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Peter Stöger: "Podolski? Wie soll das funktionieren?"

Peter Stöger im Interview : "Podolski? Wie soll das funktionieren?"

Vor dem rheinischen Derby (Sonntag, 17.30 Uhr) gegen Gladbach spricht der Kölner Trainer Peter Stöger über Emotionen und Vorbilder.

Aus seiner Zeit als Spieler und Trainer in Wien kennt Peter Stöger Derbys - oder "Darbys", wie er sagt. Viermal jährlich trifft die Austria in der österreichischen Bundesliga auf Rapid. Am Sonntag (17.30 Uhr) bestreitet er als Coach des 1. FC Köln sein erstes Nachbarschaftstreffen mit Borussia Mönchengladbach. Der Aufsteiger hat keins seiner drei Spiele verloren und noch kein Gegentor hinnehmen müssen.

Vor ein paar Wochen bin ich über die Tauernautobahn nach Süden gefahren. Am Straßenrand stand ein Riesenplakat mit der Aufschrift "Wir begrüßen den Weltmeister". Schätzt der Österreicher auf einmal den deutschen Fußball?

Stöger Auf jeden Fall schätzt der Österreicher den deutschen Touristen.

Und den Fußball?

Stöger Die WM 2006 hat einiges geändert. Die Art des Fußballs, die Stimmung und die Gastfreundschaft sind in Österreich super angekommen. Mag sein, dass der deutsche Fußball seitdem in Österreich nicht mehr so kritisch gesehen wird.

Wie hat Österreich den Sieg der Deutschen bei der WM 2014 gesehen?

Stöger Wenn es ein zwiespältiges Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich gibt, dann ist dieser Erfolg positiver aufgenommen worden als früher. Das liegt auch daran, dass die Berichterstattung über deutschen Fußball heute allgegenwärtig ist.

Wenn Weltmeister Lukas Podolski auf dem Markt ist, ist er dann ein Thema für den 1. FC Köln?

Stöger: Natürlich ist der FC sein Herzensklub, und natürlich ist er der kölsche Jung und der Liebling. Aber wie soll das funktionieren? Ich habe gelesen, dass sein Marktwert bei zwölf Millionen Euro liegt.

Wenn Sie mit dem Klingelbeutel durch Köln gehen, bekommen Sie schon sechs Millionen für ihn zusammen.

Stöger Aber hinzu kommt das Gehalt. Und wenn Podolski irgendwo spielt, dann braucht er eine Struktur, die ihm gerecht wird. Er braucht weitere Weltklassespieler um sich herum. Wie es bei Bayern war oder bei Arsenal ist. Immer wird gesagt, er sei ja von hier. Aber es stellt sich doch die Frage: Ist es sportlich und wirtschaftlich sinnvoll, so eine Investition vorzunehmen, zu hoffen, dass es funktioniert, ihm den Rucksack mit Erwartungen umzuhängen? Diese Frage stellt sich übrigens für jeden Spieler seiner Kategorie. Es fragt mich aber keiner, warum wir nicht Khedira holen. Podolski und Köln - das ist eine emotionale Geschichte über einen Jungen, der hier groß und zum Weltklassespieler geworden ist. Das verstehe ich. Aber wir können Lukas mit seiner Qualität und seiner Strahlkraft hier nicht gerecht werden.

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Und wer wird der nächste deutsche Nationalspieler des FC?

Stöger Wir haben Junioren-Nationalspieler wie Torwart Timo Horn. Mal gucken, wie deren Entwicklung weitergeht. Man muss sich auf hohem Niveau stabilisieren, um in die Nähe der Nationalmannschaft zu gelangen. Das dauert ein Weilchen.

Auch der Weltmeister hat Schwachstellen. Zum Beispiel auf der Position des linken Verteidigers. Jonas Hector ist einer der wenigen deutschen Profis auf dieser Position. Hat er das Potenzial, mal Nationalspieler zu werden?

Stöger Er hat das Zeug dazu. Jonas arbeitet jeden Tag so, wie es sich gehört. Und er benimmt sich jeden Tag so, wie es sich gehört. Er spielt so konstant, wie wir es verlangen. Für mich als Trainer und für den Klub wäre es toll, wenn er berufen würde, weil es eine Bestätigung wäre. Aber meine Sorge gilt immer zuerst dem Spieler. Ich glaube, dass das jetzt in dieser Phase noch zu früh wäre.

