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Schumacher Doku: Netflix-Doku über Michael Schumacher lässt Siege neu aufleben

Emotional und schonungslos : Schumacher-Doku lässt Gänsehautmomente neu aufleben

Dass eine Dokumentation über die Formel-1-Legende Michael Schumacher emotional ist, ist keine Überraschung. Die neue Netflix-Produktion schafft jedoch mehr als nur die Erfolge aufleben zu lassen. Sie zeigt den Menschen Michael Schumacher.

Michael Schumacher ist eine Legende. Seine Erfolge sind historisch, der Fankult um ihn ist es ebenso. Der Weg zu sieben Weltmeisterschaften wurde oft beschrieben und dokumentiert. Die Bilder von seinen Triumphen – und auch bitteren Niederlagen und Crashs – kennt fast jeder Motorsportfan. Was also soll eine weitere Dokumentation über den Rennfahrer und Menschen Schumacher noch Neues zeigen? Vielleicht, wie sich sein Leben seit dem schweren Skiunfall am 29. Dezember 2013 gestaltet. Wie es ihm heute geht. Bisher hat seine Familie ihn von der Öffentlichkeit abgeschirmt.

Wer nach der Netflix-Dokumentation „Schumacher“, die man seit dem 15. September sehen kann, gehofft hat, zu wissen, wie es dem Idol vieler Menschen denn nun heute geht, der wird in gewisser Weise enttäuscht. Die Familie schützt das Privatleben auch in dieser Produktion. Es gibt keine aktuellen Bilder des Rekordweltmeisters. Und doch gewährt sie Einblicke in den Alltag von Michael Schumacher heute, lässt zwischen den Zeilen erkennen, wie es ihm geht. Und vor allem zeigt sie deutlich, was sich für Frau Corinna und die Kinder Gina und Mick im Leben mit ihrem Mann und Vater verändert hat.

Corinna Schumacher berichtet emotional, welch großes Pech der Skiunfall in Méribel einfach war. Schumacher fuhr mit Helm, schlug aber so heftig gegen einen Fels, dass er dennoch lange in Lebensgefahr schwebte und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Sie berichtet, wie sehr er ihr und allen anderen um ihn herum jeden Tag fehlt. „Jeder vermisst Michael. Aber Michael ist ja da, anders, aber er ist da. Wir sind zu Hause zusammen, leben zusammen und tun alles, damit es ihm besser und gut geht“, sagt Corinna Schumacher sichtlich bewegt. Dazwischen zeigt die Dokumentation immer wieder Familienfotos und -videos. Michael und Corinna Schumacher in inniger Umarmung, auf dem Reitplatz, die Familie am Strand, Michael Schumacher mit den Kindern auf der Kutsche, mit Mick am Kart.

Bilder und Momente, die er während seiner Karriere aus der Öffentlichkeit herausgehalten hatte. Michael Schumacher war die Privatsphäre seiner Familie, vor allem seiner Kinder, immer wichtig. Die hat er zu schützen versucht. „Wir leben so weiter, wie er es gerne hatte. Privat bleibt privat. Und jetzt beschützen wir Michael“, sagt Corinna Schumacher. Den Zuschauern gewähren sie in diesem Film aber zumindest einen neuen Einblick in das Familienleben. Dazu tragen nicht nur die Bilder bei, auch ihre Aussagen. Während Tochter Gina beschreibt, wie sie den ersten Besuch bei einem Rennen empfunden hat, beschreibt Mick Schumacher, inzwischen selbst Formel-1-Fahrer, die besondere Ausstrahlung seines Vaters, seine Wirkung und welche Bilder er von seinem Vater aus der Zeit vor dem Unfall im Kopf hat. „Ich glaube, dass Papa und ich uns in einer anderen Weise verstehen würden, jetzt. Einfach weil wir in einer ähnlichen Sprache sprechen. In dieser Motorsportsprache. Ich würde alles aufgeben, nur für das“, sagt er und senkt den Blick.

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Das alles beschränkt sich weitgehend auf die letzten 20 Minuten des Films, der insgesamt 112 Minuten dauert. In der übrigen Zeit verweben die Produzenten biografische Elemente, Schilderungen über den Menschen und Rennfahrer Schumacher und Geschichten hinter dem Sport mit Bildern aus der Formel 1, Rennkommentaren und Interviews von Michael Schumacher.

So wirkt es, als würde er jetzt, ganz aktuell für diese Dokumentation sein Erleben des tödlichen Unfalls von Ayrton Senna schildern. Der erste Gänsehautmoment in der Dokumentation. Es folgen weitere: der erste WM-Titel, die Rückschläge mit Ferrari, der nach einem Sieg nach langer Durststrecke bei einer Pressekonferenz in Tränen aufgelöste Schumacher, der Triumph 2000 mit Ferrari.

