Bayer 04 Leverkusen: Jonathan Tahs kritischer Blick in den Spiegel

„Ich erwarte mehr von mir“ : Jonathan Tahs kritischer Blick in den Spiegel

Bayers Verteidiger hadert nach einer durchwachsenen Hinrunde mit seinen Leistungen und betont: „Ich erwarte mehr von mir.“ In der zweiten Saison-Hälfte will er mehr geben.

Jonathan Tah hat kein einfaches Halbjahr hinter sich. Ähnlich wie die Werkself insgesamt, hat der 23-Jährige nicht konstant zu seiner Bestform gefunden. Ordentliche und schwache Leistungen wechselten sich in unschöner Regelmäßigkeit ab, zwischendurch setzte Trainer Peter Bosz den bei Bayer eigentlich gesetzten Nationalspieler auf die Ersatzbank. „Das hat mich natürlich brutal genervt“, sagt Tah. „Aber ich bin nicht der Typ dafür, mit solchen Situationen zickig umzugehen.“

Stattdessen reflektierte der Innenverteidiger seine Leistungen offen und ehrlich. „Ich habe mich gefragt, ob ich in den Spiegel schauen und dann sagen kann, dass ich immer alles gegeben habe. Das habe ich gemacht – und die Antwort war: Nein, das habe ich nicht.“ Zudem habe er von Bosz nach einigen Spielen den deutlichen Hinweis erhalten, dass Tah giftiger und aggressiver in seine Zweikämpfe gehen müsse. „Abgesehen davon hat er von mir gefordert, dass ich als Nationalspieler mehr Verantwortung übernehmen muss.“ Das sei auch richtig so: „Ich erwarte mehr von mir.“

Tah hat die Kritik angenommen. Die Erklärung, dass er nach der vergangenen Saison durch zwei A-Länderspiele sowie die U21-EM, in der er die Auswahl des DFB als Kapitän ins gegen Spanien verlorene Finale führte, lässt er trotz seines stark verkürzten Urlaubs nicht für seine Formschwankungen gelten. „Ich bin kein Freund davon, es auf andere Sachen zu schieben, wenn ich meine Leistung nicht bringe. Ich bin ein junger Kerl und kann von mir erwarten, dass ich das schaffe – auch, wenn es natürlich physisch wie psychisch intensiv für mich war.“

Das sind Sätze, die auch Bundestrainer Joachim Löw im EM-Jahr 2020 gerne hören wird. Seit dem Kreuzbandriss von Niklas Süle sowie der Ausbootung der verdienten Verteidiger Jerômé Boateng und Mats Hummels hat Tah immer wieder Chancen erhalten, um sich zu empfehlen. Beim 2:4 gegen die Niederlande erwischte er wie die gesamte Nationalmannschaft keinen guten Abend und stand anschließend stark in der Kritik. Beim 6:1 gegen Nordirland hingegen agierte der Leverkusener auf deutlich höherem Niveau. „Klar: Das Spiel gegen Holland war unglücklich“, räumt Tah ein. „Aber danach lief es auch wieder besser für mich.“ 

Seine Chancen, Teil des EM-Kaders zu sein, bewertet der 23-Jährige als „sicherlich nicht schlecht.“ Dafür müsse er aber eine Grundvoraussetzung erfüllen: „Das Wichtigste ist, dass ich im Verein Gas gebe und zeige, dass ich da bin. Auch der Bundestrainer erwartet von mir, dass ich mehr Verantwortung übernehme – in den Zweikämpfen, im Spielaufbau und in der Organisation der Abwehr.“

Das sind nur einige Dinge, die bei dem Turnier von Anfang an gefragt sein werden, denn Deutschland hat mit Portugal und Frankreich eine sogenannte „Todesgruppe“ erwischt. Der Weltmeister von 2014 trifft bereits vor der K.o.-Runde auf den von 2018 und dazu noch auf den Europameister. Der 1,95-Meter-Mann freut sich trotz oder gerade wegen der Unkenrufe auf diese Duelle. „Ich finde die Reaktionen auf die Gruppe lustig – so, als wären wir der Underdog und hätten keine Chance. Aber ich bin mir sicher, dass sich die anderen auch nicht darüber gefreut haben, dass sie gegen uns spielen müssen.“ 

Mit diesem Selbstbewusstsein müsse Deutschland an die zweifellos herausfordernde Aufgabe herangehen. „Ich finde die Gruppe megagut“, betont der gebürtige Hamburger, der sich wie sein Bayer- und DFB-Teamkollege Nadiem Amiri für Spielabbrüche ausspricht, wenn ein Profi von den Rängen rassistisch beleidigt wird. „Wenn so etwas passiert, muss es Konsequenzen geben, damit sich etwas ändert. Nur darüber reden und sagen, dass es nicht gut ist, verändert nichts.“ 

Rassismus im Fußball ist ein Thema, bei dem Tah offenbar auch neben dem Platz bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Zuletzt hatte der der Fall Antonio Rüdiger für Aufsehen gesorgt. Mit dem FC Chelsea spielte der 26-jährige Nationalspieler kurz vor Weihnachten im Derby bei Tottenham Hotspur, wo er offenbar rassistisch verunglimpft wurde. Rüdiger sprach anschließend von einer „Schande“, aber die Ermittlungen der Polizei brachten kein Ergebnis. Es wird wohl nicht das letzte Mal sein, dass Rassismus von den Rängen zum Thema wird.

Tahs sportliche Ansprüche für die Rückrunde sind klar definiert. „Wenn wir konstant unser Leistungsniveau erreichen, kommen die Punkte von alleine“, ist er überzeugt. Das Ende der Leistungsschwankungen sowohl von Tah als auch von der Werkself insgesamt wäre die Grundlage dafür, dass sich Tahs selbstkritischer Blick in den Spiegel im kommenden Sommer deutlich besser anfühlt.