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Aufstand der Fans: Neuausrichtung im Profi-Fußball

Neuausrichtung im Profi-Fußball : Aufstand der Fans

Ein breites Bündnis aus über 2000 Fanklubs fordert eine Neuausrichtung des Profifußballs: Faire Verteilung der TV-Gelder, nachhaltiges Wirtschaften und Anerkennung der Fankultur wünschen sich die Initiatoren.

„Basisnah, nachhaltig, zeitgemäß“ – so soll der Profi-Fußball in Zukunft sein. Das zumindest fordert die Fan-Initiative „Unser Fußball“ in einer Erklärung, die sie vergangene Woche veröffentlicht hat. Gerichtet ist diese Erklärung vor allem an die Deutsche Fußball-Liga (DFL). „Seit Jahren beobachten wir viele Entwicklungen des Profifußballs mit Sorge. Wiederkehrend wurde auf die Notwendigkeit von Veränderungen hingewiesen. Die Corona-Krise hat weitere Schwächen des kaputten Systems Profifußball offenbart“, heißt es weiter in der Erklärung.

Bisher haben mehr als 2200 Fanklubs und mehr als 11.000 Einzelpersonen unterschrieben. Spezifisch fordert „Unser Fußball“ eine faire Verteilung der TV-Gelder, nachhaltiges Wirtschaften bei den Vereinen und die Anerkennung der Fankultur als elementarem Bestandteil des Fußballs. „Wir wollen, dass der Fußball wieder fairer wird“, sagt Jan-Henrik Gruszecki, einer der Sprechers des Bündnisses, „wir brauchen einen ordentlichen Wettbewerb.“ Das Bemerkenswerte an der Erklärung ist: Oft sind es die großen Fanszenen und die Ultras, die ihre Stimme erheben, die lautstark gegen das „System Profifußball“ protestieren. Jetzt aber sind auch viele kleinere Fanklubs dabei. „Wir waren schon überrascht, wie viele da jetzt unterzeichnet haben“, sagt Grueszecki. Aber das zeige, wie viele mit dem Profifußball aktuell unzufrieden seien – und Änderungen fordern.

Auch der Gladbach-Fanklub „Angerland Fohlen“ aus Ratingen hat die Erklärung unterschrieben. „Wir mussten nicht lange überlegen, ob wir unterzeichnen“, sagt Oliver Surmann, der erste Vorsitzende des Klubs. Die Angerland Fohlen bezeichnen sich selbst als „familiären Verein“, haben 90 Mitglieder. „Wenn ich mit meinem Sohn ins Stadion fahre, bin ich gerne mal 120 Euro los“, sagt Surmann. Für Karte, Bratwurst und Getränke. Früher seien vor allem die Sitzplätze nicht so teuer gewesen. Doch nicht nur das stört Surmann. Auch die hohen Spielergehälter und Ablösesummen kritisiert er. Das alles ist aber nicht neu. „Es geht um die gleichen Themen wie die letzten Jahre auch.“

Neu ist aber, dass der Fußball sich in Demut übt. Bayern-Boss Karl-Heinz Rumenigge sagte im April der „tz“ und dem „Münchner Merkur“, dass man bestimmte Prozesse wieder normalisieren müsse, dass es zu viele Exzesse im Fußball gegeben habe. Auch DFL-Chef Christian Seifert versprach im April, man werde nicht weitermachen wie bisher.

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„Ich hatte den Eindruck, der Fußball hatte lange das Gefühl, als wäre die große Resonanz, die er hat, gottgegeben“, sagt Helen Breit, Vorstandsvorsitzende des Vereins „Unsere Kurve“, einer bundesweiten Vertretung organisierter Fanszenen in Deutschland. In der Diskussion vor dem Re-Start habe sich gezeigt, dass das nicht so ist. Auch deswegen hofft Breit, dass in der DFL ein Umdenken stattfindet. Ob das wirklich passiert, wird sich zeigen. Die DFL hatte angekündigt, im September eine „Task-Force Zukunft Profifußball“ ins Leben zu rufen. Auch die DFL halte Veränderungen im Profifußball für notwendig, heißt es in einem Statement. An der Task Force sollen unterschiedliche Akteure beteiligt sein, auch Fanvertreterinnen wie Helen Breit.

Breit kennt den Austausch mit der DFL, sie ist für „Unsere Kurve“ auch Mitglied bei der AG Fankulturen, bei der sich die Liga und Fans austauschen. „Ich fühle mich dort als Mensch ernst genommen“, sagt sie, „und irgendwie ist es erschreckend, dass ich das als positiv hervorhebe.“ Vielmehr sollten auch die Forderungen, die Inhalte der Fanszenen ernst genommen werden, so Breit. Deswegen fordert sie, dass die Fans in die Task Force der DFL eingebunden werden und an der Neuausrichtung des Fußballs mitwirken können. „Der Fußball ist auf die Fans angewiesen“, so Breit.

„Die Zeit des Redens ist vorbei“, sagt auch Jan-Hendrik Grueszecki von „Unser Fußball“, „jetzt muss gehandelt werden. Sonst verliert der Fußball einen großen Teil seiner Kultur.“

Die Frage wird sein, ob das die DFL auch so sieht und auf die Fans zugeht. Mönchengladbach-Fan Sersmann ist sich da nicht so sicher. Trotzdem hofft er es – und hat die Erklärung unterschrieben. „Wenn man gar nichts macht, ist es auch scheiße.“