1. FC Köln: Mitgliederrat-Chef Carsten Wettich über Wolfgang Bosbach, Toni Schumacher und Mitgliederversammlung 2019

Präsidentschaftswahl beim 1. FC Köln : „Unruhe hatten wir jetzt lange genug“

Der 1. FC Köln wählt im September eine neue Vereinsführung. Deren Aufgabe: den zerstrittenen Klub wieder zu vereinen. Die entscheidende Rolle bei der Suche nach geeigneten Kandidaten spielte der Düsseldorfer Anwalt Carsten Wettich.

Wichtige Entscheidungen für den 1. FC Köln werden in Düsseldorf getroffen. Denn hier, am Golzheimer Rheinufer, hat Carsten Wettich seine Anwaltskanzlei. Der 39-Jährige ist Chef des Kölner Mitgliederrats und damit eine mächtige Figur im Vereinsgefüge des Bundesliga-Aufsteigers. Denn in Köln ist der Mitgliederrat dafür zuständig, den Mitgliedern ein Vorstandsteam zur Wahl vorzuschlagen. Im September 2019 wird planmäßig neu gewählt.

Es wird eine richtungsweisende Wahl für die Domstädter. Denn das noch amtierende Präsidium und Teile der Fans sind seit mehr als zwei Jahren tief zerstritten. Auch einen gewählten Präsidenten hat der Verein seit dem Rücktritt von Werner Spinner im März 2019 nicht mehr – der Ex-Bayer-Manager war nach internen Streitigkeiten mit seinen Vizes Toni Schumacher und Markus Ritterbach sowie Sportvorstand Armin Veh zurückgetreten. Also war Wettich in den vergangenen Monaten schwer beschäftigt mit der Suche nach einem Team, das den Verein künftig wiedervereinen soll.

Mitte Mai präsentierte der Mitgliederrat sein Trio: Ex-Bitburger-Chef Werner Wolf soll Präsident werden, Rennbahn-Leiter Eckhard Sauren der eine Vize, Rechtsanwalt Jürgen Sieger der andere. Damit setzte sich das Team auch gegen CDU-Politiker Wolfgang Bosbach durch, der sich dem Mitgliederrat gemeinsam mit Schumacher und Ritterbach anbot. Eine Entscheidung, die nicht ohne Kritik und Gegenstimmen blieb, schließlich fehlt den vorgestellten Kandidaten jegliche sportliche Expertise.

Im Interview erklärt Wettich die Auswahl und wie die Streitigkeiten der Vergangenheit gelöst werden sollen.

Herr Wettich, der 1. FC Köln steht seit März ohne gewählten Präsidenten da. Intern und extern rumorte es trotz der Bundesliga-Rückkehr gewaltig. Wie lief unter diesen Bedingungen die Suche nach einem neuen Präsidium ab?

Wettich Als Mitgliederrat kommt uns die Aufgabe zu, der Mitgliederversammlung einen Wahlvorschlag für ein Vorstandsteam zu unterbreiten. Den Sondierungsprozess dazu haben wir frühzeitig angestoßen und versucht, uns von äußeren Einflüssen nicht treiben zu lassen. Ich denke, dass ist uns ganz gut gelungen. Die Vorschläge für die drei Vorstandsposten kamen von unterschiedlichen Seiten. Das Trio hat sich nicht als Team vorgestellt, sondern über die Zeit gefunden. Werner Wolf als Präsident war beispielsweise schon im Gespräch, als Werner Spinner 2018 eine schwere Herz-OP hatte und seine Zukunft als FC-Präsident unklar war. Jürgen Sieger war dem Mitgliederrat aus seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender der KGaA (2013-2016) bekannt. Dort hat er uns nachhaltig durch seine Persönlichkeit und fachliche Qualität beeindruckt, sodass er nun recht schnell wieder eine Personalie wurde. Eckhard Sauren wurde uns unabhängig voneinander aus dem Beirat und Aufsichtsrat als Idee genannt und hat uns in den Gesprächen überzeugt. Uns war wichtig, dass es einen strukturierten Findungsprozess gibt, an dessen Ende ein Team steht, dass unser Profil erfüllt.

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach wollte gerne Präsident werden. Er konnte also diese Anforderungen nicht erfüllen?

