absicht war. Was ich aber weiß, ist, dass es kein normales Foul war.“ Er sei auch immer ein Spieler gewesen, der robust gespielt habe, „aber es gibt einen großen Unterschied zwischen harter und gemeiner, falscher Spielweise. Wenn man jemandem mit zwei Knien voraus in den Rücken springt, weiß man, dass sich der Gegenspieler schwer verletzen kann.“ Ein derart grobes Foulspiel habe er sich während seiner aktiven Laufbahn nie geleistet.

Inzwischen hatte Bosz auch Kontakt zu Palacios. Er habe ihm aufmunternde Worte sowie Genesungswünsche geschrieben – und als Antwort ein „Danke, Trainer!“ erhalten. Ohnehin bemühe sich der Argentinier seit seinem ersten Tag in Leverkusen, aktiv Deutsch zu lernen und zu sprechen. Wie lange er der Werkself nicht zur Verfügung steht, ist nicht abzusehen. Derzeit wird er noch in Buenos Aires behandelt. Seine Reha soll er sobald es möglich ist, in Leverkusen absolvieren. Der Verein schätzt die Ausfallzeit des Mittelfeldspielers auf drei Monate.

Das reißt freilich eine Lücke in den Kader. Eigentlich ist das zentrale Mittelfeld üppig besetzt. Doch Kapitän Charles Aránguiz fehlt jetzt ebenfalls schon mehrere Wochen wegen einer Achillessehnenreizung, die er von einer Länderspielreise mit Chile im Oktober mitgebracht hat. Das ist eine Problematik, die dem 31-Jährigen schon im Sommer 2018 lange zu schaffen machte. „Das kann schnell wieder gut werden, aber es kann auch noch lange dauern“, sagt Bosz. Bei Palacios ist hingegen fix, dass seine Genesung viel Zeit in Anspruch nehmen wird.

Das bedeutet im Gegenzug, dass der Trainer auf Julian Baumgartlinger als Absicherung und Schaltstelle vor der Abwehrreihe setzen muss. Kerem Demirbay ist zwar auch noch da, aber eher nicht der Spielertyp des zweikampfstarken Mittelfeldwühlers. Zudem konnte er auch in dieser Saison bislang nur selten überzeugen und wartet weiter auf seinen endgültigen Durchbruch als Leistungsträger in Leverkusen.

 Die beiden Verletzungen in der Mittelfeldzentrale lösen zudem eine Kettenreaktion aus, weil Rotation kaum noch möglich und der eng getaktete Spielplan gnadenlos ist. „Alle Spieler in meinem Kader haben die Qualität, einen anderen zu ersetzen. Aber wenn jetzt Palacios ausfällt, bedeutet das, dass ein anderer Spieler, der bereits das Spiel davor absolviert hat, weiterspielen muss“, erklärt Bosz. Vor allem Baumgartlinger müsse jetzt sehr oft und viel spielen. Gleichwohl der Österreicher die Aufgabe bislang gut löst, befürchtet der Trainer eine zu hohe Belastung des Routiniers. Wenn der 32-Jährige auch noch ausfalle, werde die Antwort auf die Frage, wen er als Sechser aufstelle, schwierig. „Ich muss aber auch aufpassen, dass sich Baumi nicht verletzt“, betont Bosz.

Die Tatsache, dass Lars Bender zumindest in den Europa-League-Spielen nicht auf seiner einstigen Stammposition aushelfen kann, macht das Personalpuzzle nicht einfacher. Nach der schweren Verletzung von Santiago Arias im Oktober ist er als Rechtsverteidiger unverzichtbar. In der Liga könnten immerhin noch Tin Jedvaj, Mitchell Weiser oder Aleksandar Dragovic hinten rechts aushelfen.

Noch gibt es also Optionen, doch sie werden knapper. Angesichts des Spielplans ist Bosz besorgt. „Die Saison ist erst zweieinhalb Monate alt, aber wir müssen noch sieben Monate spielen. Es wird nur noch schlimmer“, sagt er mit Blick auf die Dauerbelastung. Schon vor Wochen prognostizierte er eine Spielzeit mit überdurchschnittlich vielen Verletzungen.

Dennoch verfällt er nicht in Aktionismus. „Ich glaube nicht, dass wir aufgrund der Verletzungen noch einmal etwas machen müssen“, sagt er zum Thema mögliche Wintertransfers. „Aber wir halten unsere Augen immer offen, falls sich gute Gelegenheiten ergeben.“