Rot-Weiss Essen: Christian Titz als neuer Trainer vorgestellt

Von Hamburg in die vierte Liga : Titz soll Rot-Weiss Essen neustarten

Christian Titz hatte gerade erst Platz genommen auf dem Trainerkarussell. Statt aber einfach beim nächsten Bundesliga-Klub anzuheuern, übernimmt er Rot-Weiss Essen. Der Regionalligist hat wieder Großes im Sinn.

Christian Titz sammelt gerade erste Male. Seit Dienstag darf sich der 48-Jährige offiziell RWE-Trainer nennen, am Mittwoch stellte er sich der Öffentlichkeit vor. Als er um kurz nach 12 Uhr zum ersten Mal den kühlen Presseraum im Souterrain des Essener Stadions betrat, war das gleichsam ein Versprechen. Eines auf Erfolg, auf Neustart, auf gute neue Zeiten, die dem Abonnement-Regionalligisten auch auf dem Rasen zu der Professionalität verhelfen, die der funktionelle Chic des Stadions verheißt. Einem rationalen Viertliga-Prachtbau, der daherkommt, wie mit Copy und Paste aus der 2. Bundesliga ausgeschnitten und in den Essener Norden verpflanzt.

Das Klima in Essen-Bergeborbeck ist durchaus von besonderer Bedeutung. Das hat sich bis Hamburg herumgesprochen. Christian Titz wählte bei seinem ersten Statement als RWE-Trainer gleich gewichtige Worte. Der Verein bestehe vor allem aus Menschen, sagte er. Meinte damit aber nicht vor allem Spieler, Trainer, Funktionäre, sondern vielmehr jene Unvergraulbaren, die zu Heimspielen noch immer ausgesprochen zahlreich die Tribünen des Klubs bevölkern. Diese Fans gelte es, bei allem mitzunehmen und - das hört man nicht oft so deutlich - auch deren Vorstellungen in seine Arbeit mit einfließen zu lassen. „Der Verein steht für eine gewisse Art von Menschen. Die Menschen hier wollen Mentalität sehen, die wollen Power sehen, die wollen Arbeitskraft sehen. Die Mannschaft soll mit diesem Willen wachsen und mit der Idee, wie wir Fußball spielen möchten", sagte Titz. Hafenstraßen-Fußball nannten das einige seiner Vorgänger vollmundig - vornehmlich jedoch in der Theorie.

Dabei hat der Mann, der vor etwas mehr als einem Jahr noch lebensverlängernde Maßnahmen beim Hamburger Dino ergreifen sollte, durchaus eigene Vorstellungen und eine klare Spielidee. Die will er sogar gleich dem ganzen Klub einimpfen. Als ehemaligem Jugendtrainer liegt ihm das vereinseigene Nachwuchsleistungszentrum besonders am Herzen - schon dort soll der gleiche Fußball gespielt werden wie im Regionalliga-Team.

Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Zunächst gilt es für Titz - den Ausführungen von Vorstandschef Marcus Uhlig und Sportdirektor Jörn Nowak zufolge übrigens mit langem I – erst einmal warm zu werden. Als vertrauensbildende Maßnahme verwies der gebürtige Mannheimer auf seine Frau. Die stamme aus Aachen, sie hätten gemeinsam einige Jahre in Nordrhein-Westfalen gelebt - „und den Verein gut kennengelernt“, betonte Titz. „Ich weiß also, worauf ich mich einlasse.“ Warum er dann trotzdem vor wenigen Stunden einen Vertrag dort unterschrieben hat, könnten Spötter da fragen. Schließlich ist noch jeder Neuanfang, den der Verein seit seinem letzten Abstieg aus der 2. Bundesliga 2007 gestartet hat, zuverlässig gescheitert. Und Titz war trotz seiner Entlassung beim Hamburger SV im Oktober des vergangenen Jahres ein durchaus gefragter Kandidat. Ein Engagement zumindest in der 2. Bundesliga wäre der konventionelle nächste Schritt in seiner Karriereplanung gewesen. Man darf also ganz genau hinhören, wenn Titz sagt: „Ich habe mein Tun und Sein als Trainer immer ligenunabhängig gesehen. Es ging mir immer darum, dass ich einen Verein finde, wo ich ein Projekt entwickle.“

Zu tun gibt es in der Tat genug. Doch der Wind stand an der Hafenstraße lange nicht so günstig: Rot-Weiss Essens Michael Kühne, um im Bild zu bleiben, heißt Markus Peljhan. Der hat mit dem Verkauf von Pullis und dem Modelabel „Naketano“ ein kleines Vermögen gemacht und investiert in den kommenden Jahren einen Teil davon in seinen Herzensklub. Sicher geht es hier um andere Summen als die, die der Hamburger Milliardär bewegt hat, doch RWE schreitet mit durchaus neuer Potenz durch die vierte Liga. Titz kündigte sogleich eine Transferoffensive an. Sieben, acht, neun neue Spieler sollen in den nächsten Wochen verpflichtet werden. Mit denen will Titz - entsprechend seiner Vorstellung von Fußball - andere Mannschaften „bespielen“. Gegenpressing sei ein großes Thema - und es gehe darum, sich in den oberen Tabellenregionen einzurichten. Sattsam bekannte Statements beim Deutschen Meister von 1955, die natürlich Gefahr laufen, sich allzu schnell zu überholen.

Während Titz auf Tuchfühlung mit den Journalisten ging, Hände schüttelte, Nummern austauschte, plauderte, verschwieg er die derzeit vielleicht auffälligste Parallele zwischen dem HSV und RWE geflissentlich: Mit Waldemar Wrobel, Marc Fascher, Markus Reiter, Jürgen Lucas, Jan Siewert, Sven Demandt, Carsten Wolters, Argirios Giannikis und erst gestern Karsten Neitzel, der für Titz seinen Spind räumen musste, hat Rot-Weiss Essen beinahe synchron zum Hamburger SV seine Trainer verschlissen. Zehn in den letzten gut fünf Jahren. RWE brauchte dafür sogar 30 Tage weniger. Auch wenn die Gegner nun 1. FC Kaan-Marienborn und TV Herkrath heißen statt Köln oder St. Pauli, dürfte es für Titz auf seinem Trainerstuhl keinesfalls bequemer werden.

Als Titz zum Abschluss für Fotos in die pralle Sonne blinzelte, die auf die roten Ledersitze der Haupttribüne schien, wurde im Hintergrund der alte Rasen abgetragen. An der Hafenstraße glänzt mal wieder alles neu.

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