Wettich Es gab zwei Treffen der Findungskommission mit Herrn Bosbach. Im zweiten Gespräch Mitte April hat er uns erklärt, dass er mit den beiden amtierenden Vizepräsidenten antreten möchte. Wir haben uns am Ende nicht für dieses Team entschieden, waren aber jederzeit offen gegenüber Herrn Bosbach. Es waren angenehme Gespräche. Er hat stets signalisiert, dass er gerne Präsident werden würde, aber nur zur Wahl antritt, wenn der Mitgliederrat ihn vorschlägt. An diese Aussage hat er sich gehalten und deshalb ist die ganze Sache unserer Meinung nach hochanständig gelaufen.

Aber wieso fiel Ihre Entscheidung gegen das Trio Bosbach, Schumacher Ritterbach?

Wettich Es gab keine Entscheidung gegen das Trio oder die aktuellen Vizepräsidenten, sondern für das vorgeschlagene Team. Wir glauben, dass Wolf, Sieger und Sauren das richtige Trio zur richtigen Zeit ist. Sieger ist beispielsweise ein Experte für die anstehenden Großprojekte wie den Stadionausbau und kann die Geschäftsführung entsprechend beraten. Sauren kann seine Erfahrung in Finanzfragen und sein Netzwerk einbringen. So ein Thema Stadionausbau hat man alle 20 Jahre, da können gut vernetzte Wirtschaftsexperten nur hilfreich sein. Wolf bringt als langjähriger Geschäftsführer großer mittelständischer Unternehmen die richtigen Voraussetzungen für das Präsidentenamt mit. Ihm trauen wir gerade wegen seiner zwischenmenschlichen Stärken zu, den Verein wieder zusammenzuführen.

Gab es noch weitere Kandidaten?

Wettich Ja, es gab weitere Kandidaten für die Vize-Posten, jedoch kein komplettes Team. Über Namen will und werde ich allerdings an dieser Stelle nichts sagen, da bitte ich um Verständnis.

Schumacher und Ritterbach haben lange überlegt, in eine Kampfkandidatur zu gehen, sich jetzt aber dagegen entschieden. Wie bewerten Sie das?

Wettich Kampfkandidatur finde ich nicht das richtige Wort, ich würde von einer Gegenkandidatur sprechen. Aber unabhängig davon: Ich finde es gut für den Verein, dass die beiden Vizepräsidenten im Ergebnis das Votum des Mitgliederrates, das ja auch Beirat und Aufsichtsrat unterstützt worden ist, akzeptiert haben. Wir haben jetzt frühzeitig Klarheit und können uns auf die wichtigen sportlichen und strukturellen Herausforderungen konzentrieren. Ein Wahlkampf hätte für Unruhe gesorgt, die hatten wir lange genug.

Die beiden scheinen aber dennoch enttäuscht zu sein. In ihrer Stellungnahme sprechen sie unter anderem von „Hass und Unwahrheiten“. Was ist damit Ihrer Meinung nach gemeint?

Wettich Das kann ich Ihnen nicht sagen, dass müssen sie die beiden fragen. Aus Sicht der Findungskommission und des Mitgliederrats war die Suche nach einem Vorstandsteam ein fairer Prozess. Dass die Beiden enttäuscht und verletzt sind, ist aber denke ich auch normal. Sie haben zusammen mit dem ausgeschiedenen Präsidenten Werner Spinner gute Arbeit geleistet und den Verein wirtschaftlich konsolidiert, dafür sind wir allen Dreien dankbar.

Sie erwähnten vorhin ein „gewünschtes Profil“ für die Nachfolger. Wie sieht das aus?

Wettich Wir haben uns das Anforderungsprofil von vor sieben Jahren nochmal angeschaut, mit dem seinerzeit der Vorstand gesucht wurde, und festgestellt, dass wir heute einige Dinge anders bewerten. Damals hatte man drei Profile für drei Ämter gebildet und dann die drei Personen am Ende zusammengebracht. Vor dem Hintergrund der vergangenen Monate und Jahre haben wir demgegenüber deutlich größeren Wert auf den Teamgedanken gelegt. Inhaltlich haben wir verstärkt auf wirtschaftliche Kompetenz geachtet, eine Person ist dafür zu wenig. Und wir brauchen Personen mit Projekterfahrung. Es drängen, wie gesagt, wichtige infrastrukturelle Entscheidungen. Da brauchen wir jemanden, der solche Projekte kennt und in seinem Leben schon begleitet hat. Das gilt bspw. für Jürgen Sieger, der während seines Berufslebens als Rechtsanwalt in internationalen Großkanzleien zu großen Projekten und Transaktionen beraten hat.

