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Bayer 04 Leverkusen: "Leverkusen lässt den Zehnerraum verwaist"

Bayer Leverkusen : "Leverkusen lässt den Zehnerraum verwaist"

Alles, aber auch wirklich alles, stelle man auf den Prüfstand, um aus der sportlichen Krise herauszukommen, versicherte Sami Hyypiä dieser Tage wiederholt. Ein Punkt, an dem es aus Sicht manchen Beobachters möglich wäre anzusetzen, ist das eigene Spielsystem, auf das sich inzwischen quasi alle Gegner gut eingestellt haben. Über die Schwächen dieses Systems, Alternativen und generelle Trends in puncto Taktik in der Bundesliga sprach RP-Redakteur Stefan Klüttermann mit Tobias Escher, einem der Mitbegründer des Taktik-Portals "spielverlagerung.de".

Wann haben die Gegner aus Ihrer Sicht angefangen, sich besser auf die Leverkusener Spielweise einzustellen?

Tobias Escher Immer mehr Gegner überlassen Leverkusen den Ballbesitz und suchen selbst den Konter — und das sind nicht nur Teams aus dem unteren Tabellendrittel. Allerdings passiert dies schon seit einem Jahr, Leverkusens Ballbesitz-Zahlen sind auch relativ konstant. Der Unterschied ist, dass in dieser Saison Mechanismen fehlen, um gegen defensive Gegner Tore erzwingen zu können. Die Zahl der Tore nach Standards ist zum Beispiel gesunken. Zudem konnte der Abgang von Dani Carvajal und André Schürrle nicht 1:1 kompensiert werden. Schürrle brachte seine Präsenz im Zehnerraum ein, ohne Carvajal fehlt die Möglichkeit, über die individuelle Klasse auf den Flügeln durchzubrechen. Emre Can schafft dies noch am ehesten.

Gibt es Erfahrungswerte, wie lange ein neues System "wirkt", bis die Gegner sich darauf einstellen?

Escher Es dauert auf jeden Fall kürzer, als man denkt. Die Scouts der gegnerischen Teams sind immer auf der Lauer und analysieren jedes Team bis ins Detail — gerade die jüngsten Auftritte. Dem kann man nur entgegenwirken, indem man sich auf den Gegner individuell einstellt und kleinere und größere Umstellungen wagt. Es ist nun einmal nicht das Gleiche, wenn ich ein 4-3-3 mit Jens Hegeler und Heung-Min Son als Außenstürmer oder mit Sidney Sam und Gonzalo Castro spiele.

Ist es denn konsequent, an einem System festzuhalten, das die Gegner längst decodiert haben?

Escher Ja und nein. Im Endeffekt geht es nicht so sehr darum, was für ein Zahlengebilde auf dem Platz steht, sondern wie man das System interpretiert und welche Spieler das System mit Leben füllen. Ein Problem der Leverkusener ist , dass man den Zehnerraum verwaisen lässt. Mit Castro oder Sam in guter Form funktionierte das besser, weil beide stark einrückten.

Dieses Einrücken findet momentan kaum statt.

Escher Ja, momentan halten die Außenstürmer eher ihre Position. Man könnte also auch am jetzigen System feilen, bevor man einen radikalen Umbruch wagt. Alternative Bewegungen der Mittelfeldspieler und der Außenstürmer, um das Zentrum zu überladen und sich nicht immer auf dem Flügel festdrücken zu lassen, wären beispielsweise eine Möglichkeit.

Also ein Stück weit "Zurück zu den Anfängen"?

Escher Leverkusens System hat immer dann am besten funktioniert, wenn sie den Ball um den Mittelkreis erobern konnten. Hier liegt der große Vorteil in dem freien Mann zwischen den Linien im Vergleich zum 4-4-2. Nachteil des Systems ist, dass der Stürmer vorne alleine auf weiter Flur agiert. Er muss sehr gut Bälle halten und Lücken besetzen können — Stefan Kießling kann das aber durchaus. Die Schwächen von Bayer 04 würde ich nicht am System selbst festmachen, sondern daran, wie die Spieler das System interpretieren und wie die Gegner sich darauf einstellen.

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Welchen Plan B gibt der Leverkusener Kader aus Ihrer Sicht her?

Escher Leverkusen könnte jederzeit auf alternative Systeme mit einem Zehner umstellen. Castro könnte die Rolle eines Zehners in einer Raute genauso spielen wie Sam. Auch ein 4-2-3-1 mit einer Doppelsechs wäre möglich.

Welches Team ist für Sie derzeit taktisch am interessantesten zu verfolgen in der Liga?

Escher Ganz klar die Bayern. Pep Guardiola stellt sein Team in jedem Spiel individuell auf den Gegner ein. Selbst während des Spiels passt er sein Team mehrfach an, um den Gegner ja nicht ins Spiel finden zu lassen. Das können große Systemwechsel oder kleine Änderungen in den Positionierungen sein. Guardiola ist ein Mann fürs Detail.

Müssen wir uns letztlich bei so viel Flexibilität vom statischen Begriff des Spielsystems verabschieden?

Escher Vielleicht. Spielsysteme werden immer unwichtiger. So lassen sich die Bayern gar nicht über eine Zahlenkombination beschreiben, durch ihre Bewegungen kreieren sie ständig neue Formationen. Die Flexibilität und die Arbeit im Detail werden immer wichtiger, der Fußball noch eine Spur dynamischer und wandlungsfähiger. Vielleicht ist das die größte Neuerung seit der Erfindung des Pressings.

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(RP)