1. Sport
  2. Fußball
  3. Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen lässt bei Union Berlin nicht nur Torchancen liegen

Keine Tore, keine Punkte, keine Selbstkritik : Der Werksklub lässt in Berlin nicht nur Torchancen liegen

Ein Punkt aus den vergangenen vier Bundesligaspielen ist eindeutig zu wenig für die hoch gesteckten Saisonziele von Bayer Leverkusen. Die 0:1-Niederlage bei Union Berlin offenbart aber nicht nur sportliche Schwächen der Werkself und ihrer Verantwortlichen.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der Werkself derzeit auseinander. 1:2, 1:2, 1:1 und 0:1 lauten die jüngsten Ergebnisse in der Bundesliga, durch die das Team von Trainer Peter Bosz bis zum 12. Spieltag ohne Niederlage marschiert ist. Dann kam Bayern München und beendete die Serie mit einem Last-Minute-Sieg. Seitdem läuft es in der Liga nicht mehr. Das 0:1 bei Union Berlin offenbarte zudem Schwächen, die über das Ergebnis hinausgehen.

Das Spiel Die Statistik sprach für die Werkself. Sowohl in puncto Ballbesitz (67:33 Prozent), Passquote (85:66), Zweikampfquote (53:47), Torschussbilanz (13:11) als auch bei den Eckbällen (3:2) hatten die Rheinländer die Nase vorn. Die Mannschaft trat dominant auf und kam vor der Halbzeitpause durch Nadiem Amiri, Kerem Demirbay und Julian Baumgartlinger zu ordentlichen Abschlüssen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es keine Phase gab, in der die Zuschauer das Gefühl hatten, dass Bayer jeden Moment in Führung hätte gehen müssen – erst Recht nicht nach dem Seitenwechsel.

Ohne den zum dritten Mal in Serie geschonten Florian Wirtz fiel es Leverkusen gegen tief stehende, konsequent verteidigende und auf Konter lauernde Berliner schwer, Lücken zu finden. So blieb die Werkself nach den torlosen Remis in Wolfsburg und der Nullnummer gegen Hertha BSC das dritte Mal in dieser Bundesliga-Saison ohne eigenen Treffer. Dass Bayer die Heimreise mit leeren Händen antrat, lag an einer insgesamt schwachen Restverteidigung und der hohen Konteranfälligkeit. Vor seinem Siegtor in der 88. Minute hatte Cedric Teuchert bereits zwei gute Chancen vergeben. Berlins Abwehrspieler Marvin Friedrich kam zudem vor der Pause dem 1:0 bei einer Riesenchance per Kopf am nächsten. Da der Klub aus der Hauptstadt nicht nur mehr, sondern auch die besseren Gelegenheiten verbuchte, geht der Sieg in Ordnung. Der Werksklub steckt in der Liga in einer Ergebniskrise. Und die Aufgaben werden nicht einfacher. Am Dienstag (20.30 Uhr) ist Vizemeister Dortmund zu Gast in der BayArena.

Die Analyse Union hat das Spiel verdient gewonnen – nicht nur wegen der beiden Großchancen von Friedrich und Teuchert, die jeweils am Pfosten landeten. Bayer hatte erwartungsgemäß mehr Ballbesitz, doch wenn es Richtung Unions Tor ging, kamen die Gäste nicht über Distanzschüsse hinaus. Ernsthafte Abschlüsse im gegnerischen Strafraum gab es nicht. Die Versuche aus der zweiten Reihe als „Riesenchancen“ zu bewerten, wie Bosz es nach der Partie tat, ist ein wenig zu hoch gegriffen.

Das gilt auch für die Einschätzung, dass die Werkself eigentlich ein gutes Spiel gemacht hätte. Natürlich war der Auftritt besser als beim 1:2 in Frankfurt oder dem 1:1 gegen Bremen, aber die beiden schwachen Auftritte sollten nicht als Maßstab dienen. Kerem Demirbay verblüffte nach dem Schlusspfiff mit folgender Aussage: „Union hat es sehr, sehr gut gemacht, wir haben sehr, sehr gut gespielt, aber die Schiedsrichter waren extrem schlecht.“ Selbstkritik nach einem 0:1 bei einem direkten Konkurrenten aus dem oberen Tabellendrittel sieht anders aus. Mit keiner Silbe gingen die Akteure öffentlich auf die Tatsache ein, dass es eben vielleicht doch kein „sehr, sehr gutes“ Spiel von Leverkusen war. Das Ergebnis deutet jedenfalls stark darauf hin. Daran ändert auch Demirbays Binse nichts, dass man seine Gelegenheiten eben nutzen müsse, um ein Spiel zu gewinnen: „Wir hatten genügend davon in der ersten Halbzeit.“ Der Realitätscheck zeigt indes, dass Union auch in den ersten 45 Minuten die klarste Torchance hatte: Friedrichs Kopfball.

Der Skandal Nadiem Amiri ist nicht als jemand bekannt, der schnell aus der Haut fährt. Umso erstaunlicher waren die Szenen am Spielende, in denen der 24-Jährige sich gar nicht mehr einkriegen wollte und in gestenreiche Wortgefechte mit Berlins Spielern verstrickt war. Manche sahen gar Tränen in den Augen des Nationalspielers. Grund soll eine rassistische Beleidigung gewesen sein, die Unions Florian Hübner Richtung Amiri ausgesprochen haben soll.

Noch am selben Abend veröffentlichte Amiris älterer Bruder Nauwid ein emotionales Statement bei Instragram, das den Rassismus anprangert, den Bayers Mittelfeldmann in Berlin erleben musste. „Scheiß Afghane“ sei der gebürtige Ludwigshafener von Hübner genannt worden. Der Berliner sei nach dem Spiel in die Gästekabine gegangen, um sich zu entschuldigen – für Nauwid Amiri zu wenig, um den rassistischen Eklat zu entschärfen. Etwa eine halbe Stunde später waren die Beiträge gelöscht.

Am Samstag gab der Werksklub dann eine kurze Mitteilung heraus, dass Nadiem Amiri Hübners Entschuldigung annehme und die Sache für ihn damit erledigt sei. Das Ziel der Aktion ist offensichtlich: Der Verein will das Thema schnell abhaken und zur Tagesordnung übergehen. Das ist allerdings genau der falsche Umgang mit Rassismus im Fußball. Ganz so einfach ist die Angelegenheit ohnehin nicht erledigt: Der DFB nimmt am Montag Ermittlungen zu dem Vorfall auf.