Wer sich die teils holprigen sportlichen Leistungen der vergangenen zwei Jahre angesehen hat, der muss aber doch zur Erkenntnis kommen, dass der FC vor allem sportliche Expertise benötigt. Wieso fehlt diese Kompetenz in Ihrem Team?

Wettich Die sportliche Kompetenz muss in der sportlichen Geschäftsführung liegen. Dafür haben wir Armin Veh. Er trifft die Entscheidungen im sportlichen Bereich und ihm vertraue ich, dass er eine Mannschaft zusammenstellt, die in der kommenden Saison die Klasse hält. Aber wenn Sie die Fehler in der Abstiegssaison ansprechen: Da brauchte es nicht zwingend sportliche Expertise, um das zu erkennen, da sind am Ende des Tages Management-Fehler passiert. Nur ein Beispiel: Als Jörg Jakobs 2016 im Streit mit Jörg Schmadtke nicht mehr Sportdirektor war, hätte es einen neuen zweiten Mann unter Schmadtke gebraucht. Man hätte auch von Schmadtke einfordern müssen, dass er sich dem Vorstand und den Gremien erklärt, er hätte aufmerksamer kontrolliert werden müssen. Das ist nicht im ausreichenden Maße passiert. Sonst hätte man vielleicht auch erkennen können, dass die Zusammenarbeit zwischen Schmadtke und Peter Stöger irgendwann nicht mehr richtig funktionierte.

Das alles erklärt aber nicht, wieso Sie künftig ohne Sportfachmann im Vorstand auskommen wollen.

Wettich Im Vorstand bedarf es Personen mit wirtschaftlicher Kompetenz, Weitblick und Erfahrung in Unternehmensführung sowie beratenden Funktionen. Daran hat sich unser Profil orientiert. Was den Sport angeht, muss der Vorstand auch in diesem Bereich die richtigen Fragen stellen und richtig analysieren. Dafür muss man aber nicht zwingend selbst aus dem Fußball-Business kommen. Aber es braucht dann natürlich zusätzliche Expertise und deshalb wollen die Kandidaten ein „Kompetenzteam Sport“ einrichten, wo Personen wie z.B. Jörg Jakobs ihre Einschätzung abgeben und den Vorstand beraten sollen.

Also wird Sport-Geschäftsführer Armin Veh künftig von einem Vorstand kontrolliert, der sich seine Meinung von einem inoffiziellen Gremium bilden lässt?

Wettich Nein, definitiv nicht; es wird kein weiteres Gremium geben. Gremien haben wir im Verein genug. Es wird lediglich ein kleines Team geben, das am Vorstand angedockt ist. Der Vorstand möchte sich von diesem punktuell beraten lassen, z.B. zu strukturellen und sportwissenschaftlichen Fragen. Es wird kein Oberaufseher des Sport-Geschäftsführers sein. Die Kontrolle bleibt vielmehr beim Vorstand und beim Gemeinsamen Ausschuss, in dem die höchsten Gremienvertreter des Vereins versammelt sind und der wesentlichen Entscheidungen wie Transfers und Spielerverträgen ab bestimmten Schwellenwerten zustimmen muss.

Dennoch eckte gerade Veh immer wieder mit anderen Führungskräften des Vereins an.

Wettich Ich bin zuversichtlich, dass auch Armin Veh mit dem Trio gut zusammenarbeiten wird. Alle drei haben das Verständnis, dass die Geschäftsführung ausreichend Entscheidungsspielräume haben soll. Dafür war beispielsweise Werner Wolf zu lange selber Geschäftsführer großer mittelständischer Unternehmen. Es gibt eine ganz klare Rollenverteilung zwischen Vorstand und Geschäftsführung.

