Bayer 04 Leverkusen: Kai Havertz lässt seine Kritiker verstummen

Ein Tor, eine Vorlage : Havertz lässt seine Kritiker verstummen

Ende der Hinrunde wurde der 20-Jährige ausgepfiffen, zum Start der Rückrunde ist er ein Erfolgsgarant beim 4:1-Sieg in Paderborn.

Bescheidenheit ist eine Tugend, die im Profifußball ziemlich intensiv gepflegt wird. Hattrick-Schützen betonen, dass es nicht um sie, sondern um das Team geht, im Netz einschlagende Freistoßkunstwerke werden von Ballartisten in der Nachbetrachtung als reiner Dienst für die Mannschaft beschrieben, und wenn ein Torwart die Punkte mit spektakulären Paraden sichert, geht es aus seiner Sicht nur um eine Sache: den Erfolg des Kollektivs. Und auf keinen Fall um den individuellen Beitrag dafür. Kai Havertz bildet dabei keine Ausnahme. „Die Freude, dass wir das Spiel gewonnen haben, steht im Vordergrund“, sagte er vergleichsweise nüchtern nach dem 4:1 (3:0)-Sieg in Paderborn am Sonntag.

Dabei hätte er zumindest für ein bisschen Überschwang ausreichend Gründe gehabt. Der Nationalspieler bereitete das 2:0 vor, erzielte das 4:1 selbst und lieferte im nasskalten Ostwestfalen eine runde Leistung ab. Überbewerten wollte er das aber nicht. „Mittlerweile steht fast immer im Vordergrund, ob man Tore oder Vorlagen macht, aber im Fußball geht es um mehr als das“, betonte Havertz.

Dennoch: Der deutsche Volkssport Nummer eins ist seit jeher von Statistiken geprägt – und die Zahlen der ersten Saisonhälfte waren alles andere als überzeugend. Als Stammspieler kam Havertz in 14 Ligaspielen auf zwei Treffer und eine Vorlage. Das ist angesichts seiner enormen Qualität eine eher dürftige Ausbeute. Als er bei der 0:1-Heimniederlage gegen Hertha BSC nach einer erneut schwachen Leistung ausgewechselt wurde, quittierten einige Fans in der BayArena seinen Auftritt gar mit Pfiffen. Es war ein Novum für das in Leverkusen eigentlich hochgeschätzte Eigengewächs, dessen Karriere bis dahin nur eine Richtung kannte: nach oben.

Der gebürtige Aachener spielt seit seinem elften Lebensjahr im Trikot der Werkself, durchlief alle Jugendmannschaften und gewann mit Bayers U17 2016 die Deutsche B-Junioren-Meisterschaft. Im Oktober des selben Jahres gab er mit 17 Jahren und 126 Tagen sein Bundesligadebüt – als bis dato jüngster Spieler des Vereins. 2018 avancierte er zum Stammspieler, 2019 erzielte er als erster U20-Profi der Geschichte 17 Tore in einer Bundesligasaison. In diesem Jahr erreichte er im Alter von 20 Jahren und 186 Tagen die Marke von 100 Spielen in der höchsten Spielklasse Deutschlands. Längst ist er Nationalspieler und einer der Hoffnungsträger des Deutschen Fußball-Bunds. Joachim Löw traut ihm eine „Schlüsselrolle“ in der Zukunft der deutschen Auswahl zu, Experten haben ihm längst das bisweilen tückische Label „Jahrhunderttalent“ verpasst. Doch mit seinem rasanten Aufstieg wuchsen auch die Ansprüche an Havertz. Bisweilen driftete die Erwartungshaltung an den 20-Jährigen ins Unfaire ab.

 Zwei Torbeteiligungen in 90 Minuten beim Aufsteiger aus Paderborn taten ihm daher sichtlich gut – was nicht zuletzt beim vergleichsweise ausgelassenen Jubel nach seinem ersten Treffer seit mehr als vier Monaten zu erkennen war. Von der aufkommenden Kritik habe er sich indes nicht beeindrucken lassen. „Ich glaube, ich habe in den vergangenen drei Jahren das Fußballgeschäft gut kennengelernt und weiß, dass die Leute, die dich hochjubeln, dich auch schnell wieder fallen lassen. Ich versuche einfach, mein Spiel zu spielen und der Rest ist mir relativ egal“, erklärt Havertz und kontert seine Kritiker: „Ich finde, dass ich auch in der Hinrunde nicht alles falsch gemacht habe.“

Die freie Zeit in der Winterpause habe ihm aber gutgetan, um neue Energie zu tanken. Das ist Anfang des Jahres auch Rudi Völler aufgefallen. Im Trainingslager in La Manga schwärmte Bayers Sportgeschäftsführer von der Einstellung und Körpersprache, mit der Havertz aus dem Urlaub zurückgekommen sei. „Man sieht, dass der Junge brennt. Ich bin mir sicher, dass er eine Top-Rückrunde spielen wird“, orakelte Völler – und ließ sich knapp zwei Wochen später in Paderborn durch die Realität bestätigen.

Auffällig war aber, dass Coach Peter Bosz die Leistung seines wertvollsten Spielers kritisch sah. Und bewusst die Euphorie bremste. „Ich fand ihn nicht so gut“, sagte der 56-Jährige. „Er ist ein unglaublich guter Spieler und kann es noch so viel besser.“ Den Rückrundenstart bewertete der Niederländer indes deutlich positiver als die Leistung von Havertz. Nicht nur das Ergebnis, sondern auch das Spielerische habe gestimmt, sagte der Trainer. „Vor allem die 1. Halbzeit war sehr gut – da hatten wir Kontrolle über das Spiel und haben 3:0 geführt.“ Einziges Manko sei in seinen Augen nur die erste Viertelstunde nach dem Wiederanpfiff gewesen, in der die Werkself vom Aufsteiger unter Druck gesetzt wurde. „Da waren wir nicht gut.“

Was bleibt, ist jedoch eine positive Grundstimmung, die Selbstvertrauen für die kommenden Aufgaben geben sollte. Erneut am Sonntag wartet der nächste Kandidat aus dem Tabellenkeller auf Leverkusen: Ab 18 Uhr ist Fortuna Düsseldorf zu Gast in der BayArena. „Ich erwarte ein ähnliches Spiel. Wir müssen gewinnen, werden uns gut auf den Gegner vorbereiten und hoffentlich wieder drei Punkte holen“, sagte Havertz. Sollte er eine ähnliche Leistung wie in Paderborn zeigen, dürften die Chancen auf den zweiten Leverkusener Pflichtspielsieg 2020 deutlich steigen – und Bayers Aushängeschild der von Völler prognostizierten „Top-Rückrunde“ wieder ein Stück näher kommen.