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Bayer 04 Leverkusen: Eine Bilanz des Grauens

Negativserie im neuen Jahr : Bayers Bilanz des Grauens

Das Fußballjahr 2021 ist bislang ein Debakel für die Werkself. Die Mannschaft von Trainer Peter Bosz ist kaum wiederzuerkennen – und das liegt nicht nur am außergewöhnlichen Verletzungspech, das Bayer 04 derzeit heimsucht.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Gästetrainer nach einem Auswärtssieg sein Gegenüber in Schutz nimmt. Christian Streich machte nach Freiburgs 2:1-Sieg in Leverkusen genau das mit Peter Bosz. Man dürfe nicht vergessen, wie belastend die andauernden Englischen Wochen für die Rheinländer gewesen seien, sagte der 55-Jährige. So könnten die Spieler gar nicht 100 Prozent fit sein. Natürlich habe es zudem auch Glück gebraucht, um die drei Punkte mitzunehmen. „Und das hat Bayer gerade nicht“ – Understatement aus dem Schwarzwald. Denn Bayer fehlt aktuell freilich mehr als Glück und Frische. Die Bilanz der vergangenen Monate ist schauderhaft.

Liga Es wirkt inzwischen wie eine Erinnerung aus längst vergessenen Zeiten, aber Bayer 04 war nach zwölf Spieltagen ungeschlagen Tabellenführer. 28 Punkte sammelten Bosz und sein Team mit 27:10 Toren. Dann kam die rückblickend betrachtet wohl verhängnisvolle Last-Minute-Niederlage gegen den FC Bayern, die nicht nur Platz eins, sondern auch viel von dem vorab erarbeiteten Selbstverständnis gekostet hat. Erholt hat sich die Werkself davon nicht.

Denn seitdem läuft es nicht mehr. Nur neun Zähler aus elf Ligaspielen sind die Bilanz eines Absteigers. Nach der Hinrunde war Leverkusen immerhin noch Dritter mit 32 Punkten, die Rückrundentabelle zeichnet dagegen ein desaströses Bild: Platz 14. Zu den Teams, die in den bislang sechs Partien der zweiten Halbserie mehr Punkte einfuhren, zählen unter anderem der dauerkriselnde Nachbar 1. FC Köln, der Vorletzte Mainz 05 sowie das formschwache Werder Bremen.

Pokale Viel ist über das blamable Pokal-Aus beim Viertligisten Rot-Weiss Essen geredet worden. Das 1:2 nach Verlängerung war zweifellos ein Tiefpunkt. Tröstlich war dabei immerhin, dass sich Bayer knapp 30 Torschüsse erspielte, davon aber nur eine nutzen konnte – und das eigentlich zu einem psychologisch hervorragenden Zeitpunkt. Doch Leon Baileys Treffer in der 105. Minute brachte weder Sicherheit noch den Sieg. Stattdessen zog Essen dank zwei später Tore ins Viertelfinale ein.

Ähnlich peinlich war die Darbietung der Werkself in der Europa League bei den Young Boys Bern. Die ersten 45 Minuten des Sechzehntelfinals glichen einem fußballerischen Offenbarungseid. Nur einer deutlich besseren zweiten Halbzeit war es zu verdanken, dass aus dem 0:3 noch ein 3:4 wurde. Das Rückspiel verloren die Leverkusener indes sang- und klanglos mit 0:2 – ein herber Kontrast zu den betont selbstbewussten Aussagen vor dem Anpfiff. Unter anderem Kerem Demirbay betonte, dass sich – bei allem Respekt vor Bern – die Qualität von Bayer durchsetzen müsse. Stattdessen folgte ein noch tieferer Tiefpunkt als im Pokal.


Verletzungen Timothy Fosu-Mensahs Kreuzbandriss ist nur das nächste traurige Kapitel der Misere. Bayers Lazarett erreicht in dieser Saison rekordverdächtige Zahlen. Auffällig ist dabei die Anzahl der Spieler, die bis jetzt langfristig verletzt sind oder waren: Julian Baumgartlinger, Lars Bender, Sven Bender, Santiago Arias, Paulinho, Mitchell Weiser, Charles Aránguiz und Lukas Hradecky. Hinzu kamen kleine bis mittelschwere Blessuren oder Krankheiten von Karim Bellarabi, Patrik Schick oder Nadiem Amiri, die inzwischen auskuriert sind.

Bosz habe eine derartige Pechsträhne in 40 Jahren Profifußball als Spieler und Trainer noch nicht erlebt, sagte er. Auch deswegen schlug Bayer im Wintertransferfenster gleich drei Mal zu: In Jeremie Frimpong, Demarai Gray und dem nun auch langfristig verletzten Fosu-Mensah kamen drei Spieler, die kaum Zeit zur Integration hatten und sofort einspringen sowie dabei funktionieren mussten. Das immerhin ist gelungen: An den Neuen liegt die Krise der Werkself nicht.


Werte Verglichen mit dem überragenden ersten Saisondrittel ist Bayer 04 nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Offensive wirkt gehemmt und ineffektiv, das Mittelfeld gleicht seit Wochen einem schwarzen Leistungsloch, von dem kaum noch Spielwitz und Kreativität ausgeht. Defensiv präsentiert sich die Werkself anfällig, die Restverteidigung wirkt bisweilen schlampig oder – wie zuletzt beim 1:2 gegen Freiburg – körperlos. Gestandene Profis wie Demirbay oder der erst vor dieser Saison zum Kapitän ernannte Aránguiz können ihre Status innerhalb der Mannschaft schon seit geraumer Zeit nicht mehr mit Leistung rechtfertigen.

Auch ein Blick in die Statistik verrät, warum Bayer derzeit die eigenen Erwartungen nicht erfüllt: Die Werkself erspielt sich weniger Tormöglichkeiten und nutzt die sich bietenden Chancen zudem weniger effizient als noch zu Beginn der Saison. 27 Treffer fabrizierte der Angriff allein in den ersten zwölf Saisonspielen.

Seither kamen nur noch zehn weitere hinzu. Stürmer Lucas Alario war es in der Hinserie an drei aufeinanderfolgenden Spieltagen gelungen, jeweils einen Doppelpack zu erzielen. Nur Münchens Tormaschine Robert Lewandowski war noch effizienter als der Argentinier. Seinen acht Liga-Treffern konnte der 28-Jährige danach jedoch nur noch einen weiteren hinzufügen. Auch Sturmkollege und Sommerzugang Patrik Schick, der bislang sechs Mal erfolgreich war, sucht im neuen Jahr noch seine Form.

Eine ähnliche Diskrepanz zwischen den ersten zwölf und den darauffolgenden elf Spielen lässt sich auch bei den Gegentoren feststellen. Mit lediglich zehn kassierten Treffern stellte Bayer vor dem Bayern-Spiel die zweitbeste Defensive der Liga. Seitdem kamen 16 weitere hinzu – das ist nur noch Liga-Mittelmaß.