Arnd Zeigler im Interview „Lasst den Fußball so einfach, wie es irgendwie geht“

Interview | Bremen · Am Sonntag läuft zum 500. Mal „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ im WDR. Anlässlich des Jubiläums spricht Arnd Zeigler über die Entwicklung der Sendung, außerdem geht es um die Schattenseiten des Fußballs und wieso die Leidenschaft trotzdem nicht nachlässt.

 Arnd Zeigler.

Arnd Zeigler.

Foto: WDR

Am Sonntag steht Ihre 500. Sendung an. Gehen Sie diese Ausgabe anders an als sonst?

ZEIGLER Ich muss anders reingehen, weil es eine ganz andere Sendung wird. Wir haben ganz viele Gäste da und nur begrenzten Platz, es sind mit allen Mitarbeitern zehn Leute in zwei Räumen, die wir irgendwie unterbringen müssen. Ich muss mich auf alle Leute einzeln vorbereiten und dadurch, dass die Sendung so lang ist, wird sie auch einen anderen Spannungsbogen haben. Meistens geht die Sendung ganz schnell vorbei und wir haben eine überschaubare Anzahl an Themen, aber jetzt wird es mehr eine ‚Show‘ als sonst.

Wie nahm die Sendung 2007 ihren Anfang?

ZEIGLER Ich bin ein klassischer Radiomann und wollte eigentlich nie zum Fernsehen. Ich habe einen Anruf bekommen von Steffen Simon, der damals noch Sportchef beim WDR war und der sagte, er will mir eine Idee vorstellen und sie würden mich gerne für ein Projekt gewinnen. Ich bin da mit sehr viel Unsicherheit reingegangen, denn ich hatte überhaupt keine Fernseh-Erfahrung. Aber wenn dir jemand anbietet: Wir machen eine Sendung, die wird deinen Namen tragen und du kannst da ganz viel von dem umsetzen, was dir im Fußball wichtig ist, dann weißt du ganz genau, du kannst das eigentlich nicht ablehnen und wenn du jemals Fernsehen probieren möchtest, dann ist das jetzt der perfekte Zeitpunkt. Ich hatte halt mit dem Fernsehen keine Erfahrung und es gab ganz viel, was man noch klären musste. Ich wusste nie: Wird die Sendung nach einem Jahr abgesetzt oder läuft sie sich vielleicht nach zwei Jahren tot, das hätte alles passieren können. Zudem war es für mich eine schwierige Zeit, denn ich war gerade frisch geschieden und hatte einen kleinen Sohn, der war sechs. Er hat damals bei Werder in der G-Jugend gespielt und ich habe mir natürlich überlegt: Welche Ebene kann ich nach der Trennung mit ihm aufbauen? Also habe ich mit ihm abgesprochen, dass wir alles, was mit Fußball zu tun hat, zusammen machen. Ich musste Steffen Simon also sagen: Das Angebot ehrt mich total, aber ich habe meinem Sohn gerade dieses Versprechen gemacht und da kann ich ihm jetzt nicht sagen ‚ich kann doch nicht, weil ich am Wochenende immer nach Köln muss‘. Daraus wurde dann die Idee geboren, zu mir nach Bremen zu kommen.

Was ist aus 499 Folgen besonders im Gedächtnis geblieben?

ZEIGLER Es ist ein so langer Zeitraum, da gibt es so viele Sachen. Am Anfang hatten wir mit wahnsinnig vielen lustigen technischen Problemen zu kämpfen, weil wir eben aus einem Altbau in Bremen gesendet haben und nicht aus einem hochtechnisierten Studio. Wir hatten aber nie die gleiche Panne zweimal, sondern immer wieder andere Sachen. Das war so die Anfangszeit. Insgesamt hat sich das große Ganze verschoben: Am Anfang war es eine Call-in-Sendung, dann habe ich immer mehr meine Archivleidenschaft eingebunden und es wurde immer mehr Retro-Fußball eingebracht. Irgendwann haben wir angefangen, mehr über kleine Vereine zu machen und es kam das Kacktor des Monats dazu. Es ist jetzt so eine Art Fußballkulturmagazin, was es am Anfang noch gar nicht war. Ich finde, dass die Sendung so ihren Platz gefunden hat und das ist für uns als Team auch etwas sehr Schönes: Dass die Sendung ihre Entwicklung genommen hat hin zu einer Marke, die sie inzwischen geworden ist. Das macht mir sehr viel Freude und war überhaupt nicht absehbar am Anfang.