Sie sind seit 15 Monaten in Köln. Gab es etwas, das Sie überrascht hat?

Stöger Ich bin immer noch jedes mal im Stadion überrascht. Diese Begeisterung, diese Leidenschaft - das ist ungewöhnlich aus Sicht eines österreichischen Trainers. Da kann ich mich nicht dran gewöhnen. Es ist jedes Mal aufs Neue schön. Wie die Leute mitgehen, wie sie sich freuen, das überrascht mich immer wieder.

Friedhelm Funkel, einer Ihrer Vorgänger beim FC, hatte die Hymne des Klubs als Klingelton auf dem Handy. Inwieweit kann man als Trainer Fan seines eigenen Vereins sein?

Stöger Ich kann Friedhelm Funkel verstehen. Mein Handy steht aber immer auf lautlos, damit es meine Umgebung nicht so nervt, wenn dauernd jemand anruft. Was diesen Verein umgibt, was sein Standing in der Stadt betrifft, da kann ich sagen: Ich bin stolz, hier zu arbeiten. Ich liebe das, was diesen Verein ausmacht.

Also doch FC-Fan?

Stöger Irgendwann, wenn ich den Verein mal verlassen haben werde, werde ich mich daran erinnern, dass das hier etwas ganz Besonderes und Einzigartiges war. Da bleibt mit Sicherheit etwas zurück.

Nun steht das größte Spiel des Jahres, das Derby gegen Borussia Mönchengladbach, bevor. Welche Bedeutung hat dieses Spiel für Sie?

Stöger Ich habe es noch nie erlebt. Ich habe in der Zweiten Liga die Spiele gegen Düsseldorf erlebt, das war unglaublich. Die Leute haben mir gesagt, das war noch nichts gegen Gladbach. Ich lasse es auf mich zukommen. Ich wünsche mir, dass es ein Fußballfest wird, und dass es drumherum ruhig bleibt.

Beim Blick auf die Entwicklung von Köln werden Mainz und Augsburg als Vorbilder genannt. Ist Mönchengladbach auch ein Vorbild?

Stöger Unser Geschäftsführer Jörg Schmadtke hat Mainz und Augsburg gut gewählt, weil wir zu diesen Vereinen eine räumliche Distanz haben. Gladbach als Vorbild zu nennen, wäre vielleicht schwierig. Ich kann mich immer wieder darauf zurückziehen, dass ich Österreicher bin und die Sache von außen betrachte. Die Entwicklung, die ich in Mönchengladbach in den letzten Jahren gesehen habe, ist aber sehr gut und sie stehen auch noch eine Stufe über Vereinen wie Mainz und Augsburg. Man kann bei allen Vereinen etwas lernen.

Was speziell von Gladbach?

Stöger Der Verein hat eine schwierige Phase durchlebt und danach aufgebaut. Dabei wurde nicht übertrieben. Gladbach ist bodenständig geblieben und hat Kontinuität erreicht. Die meisten Fehler werden im Erfolg gemacht. Eigentlich steht mir so eine Bewertung gar nicht zu, aber ich finde, Borussia hat es richtig gut gemacht. Trainer Lucien Favre hat seinen Gedanken im Fußball umgesetzt. Es wird am Sonntag daher nicht leicht für uns.

Köln hat in der vergangenen Saison einen Rekord aufgestellt: Nie hatte ein Zweitligist weniger Gegentore. Auch in den ersten drei Bundesligaspielen war die Stabilität in der Defensive die herausstechende Qualität. Wie passt das zu Ihrer Vorstellung von offensivem Fußball?

Stöger Die Mannschaft muss die Balance finden. Der erste Gedanke jedes Fußballtrainers ist: Wie schaffe ich es, dass meine Jungs ein Tor schießen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand mit dem Grundgedanken "Wie kann ich richtig in der Viererkette verschieben" das Kicken angefangen hat. Jeder will als Kind vorn spielen. Ich vertrete nicht den Grundgedanken "Die Null muss stehen", aber wenn es nicht möglich ist, in der Offensive kreativ zu sein, dann muss man sein Haus zumauern. Nutzt nix. Ich kann aber alle in Gladbach beruhigen: Wir werden in der Liga keinen Rekord aufstellen, was Gegentore anbelangt.

(RP)