Netflix-Doku Diese „Drive To Survive“-Folge lässt Formel-1-Fans ratlos zurück

Meinung | Düsseldorf · Die Netflix-Doku „Drive To Survive“ ist seit Jahren ein Erfolg. Doch die Kritik an der Dramatisierung nimmt zu. In der neuen Staffel werfen Szenen über Lewis Hamiltons Vertrag und zu Christian Horner Fragen zum wirklichen Hergang auf. Welche Absicht verfolgt der Streamingdienst damit?

 Lewis Hamilton wechselt am Jahresende zu Ferrari. In der Netflix-Doku ist seine Vertragsverlängerung bei Mercedes Inhalt einer kompletten Folge.

Lewis Hamilton wechselt am Jahresende zu Ferrari. In der Netflix-Doku ist seine Vertragsverlängerung bei Mercedes Inhalt einer kompletten Folge.

Foto: AP/Darko Bandic

Seit Jahren steht die Serie in der Kritik, seit Freitag ist die sechste Staffel draußen: die Formel-1-Doku „Drive to Survive“. Und das nicht einmal nur bei den eingefleischten Fans, sondern auch bei den Protagonisten. Der derzeitige Dominator Max Verstappen boykottierte die Serie über Jahre, Lando Norris kritisierte die Dramatisierung seiner Beziehungen zu Carlos Sainz oder Daniel Ricciardo – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Ein großer Kritikpunkt ist auch die mangelnde Sorgfältigkeit. Ton und Bild passen in den Rennszenen häufig nicht zusammen. Funksprüche werden an falschen Stellen genutzt, um Szenen dramatischer wirken zu lassen. Ein Kritikpunkt, den es auch häufig in anderen Sportdokus des Streamingriesen gibt. Beispielsweise bei „Break Point“ über Tennis oder „Im Hauptfeld“ über die Tour de France.

Ja, die sechste Staffel von „Drive To Survive“ ist durchaus unterhaltsam. Auch wenn es keinen Kampf um den Weltmeistertitel gab, wurden die Geschichte um die Verletzung von Lance Stroll oder das tatsächlich schlechte Verhältnis der beiden Alpine-Teamkollegen Pierre Gasly und Esteban Ocon gut aufgearbeitet. Man sieht, dass die Macher der Serie die Kritik aus dem Paddock immerhin teilweise umgesetzt haben. Dennoch gibt es zwei Ungereimtheiten, auf die die Macher hätten reagieren müssen.

So zum Beispiel der Eingang der zweiten Folge. Red-Bull-Teamchef Christian Horner und seine Frau Geri Horner (ehem. Halliwell) hatten beim Weihnachtsfest der Familie einen Weihnachtsmann besorgt. Dieser fragt Horners Kinder, ob ihr Vater denn brav gewesen sei. Zur Erinnerung: Bis Mittwochabend liefen Red-Bull-interne Ermittlungen gegen Horner wegen unangemessenem Verhalten gegenüber einer Mitarbeiterin. Er wurde freigesprochen. Die Szene selbst wirkte zum Veröffentlichungstag aber befremdlich.

Und da ist die Frage erlaubt: Warum blieb diese Szene, die gewiss bei einer Trennung noch zynischer geworden wäre, in der Sendung? Und weitergefragt: Blieb sie bewusst drin oder hatte es produktionstechnische Gründe?

Mit 90 Millionen konsumierten Stunden (Staffel fünf, erstes Halbjahr 2023) ist „Drive To Survive“ die wichtigste Sportdoku im Portfolio von Netflix. Zum Vergleich: „Full Swing“ (Golf) kommt auf 53 Millionen Stunden, „Break Point“ auf gut 30 Millionen, „Im Hauptfeld“ auf knapp 22 Millionen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass sich niemand etwas dabei gedacht habe.

Dramatischer geschieht das sogar bei der Folge um den siebenfachen Weltmeister Lewis Hamilton, in der es um seine Vertragsverlängerung geht. Der Brite hatte lange wegen einer Unterschrift gezögert, nachdem es mit dem von ihm geforderten, neuen Auto bessere Ergebnisse gab, hielt er Mercedes doch noch die Treue. Natürlich dramatisch inszeniert. Teamchef Toto Wolff und Hamilton sitzen am Tisch und tauschen sich aus. Wolff hält einen Kugelschreiber in der Hand, auf dem Tisch ein Mercedes-Umschlag, in dem der Vertrag liegen könnte. So wird ein vermeintlich realer Moment vorgegaukelt.

Und schlussendlich setzt Hamilton zu einem Plädoyer pro Mercedes an. „Wir hatten zwei schwere Jahre, aber ich habe immer noch so viel Glauben an Mercedes und die Menschen im Team, dass sie die Fähigkeiten haben, ein großartiges Auto zu bauen. Man muss nur einen Vertrauensvorschuss gewähren“, sagte er zum Ende. „Ich kann mir nicht vorstellen, jemals nicht mehr für Mercedes zu fahren. Das ist mein Zuhause, meine Familie.“ Und Wolff könne sich ja gar nicht erst vorstellen, dass Hamilton die Farbe Rot stünde.

Der Vertrauensvorschuss währte jedenfalls kein halbes Jahr: Am 31. August machte Mercedes die Vertragsunterschrift öffentlich. Noch bevor die Autos der Saison 2024 präsentiert und gefahren wurden, nutzte Hamilton seine Ausstiegsklausel und verkündete seinen Wechsel zu Ferrari. Sein minutenlanges Plädoyer, warum er bleiben würde, ist bereits am Veröffentlichungstag schlecht gealtert. Im Nachhinein wirkt es fast schon zynisch.

Warum blieb die Folge also im Programm? Will Netflix Hamilton als Lügner oder zumindest unglaubwürdig darstellen? Oder wollten sie das typische Sportgelaber entlarven? Fußballer küssen ja auch immer wieder das Wappen am Trikot, weinen nach dem Abstieg, haben aber längst schon bei einem anderen Verein unterschrieben. Sofern Netflix sich nicht äußert, werden wir es jedenfalls nicht erfahren. Zumindest eine Hinweistafel nach der Folge hätte kein Problem sein dürfen.

Am Ende überwiegt jedoch eins: Die Serie hat ein Ablaufdatum und das liegt gar nicht so weit entfernt. Zumindest in diesem Jahr blieb der Hype, den man aus den Vorjahren kannte, aus. Staffel sieben ist trotzdem schon in Arbeit. Und ab Samstag kann sich der Zuschauer bereits spoilern lassen: Die Formel 1 startet in Bahrain in die neue Saison.

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