TC Freisenbruch: 300 Manager machen die Aufstellung eines Kreisligisten

Crowdsourcing-Projekt Freisenbruch: 300 Manager machen die Aufstellung eines Kreisligisten

Beim Essener Kreisligisten TC Freisenbruch kann jeder, der will, über die Formation im Internet entschieden. Das Projekt ist ein Experiment zu der Frage, wie demokratisch Fußball sein kann.

Soll als Linksverteidiger Joel Feld oder lieber Maximilian Buß spielen? Ich entscheide mich für Feld und klicke auf sein Konterfei, das in der virtuellen Grafik erscheint. Zuvor habe ich mir die Aufstellungsempfehlung des Trainers als Video angesehen, Trainingsberichte gelesen und die Spielerstatistiken durchforstet. Das Aufstellen der Mannschaft für das nächste Spiel erinnert an Computerspiele wie "Fifa-Manager". Doch ein gewaltiger Unterschied besteht: Weil die Mehrheit der Online-Manager für Joel Feld gestimmt hat, steht dieser auch in Wirklichkeit auf dem Platz. Und zwar für den TC Freisenbruch im Heimspiel gegen die dritte Mannschaft von Burgaltendorf. Maximilian Buß muss auf die Bank.

Der Essener Fußballverein verfolgt seit dieser Saison ein einzigartiges Konzept: Wer sich für fünf Euro im Monat auf der Internet-Plattform des Klubs registriert, bestimmt als Online-Manager mit über die Geschicke der ersten Mannschaft. Per Abstimmung entscheiden die Nutzer über die Startaufstellung, über das Spielsystem, über Bier- und Wurstpreise, aber auch über das Schicksal des Trainers. In Zukunft sollen sie über Spielerverträge und Transfers mitbestimmen. Rund 300 Hobbymanager machen mit. Das Essener Projekt ist ein Experiment zu der Frage, wie demokratisch Fußball sein kann. Eine hochaktuelle Frage in Zeiten von RB Leipzig, wo Alibi-Vereinsmitglieder die Entscheidungen eines Konzerns abnicken.

"Die Idee ist nicht neu. Es gab Versuche mit erfolgversprechenden Ansätzen, aber sie wurden nicht konsequent umgesetzt", sagt Gerrit Kremer. So scheiterte Fortuna Kölns Projekt "Deinfussballclub" an fehlenden Mitbestimmungsmöglichkeiten und Transparenz. Kremer betreibt zusammen mit Peter Schäfer und Peter Wingen die Agentur Doppelpass, die Konzepte und Software für Sportvereine entwickelt. Für das bislang ungewöhnlichste Konzept suchten die drei Partner, die als ehemalige Jugendtrainer oder Schatzmeister die Essener Fußballszene bestens kennen, einen passenden Verein. Beim TC Freisenbruch stießen sie auf offene Ohren.

Der Traditionsverein, der seit 1902 existiert, hat in den vergangenen Jahren einen stetigen Niedergang erlebt. Der langjährige Bezirksligist war bis in die Kreisliga B abgerutscht, die zweitunterste Liga in Essen, und kämpfte dort gegen den Abstieg. Leistungsträger gingen weg, Geld war knapp. Die Sportanlage, die in einem kleinen Waldstück in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung liegt, erwärmt zwar das Herz von Fußballromantikern, bereitet aber Spielern und Verantwortlichen wenig Freude. Das in die Jahre gekommene Waldstadion Bergmannsbusch beherbergt einen von immer weniger werdenden Ascheplätzen in der Stadt - wer sich nach einem Spiel schon mal Steinchen aus dem Knie gepult hat, kennt die Nachteile. Begrenzt wird der Platz von grasbedeckten Schrägen, eine Steintreppe führt zum kleinen Vereinshaus und einem Unterstand, unter dem knapp 40 Zuschauer stehen können. "Das Waldstadion ist eine wunderschöne Anlage und gleichzeitig ein großer Standort-Nachteil", sagt Kremer.

In einer Versammlung stimmten die Mitglieder des TC Freisenbruch mit großer Mehrheit für das Online-Manager-Konzept. Die erste Mannschaft wurde aus dem Verein ausgegliedert - der Verein hätte sonst seine Gemeinnützigkeit verloren - und der Agentur zugeschlagen. Seit einem halben Jahr haben nun die Onliner das Sagen. Und da nur wenige in der Region leben und selbst zu den Spielen kommen, müssen möglichst viele Informationen online gestellt werden. Trainer Mike Möllensiep schreibt nach jedem Training einen Bericht und benotet die Spieler. Fehlt ein Hobbykicker unentschuldigt, wird das vermerkt. Freiwillige berichten per Live-Ticker von den Spielen, laden Videos mit den Torszenen hoch, schreiben Zusammenfassungen und interviewen Spieler und Trainer. "Wir betreiben einen erheblichen Aufwand. Aber wir wollen so viele Informationen wie möglich geben", erklärt Kremer. "Auch der Manager in München soll das Gefühl haben, dass er sich wie beim Verein um die Ecke auskennt."

"Ich bin noch nie so häufig gefilmt und interviewt worden", erzählt Möllensiep lachend. Dabei war er als Spieler Teil der Schalker Eurofighter. Der Trainer mit Landesliga-Erfahrung wollte eigentlich nicht in die Kreisliga B. "Doch ich fand das Projekt spannend. Und ich wollte zu einem Verein, der nach oben schaut und Visionen hat." Er habe kein Problem damit, dass er die Mannschaft nicht aufstellt - erst nach der Halbzeit darf er wechseln. "Wir machen Vorschläge, die Nutzer entscheiden", sagt der 41-Jährige. Auch über ihn selbst. Fällt das "Trainervertrauen" unter 15 Prozent, ist der Verein aufgefordert zu handeln. Momentan liegt es bei 95 Prozent.

Kein Wunder: Die Saison verläuft überaus erfolgreich. Der TC Freisenbruch hat 18 von 19 Spielen gewonnen, liegt mit weitem Abstand auf Platz eins und damit auf Aufstiegskurs. Dafür sind auch einige Zugänge verantwortlich, die durch das Konzept auf den Verein aufmerksam geworden sind. Zwölf Spieler, die teilweise in höheren Ligen gespielt haben, sind dazugekommen. Darunter Linksverteidiger Joel Feld. "Ich bin mit den Computerspielen groß geworden und wollte Teil des Projekts sein", sagt er. Und wie ist es, von unbekannten Online-Managern aufgestellt zu werden? "Ein bisschen machtlos fühlt man sich schon. Aber es gibt ja für jede Leistung Noten", erklärt Feld. In jedem Fall stellt sich die Frage, wie viel Transparenz überhaupt möglich und verträglich ist. Wenn ein Spieler häufig im Training oder bei Spielen fehlt, weil er Stress im Job oder Ärger mit der Freundin hat - sollten dann die Nutzer davon wissen? Anders als beim Computerspiel stecken hinter den Konterfeis schließlich Menschen. "Ich versuche, auf der Plattform nichts über mich zu lesen", sagt Feld.

Die Online-Manager sollen in Zukunft noch mehr Macht bekommen. Sie können dann entscheiden, wer in der kommenden Saison für den TC Freisenbruch auflaufen soll und wer nicht. "Wenn ein Mitspieler, der sich anstrengt und ein töfter Typ ist, rausfliegt, das wäre schon hart", sagt Feld.

Noch sind die Jungs beisammen. Noch steht das Projekt allerdings auch erst am Anfang.

(RP)
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