Es sind aber nicht die sportlichen Erfolge, die im Vordergrund stehen. Von den Bildern von Schumachers erstem Formel-1-Sieg 1992 in Spa schwenkt der Film zu Schumachers Eltern, seinem mühsamen Werdegang vom Go-Kart in die Königsklasse des Motorsports. Und schon da legt die Dokumentation den Fokus auf einen Aspekt, der für den weiteren Verlauf entscheidend wird: Schumachers absoluter Wille, immer das Beste rauszuholen, mehr als alle anderen. Mit dem schlechteren Material trotzdem zu gewinnen. Keine Fehler zu machen, weil jeder Fehler das Aus bedeuten könnte, weil das Geld für den Sport fehlte.

Der Film zeigt Szenen aus der Kindheit und Jugend. Später lange Passagen von Rennen – mal von Siegen, mal von Rückschlägen, Crashs und Niederlagen, mal von der nächtlichen Arbeit mit den Mechanikern im Zelt. Das alles haben viele Menschen schon gesehen, live und in unzähligen Wiederholungen. Doch den Filmemachern gelingt es mit einer besonderen musikalischen Untermalung, mal mit ruhiger Klaviermusik, mal mit Streichinstrumenten oder einem ganzen Orchester, die Emotionen zu spiegeln, zu verstärken, neu aufleben zu lassen. Der englische Originalkommentar zu den Rennen, der dosiert aber gezielt eingesetzt wird, tut sein Übriges für die, die Spannung und Wettbewerb lieben. Und so erwischt man sich dabei, beim WM-entscheidenden Crash mit Jacques Villeneuve wie einst 1997 auf dem Sofa die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen, oder beim Duell mit Mika Häkkinen 1998 „Nein!“ zu rufen.

Die eigentliche Leistung der Dokumentation ist aber nicht die, Schumachers Erfolge neu erleben zu lassen. Sie schafft es, dass die Zuschauer den Werdegang des Kerpeners nochmal neu erleben. Dass sie dem Menschen Michael Schumacher nahe kommen. Und zwar mit seinen Fehlern. Der Film driftet zu keiner Zeit ins rührselige ab, glorifiziert den Rennfahrer Schumacher nicht. Differenziert zwischen dem knallharten Sportler und dem privaten Familienvater, Kollegen und Freund.

Das gelingt, weil auch Weggefährten wie Damon Hill, Mika Häkkinen, David Coulthard oder Mark Webber zu Wort kommen. Teils erbitterte Konkurrenten auf der Strecke. Sie schildern, wie sie Michael Schumacher erlebt haben, welche Konflikte sie ausgetragen haben, an welche Situationen sie sich erinnern, wie sie seinen Charakter wahrgenommen haben. Da kommen unweigerlich Züge zur Sprache, die Fans nicht unbekannt sind, die aber nochmal schonungslos thematisiert werden. Schumachers scheinbar unbändiger Ehrgeiz, der ihm nicht nur die Titel beschert hat, sondern immer wieder auch zu Kollisionen auf der Strecke geführt hat, weil Schumacher es übertrieb. Die Eigenschaft, immer noch mehr aus sich herausholen zu wollen. Während Mark Webber es als fast schon paranoiden Hang zur Perfektion bezeichnet, sagt Schumachers früherer Manager Willi Weber: „Er hatte vor nichts Angst.“

Fehler konnte der Weltmeister gar nicht oder nur schwer eingestehen, betonen alle Rennfahrerkollegen in der Dokumentation. Der frühere McLaren-Pilot David Coulthard berichtet von einem Streit nach einem Crash: „ Ich habe gesagt: ;Michael, du liegst doch sicher auch mal falsch.’ Seine Antwort: ‚Nicht, dass ich mich daran erinnern würde.’“ Auch taktische Fouls im Kampf um den Titel werden nicht ausgespart.

Das führt dazu, dass die Zuschauer nicht nur die großen Siege noch einmal erleben, sondern den Menschen dahinter begreifen können. Mit seinen großen Stärken als Führungspersönlichkeit, als Teammitglied, das bei Ferrari jeden Mitarbeiter beim Namen kennt, mit den Mechanikern bis zum Morgen am Auto tüftelt und das Team so zu Höchstleistungen motiviert und zum ersten Titel seit 21 Jahren führt. Aber eben auch als manchmal uneinsichtigen, harten Rennfahrer.

Der Einblick in das Familienleben nach dem Unfall ist der Bonus in dieser Dokumentation, die nicht nur für Formel-1-Fans sehenswert ist.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Michael Schumacher: Stationen seiner Karriere