Zwei Themen sorgten in der Vergangenheit für Ärger unter den Fans und Mitgliedern. Da wäre zunächst die öffentlich vorgetragene Idee, ein neues Stadion vor den Toren der Stadt zu bauen. Wie sind denn die Pläne des neuen Trios?

Wettich Das Stadion-Thema hätte man sicherlich besser moderieren können. Es gab bei Fans und Mitgliedern zwischenzeitlich das Gefühl, die Vereinsführung wolle auf die grüne Wiese ziehen. Ich glaube, das Gefühl war größer als die Pläne. An dieser Stelle hätte man beispielsweise uns als Mitgliederrat an Bord holen und über die Kommunikation mit Mitgliedern und Fans sprechen können. Das hätte Ärger erspart. Denn natürlich muss sich ein Verein auch mit Alternativen auseinandersetzen dürfen, wenn der teure Pachtvertrag ausläuft und die eigene Verhandlungsposition gestärkt werden soll. Aber dabei hätte man die Mitglieder einbeziehen müssen – und genau das ist jetzt der Plan des neuen Teams. Bei wesentlichen Entscheidungen – und dazu gehört natürlich auch die Stadionfrage – sollen die Mitglieder stärker mitgenommen werden. Inhaltlich hat sich das neue Team zum Standort Müngersdorf bekannt.

Dann wäre da noch das Dauerthema Investoren. Einige Fans hoffen auf wirtschaftlich und sportlich goldene Zeiten, andere zeigen nach Hamburg oder zu 1860 München und warnen vor externen Anteilseignern. Wie ist der 1. FC Köln unter einem Präsidenten Werner Wolf im Jahr 2022 aufgestellt?

Wettich Wir sind letzte Saison sicherlich nicht wegen des Geldes abgestiegen. Unser Etat lag im oberen Mittelfeld der ersten Liga. Und jetzt sind wir ohne Investoren mit einem für einen Zweitligisten sehr guten Etat wieder aufgestiegen, anders als der HSV mit Investor. Klar ist: Ein Verein, der ausschließlich auf eigene Mittel setzen möchte, der muss besser wirtschaften als Investoren-Klubs. Auf der anderen Seite sind Investoren-Gelder in der Regel einmalige Zahlungen. Wenn man die in die Mannschaft steckt und dann der Erfolg ausbleibt, verpufft das Ganze. Es gibt in Deutschland kaum positive Beispiele für dieses Finanzmodell. Ich bin deshalb optimistisch, dass wir auch unabhängig wirtschaftlich und sportlich erfolgreich sein können. Eng wird es nur dann, wenn in den kommenden Jahren noch fünf RB Leipzigs aufsteigen. Aber das wird hoffentlich nicht passieren.

Zuletzt war der Verein an vielen Fronten zerstritten. Warum sind Sie sich sicher, dass die drei Kandidaten als Team funktionieren?

Wettich Natürlich kann man allen nur vor den Kopf schauen, aber wir haben in den vergangenen Wochen wirklich viele Gespräche mit den Dreien geführt. Sie komplettieren sich nicht nur fachlich, sie ergänzen sich auch menschlich gut. Zu dieser Überzeugung sind wir im Mitgliederrat einstimmig gekommen. Alle drei sind eher zurückhaltende Charaktere, haben Lebenserfahrung und sie harmonieren als Team miteinander. Wir sind überzeugt, dass sie auch in schwierigen Situationen zusammenstehen werden.

Blieben die Konflikte mit vielen Fans, allen voran den Ultras. Seit zwei Jahren fordern die „Vorstand raus“. Wird sich das nach der Wahl im September erledigt haben?

Wettich Es gibt momentan gewisse Fronten, da versuchen wir aktuell schon als Mitgliederrat zu moderieren, wir haben einen Dialog mit Fanclubs und mit Ultra-Gruppen. Aber da spielen aktuell persönliche Befindlichkeiten auf beiden Seiten eine Rolle. Die Wahl unseres Teams wäre sicherlich die Möglichkeit eines Neustarts, auch wenn es immer noch ein langer Weg sein würde. Aber gerade mit Werner Wolf an der Spitze hätten wir jemanden, der aufgrund seiner Vita und Erfahrung moderierend tätig werden könnte. Aber natürlich würde und müsste auch der neue Vorstand klare Grenzen setzen – falls erforderlich.

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