Vor fünf Jahren haben Sie in einem RP-Interview gesagt: „Man ging früher mal ins Stadion, um zu sehen, wer gewinnt. Heute geht man oft nur noch hin, um Augenzeuge dabei zu sein, wie das Erwartete eintritt.“ Das hat sich eher weiter verstärkt. Was kann man dagegen tun, oder ist eine Super League unausweichlich?

ZEIGLER Das kann ja nicht die Lösung sein. Ich finde, dass es einen Sport entwertet, wenn man verschiedene Verbände nebenher gründet, damit jeder seinen Teil abhaben kann. Ich bin zum Beispiel groß geworden in einer Zeit, da hat Muhammed Ali noch geboxt und war Weltmeister aller Klassen. Mittlerweile gibt es 25 verschiedene Boxverbände und jeder hat seinen eigenen Weltmeister, das interessiert mich nicht mehr. So ist es generell mit traditionellen Sportarten. Man kann dann zwar konstruieren, dass die Bayern gar nicht mehr mitspielen und deshalb mal wieder jemand anders deutscher Meister werden darf, aber das ist dann ja trotzdem nicht die beste deutsche Mannschaft, wenn die Bayern gleichzeitig in irgendeiner Superliga spielen. Die Lösung muss sein, die Bundesliga wieder spannender zu kriegen und das ist eine sehr schwierige Sache. Man kann den Bayern nicht vorwerfen, dass sie mit dem Geld, das sie in der Champions League einnehmen, gut umgehen. Wäre die Champions League so klein geblieben wie am Anfang, mit acht Vereinen in zwei Gruppen, hätten wir diese Probleme nicht. Das Problem war, dass die Champions League immer mehr zu einer – ich verwende jetzt auch mal diesen Kampfbegriff – Gelddruckmaschine geworden ist und wir dadurch ein Modell erreicht haben, wo ja auch die Uefa dafür sorgt, dass immer die gleichen Vereine zugesichert bekommen, dass sie in der Champions League zuverlässig ihre exorbitant hohen Einnahmen haben. Dadurch entfernen sie sich immer weiter vom Fußball der heimischen Ligen. Dann hat man gemerkt: Es gibt Vereine, die können im Konzert der ganz Großen nicht mehr mithalten, wollen aber auch international spielen, also brauchen wir noch mehr Wettbewerbe. Es geht um maximalen Profitgewinn in der Champions League und das sorgt dafür, dass die heimischen Ligen degradiert werden. Das widerspricht eklatant dem, mit dem wir groß geworden sind und es entwertet für mich den Fußball, den wir kennengelernt haben. Es ist ein Alarmzeichen, dass man sich jetzt vor Augen führt: Wäre der Ligenfußball in Europa immer schon so gewesen wie jetzt, hätten wir niemals diese Faszination dafür entwickelt.

Wie stehen Sie Regeländerungen wie zum Beispiel einer Netto-Spielzeit, bei der die Uhr stehen bleibt, wenn der Ball nicht im Spiel ist, gegenüber? Könnten sie das Spiel attraktiver machen?

