Formel 1: Schumacher fährt wieder in der Spitze

Formel 1: Schumacher fährt wieder in der Spitze

Manama (RPO). Die Sucht nach Tempo und Risiko hat der siebenmalige Weltmeister Michael Schumacher nie überwunden. Mit seinem Comeback in Bahrain polarisiert der Rheinländer - so wie fast immer in seiner 16-jährigen Karriere als Rennfahrer.

Es war ein Satz, den keiner erwartet hatte. "Man kann auch gewinnen, ohne zu gewinnen", sagte Michael Schumacher. Ausgerechnet der Mann, dessen Ehrgeiz kaum zu überbieten war und ist, der in seinem ersten Leben als Formel-1-Fahrer nur ein Ziel kannte und ein Ergebnis akzeptierte: die Nummer 1 zu sein. Morgen bestreitet er seinen 251. Grand Prix - 1239 Tage, nachdem er die Bühne verlassen hatte, auf der er Sportgeschichte schrieb.

Kapitel, die einen erfolgreichen, nein: den erfolgreichsten Formel-1-Fahrer seit Einführung der WM im Jahr 1950 beschreiben. Einen in Kerpen geborenen und heute mit seiner Familie in der Schweiz lebenden Familienvater, der siebenmal Weltmeister wurde, der 91 Rennen gewann und dessen Privatvermögen das Magazin "Forbes" auf eine halbe Milliarde Dollar schätzt.

Aber auch Kapitel, deren Inhalt zeigt, weshalb Schumacher wie kein Zweiter polarisierte, da er für den Erfolg nicht nur bis ans Limit ging, sondern manchmal auch darüber hinaus - mit der spektakulärsten Aktion beim WM-Finale 1997 in Jerez, als er seinem Rivalen Jacques Villeneuve absichtlich ins Auto fuhr. Auch als er auf dem Nürburgring am Start seinen Bruder Ralf fast in die Begrenzungsmauer drückte, machte er deutlich, dass er sich als Alphatier fühlt.

Nun also ist sie wieder zurück, die Lichtgestalt, in deren Schatten sich die aktuelle Fahrergeneration aber nicht aufhalten will. Körperlich fit ist der 41-jährige neue (silber-)graue Star, der nun im Mercedes unterwegs ist und in jedem seiner drei Jahre angeblich rund 21 Millionen Euro Gehalt kassiert. Die Leere im Kopf, das Gefangensein in einem festen Terminschema, keine Power mehr für Auftritte im PS-Zirkus - all das hatte Ende 2006 zu seinem Abschied geführt. Nun seien seine Batterien wieder voll. Und wenn das Auto höchsten Ansprüchen genügt, sei er auch selbstverständlich bereit, Großes zu vollbringen, bekräftigte der Ex-Champion.

Schumacher, der Realist, der sich und die Situation in der Formel1 richtig einschätzt. Der sich aufmacht, all jene Fans zu beglücken, die ihn schon immer für den Größten halten und für die seine Rückkehr ein tolles Geschenk ist. Schumacher, der Träumer, der sich überschätzt und alle jene Fans zufrieden zurücklassen wird, für die der Mann mit dem längsten Kinn Deutschlands schon immer ein rotes Tuch war, nicht nur seit seiner Zeit bei Ferrari. Morgen, nach dem WM-Auftakt, werden die noch von Theorie und Gefühlen geprägten Diskussionen durch das Resultat der WM-Premiere ergänzt. Durch Fakten.

16 Jahre lang lebte Schumacher außerhalb der Normalität. Er bewegte sich im PS-Zirkus, wurde gefordert und gepusht. Die Normalität war die Ausnahme. Als ihm alles zu viel wurde und die Überlegenheit vergangener Ferrari-Tage endgültig vorbei war, entschloss er sich zum Ausstieg. Doch die Sucht nach Tempo und Risiko ließ ihn nie los. Ob beim Motorradfahren, bei dem er mehrmals schwer stürzte, beim Fallschirmspringen oder beim Felsenklettern - die Suche nach dem Kick war nie zu Ende. Er wolle als Stallbursche für die Westernpferde seiner Frau arbeiten, hatte er mit Blick auf die Zeit nach seinem Rücktritt einmal gesagt. Ein Scherz, denn einer wie Schumacher will den Wettbewerb.

  • Fotos : Großer Preis von Bahrain 2010

Deshalb das Comeback, das ohne den Unfall seines Freundes Felipe Massa im Sommer 2009 überhaupt nicht denkbar gewesen wäre. Noch heute übt Luca di Montezemola Selbstkritik. "Ich habe ihn mit meinem Angebot erst dazu gebracht, über eine Rückkehr nachzudenken", sagt der Ferrari-Chef. Er ist überzeugt, dass es zwei Michael Schumacher gibt: den echten, der 14 Jahre zur roten Familie gehörte, die letzten drei als Berater und Maskottchen. Und den unechten. Denn, so Montezemolo: "Der Schumacher, der für Mercedes fährt, muss ein Zwillingsbruder sein. Er hat mit unserem nicht viel gemeinsam."

Schumachers erster Versuch, wieder aufzusteigen in die Formel1, scheiterte an der körperlichen Verfassung, weckte aber verkümmert geglaubte Instinkte. Der Nackenwirbelbruch, nur vier Monate zuvor bei einem Motorradunfall erlitten, verursachte bei den Tests in einem Rennwagen zu starke Schmerzen. Auch war die Gefahr bleibender Schäden zu groß.

Das gesundheitliche Risiko hat Schumacher offenbar weitestgehend gebannt. Das Risiko, seinen Ruf zu beschädigen, geht er bewusst ein. Und auch wenn am Ende seines Comebacks erneut Bilanz gezogen wird, werden sich zwei Lager bilden, wenn er gescheitert sein sollte. Schön, dass er sich der Herausforderung gestellt hat, formulieren die einen. Da war einer, der sich maßlos überschätzt hat, werden die anderen sagen. Einer wie Schumacher polarisiert eben. Er hat Ecken und Kanten.

Seine Kollegen sehen die Rückkehr des alten, rastlosen Mannes gelassen. "Er ist halt ein Fahrer mehr, den du besiegen musst, wenn du gewinnen willst", sagte Vizeweltmeister Sebastian Vettel. Fernando Alonso, der mit seinen WM-Triumphen 2005 und 2006 Schumachers Siegesserie beendete, sieht es auch locker. "Für jeden von uns ist es ein Privileg, gegen den erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten fahren zu dürfen. Siege und Titel, die man gegen ihn gewinnt, sind wertvoller", sagte der Spanier. Er weiß, wovon er spricht.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob in dem Rennanzug wirklich "der" Michael Schumacher steckt. Dass Ross Brawn, sein alter Kumpel aus Benetton-und Ferrari-Zeiten, nun Teamchef bei Mercedes ist, hat Schumacher den Weg zurück erleichtert. Aber Teamkollege Nico Rosberg wird nicht in Ehrfurcht erstarren, anhalten und "Schumi" vorbeilassen, das werden auch alle anderen aus der aktuellen Fahrergeneration ganz bestimmt nicht.

"Man kann auch gewinnen, ohne zu gewinnen", erklärte Michael Schumacher. Für den Kampf Mann gegen Mann, für die Herausforderung, ein Auto optimal vorzubereiten, gibt er das auf, was ihn mit zum Ausstieg bewog: seine Privatsphäre. Und seine persönliche Freiheit. "Aber ich will es so", sagt er.

(RP)