ZEIGLER Das sehe ich sehr kritisch. Netto-Spielzeit ist eine von den Änderungen, die man vielleicht mal ausprobieren müsste. Es wäre durchaus eine mögliche Verbesserung, wenn man hinbekommen würde, dass das Zeitspiel dadurch erschwert wird. Es gibt viele Änderungen, die in meinen Augen einfach hanebüchen sind. Ich werde nie vergessen, wie Til Schweiger mal im Doppelpass gefordert hat, man sollte das Abseits doch bitte endlich ganz abschaffen. Wenn du das machst, bleiben Spieler auf der gegnerischen Torlinie stehen und das Mittelfeld wird praktisch abgeschafft, weil der Ball nur noch hin- und hergebolzt wird. Was auch Unsinn ist in meinen Augen und was immer wieder gefordert wird, ist einschießen statt einwerfen. Das klingt oberflächlich erstmal gut, um das Spiel schneller zu machen, aber wenn man einen Schritt weiterdenkt, dann kommt man dazu, dass dann Ecken gar nichts mehr wert wären, weil Ecken wegen des Winkels ja viel schlechter wären als das Einschießen. Künftig würdest du also nicht mehr ins Seitenaus klären, sondern den Ball bei jeder Gelegenheit ins Toraus schießen, damit der Gegner eine schlechtere Position hat, wenn er ihn wieder ins Spiel bringen darf. Das gesamte Spiel würde von Grund auf verändert werden. Alles, was wir in 160 Jahren über Fußball gelernt haben, würde plötzlich ganz anders, und das muss man vermeiden. Ich bin auch nach wie vor nicht mit dem Videobeweis warm geworden. Es ist ein viel zu großer Einschnitt, dass man bei einem Tor nicht mehr ekstatisch jubeln kann. Das nimmt dem Fußball so viel weg, das finde ich schade. All diese Änderungen sind meistens zu kurz gedacht und deswegen sage ich: Lasst den Fußball so einfach, wie es irgendwie geht. Das ist das Geheimnis des Fußballs, dass du eben kein Equipment brauchst wie beim Golf oder Tennis oder einen perfekten Platz, sondern du kannst in irgendeinem Garagenhof Fußball spielen und jeder Achtjährige kennt die Regeln halbwegs. Deswegen finde ich zum Beispiel auch katastrophal, dass sie an der Handspielregel so viel rumdoktern, die früher mal ganz einfach war und jetzt ganz kompliziert ist. Das tut alles nicht gut und entfernt uns auch weiter von dem, was Fußball mal war und das ist schade.

Wir haben über die negativen Entwicklungen des Fußballs gesprochen und blicken jetzt auf eine WM in Katar, die für all das quasi sinnbildlich steht. Wieso bleibt man dem Fußball bei all dem Ärger trotzdem treu?

ZEIGLER Das hat sich über die Jahre in meiner Sendung zum Kernthema entwickelt, auf das ich immer wieder zurückfalle, dass man sich immer wieder fragt: warum eigentlich? Wie wir es ja schon thematisiert haben: Im Vergleich mit 2007, als die Sendung anfing, ist der Fußball viel vorhersehbarer, es ist viel weniger spannend, es gibt viel weniger Sternstunden für kleinere Vereine, weniger Überraschungsmeister. Ich weiß noch, wie man sich vor ein paar Jahren gefreut hat, als Leicester City englischer Meister geworden ist, gegen diese ganzen hochgezüchteten Mannschaften. Das passiert halt fast nicht mehr. Auf der anderen Seite sage ich aber: Dann muss der Fußball ja eine wahnsinnige Kraft haben, wenn man sich auf der einen Seite über immer mehr ärgert und entfremdet fühlt und trotzdem dabeibleibt. Das Gefährliche daran ist, dass wir inzwischen vor allem dabeibleiben, weil wir lediglich noch eine Erinnerung daran haben, wie es sein könnte und wir dürfen das nie ganz verloren gehen lassen. Wir sind halt sozialisiert worden mit Fußball. Wir tragen das alles irgendwie in uns, was Fußball uns mal bedeutet hat und wie Fußball sein könnte. Es ist mathematisch sehr interessant, dass man uns vom Fußball eigentlich immer mehr wegnimmt und man trotzdem das Gefühl hat, es ist immer noch genug da, um ihn toll zu finden. Die WM ist ja ein Paradebeispiel. Früher hat man sich ein Jahr lang auf eine WM gefreut. Ich bin während der WM 1974 Fußballfan geworden und habe mich wahnsinnig geärgert, dass die nächste erst in vier Jahren ist. Auf die WM in Katar freut sich niemand so richtig, das ist etwas anderes als Mexiko 1986. Man klingt dann immer wie ein verklärter, ewig gestriger Fußballromantiker, aber es war früher einfach vieles – nicht alles – wirklich toller. Das ist eine Sache, die müssen wir uns bewusst machen und da müssen wir auch versuchen gegenzusteuern, auch wenn es sehr schwierig ist, manche Sachen rückgängig zu machen. Aber das dürfen wir halt nicht verlieren und nicht dabei zugucken, wie der Fußball vielleicht in 30 Jahren gar nichts mehr wert ist.

Hilft Ihnen dabei vielleicht die Tätigkeit als Stadionsprecher? Am Samstag geht es wieder ins Weserstadion, Flutlicht, 40.000 Zuschauer – das löst doch sicher noch etwas aus?

ZEIGLER Immer noch. Das ist tatsächlich etwas, wo ich merke, das wird nicht weniger. Den Job mache ich jetzt schon seit 21 Jahren, aber es wird mich nie kalt lassen, am Spielertunnel zu stehen und wenn die Spieler vorbeikommen, dann bin ich wie ein kleiner Junge. Ich habe am Samstag das Abschiedsspiel von Claudio Pizarro mitmoderiert, da ist mir Johan Micoud begegnet und der hat ein Gespräch mit mir angefangen; ich habe mich gefühlt wie ein Teenager, obwohl ich bald Ende 50 bin. Das verliert man nicht. Diese Faszination, die du als Teenager entwickelst und die Idole, die du hast, behältst du meistens auch und das ist schon toll.

Werders Gegner am Samstag ist Borussia Mönchengladbach. Beim letzten Duell der beiden wurde der Bremer Abstieg besiegelt. Was hat sich im Klub seither getan?

ZEIGLER Es haben sich viele Dinge geändert, die Glücksfälle sind. Es gibt ja eine große Doku auf Dazn über die Zweitligasaison und wenn du die als Werder-Fan siehst, kannst du spätestens nach dem dritten von sechs Teilen nicht mehr glauben, dass diese Saison noch gut ausgeht, du aufsteigst und plötzlich Ole Werner als Trainer hast, der dem Verein als Mensch und als Typ wahnsinnig gut tut. Du siehst da eine Mannschaft, bei der du anfangs merkst, die haben ganz viele riesige Probleme. Im Grunde wäre das ein Stoff für einen Spielfilm gewesen. Eine Mannschaft, die ganz viele Rückschläge erlebt, sich aber immer weiter zusammenrauft und am Ende einen total verschworenen Haufen bildet, der dann aufsteigt, guten Fußball spielt, schöne Tore schießt und das nach dem Aufstieg in der 1. Bundesliga fast genau so weitermacht. Natürlich nicht so erfolgreich wie in der Zweiten Liga punktemäßig, aber schon so, dass es so ist, als wären sie nie weg gewesen. Ich empfinde den Kader als wahnsinnig spannend zusammengestellt, es gibt dort viele spannende Geschichten. Es ist ein Kader, mit dem sich Bremen auch total identifiziert, weil das zum großen Teil wirklich Leute sind, die man auch menschlich toll findet. Da ist wirklich viel Gutes passiert und zusammengekommen. Ich bin auch ein bisschen hilflos, weil ich immer allen Leuten widersprochen habe, die meinten, vielleicht wäre es ganz gut, wenn man mal absteigt, dann könnte man hinterher gestärkt wieder aufsteigen – aber genau das ist passiert. Es ist ein großer wirtschaftlicher Schaden entstanden, aber es hat dem Verein letztlich sportlich gutgetan, sich komplett rundzuerneuern und man spielt jetzt mit einer Mannschaft in der Bundesliga, die fast gar nicht verändert wurde. Die Mannschaft wirkt aber wie aus einem Guss und deshalb macht das viel Spaß und ist unheimlich identitätsstiftend.

Borussia Mönchengladbach: Startelf beim VfB Stuttgart
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So könnte Borussias Startelf in Stuttgart aussehen

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Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Werder hat in dieser Saison noch kein Heimspiel gewonnen und seit 2015 nicht mehr gegen Borussia. Warum wird sich das am Samstag ändern?

ZEIGLER Ich weiß nicht, ob es sich ändert. Ich wünsche mir es sehr, ich habe große Sehnsucht nach dem ersten Heimsieg. Ich habe aber auch großen Respekt vor Borussia Mönchengladbach und gehöre zu den vielen, vielen Menschen die sagen: Ich mag den Verein total, weil er eben immer mal dabei ist im Konzert der Großen und zwar nicht, weil sie irgendwo eine irrwitzige Geldquelle aufgetan haben, sondern einfach nur, weil sie schlau vorgehen und weil sie viel Gutes gemacht haben. Ich hoffe, dass es ein tolles Fußballspiel wird und dass meine Mannschaft gewinnt, aber ich weiß es nicht. Ich finde es in dieser Saison aus Bremer Sicht total auffällig, dass jedes Spiel total eng war. Jedes Spiel hätte auch andersherum ausgehen können. In jedem Spiel geht es immer komplett ans Limit und das wird am Samstag auch so sein. Ich freue mich auf das Spiel und fiebere dem entgegen und hoffe wirklich sehr, dass es ein Heimsieg wird.

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