Nachruf zum Tod der österreichischen Formel-1-Legende Niki Lauda.

Zum Tod von Niki Lauda : Für ein Leben viel zu viel

Formel-1-Legende Niki Lauda ist am Montag im Alter von 70 Jahren gestorben. Der Österreicher führte ein Leben voller unerwarteter Wendungen, mit dem der Rest der Welt häufig nur schwer Schritt halten konnte.

Es gibt da diese eine Geschichte, die sehr gut den Menschen Niki Lauda beschreibt. Die erzählt, wie er sich selbst gesehen hat und die Welt um sich herum, die oft nur schwer mit ihm Schritt halten konnte. Die Leute haben sich immer gefragt, wie das geht, dass einer nach einem so dramatischen Unfall 42 Tage später schon wieder in einen Boliden steigt. Der Österreicher war am 1. August 1976 auf dem Nürburgring beim Grand Prix von Deutschland mit seinem Ferrari in der Nordschleife schwer verunglückt, Lauda saß 50 Sekunden im offenen Feuer. Die Diagnose: zwei Rippenbrüche, ein Jochbeinbruch und Verbrennungen an Kopf, Gesicht und Händen, ein Ohr fast vollständig weggebrannt. Dazu Lungenverätzungen durch das Einatmen des giftigen Rauchs. Vier Tage kämpfte er damals in der Uniklinik Mannheim um sein Leben. Er hatte dort schon die letzte Ölung bekommen.

Für Lauda war das eine von vielen Episoden in seinem Leben. „Schauen Sie, ich hab mich nie damit auseinandergesetzt, was die anderen empfinden. Als ich damals aus dem Krankenhaus kam, haben mich die Reaktionen der Menschen wahnsinnig geärgert. Die haben sich erschreckt, als sie mich gesehen haben. Sie haben mir nicht mehr in die Augen geschaut, sondern auf mein Ohr. Ich hab gesagt: ,Wenn Sie mit mir reden, schauen Sie mir in die Augen’“, erzählte Lauda in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Ich habe erst jetzt die innere Ruhe gefunden, mit diesen Blicken von damals umzugehen. Ich denke im Nachhinein, die hatten alle recht.“

Niki Lauda nannte seinen Unfall gern „das Barbecue“. So hatte er irgendwann darauf geantwortet, wenn er gefragt wurde, wie das damals war. „Und was soll man denn da sagen? Hab ich halt gesagt, ein Barbecue, und jetzt hört’s auf zu fragen.“ Wer nicht auf ihn gehört hat, bekam eine Kostprobe seines morbiden wienerischen Humors. Wie die Reporterin eines US-TV-Senders: „So eine Frau, groß, blond, alles dran, wollte mich an der Unfallstelle interviewen. Die hatten sich alle gesagt: ‚Ui, der wird sicher weinen, das wird ein ganz großer emotionaler Moment!‘“, berichtet er der „SZ“. „Ich hab mir vom Hotelbuffet ein Kipferl mitgenommen und das vorher ins Gras gelegt. Die fängt an: ‚Mister Lauda, how is it to be here ...‘ Sag ich: ‚Just a moment!‘ und geh ein paar Schritte ins Gras. Fragt sie: ‚What are you doing?‘ Sag ich: ‚Oh look, here’s my ear!‘ Die war fertig. Die hat die Fassung verloren. Die mussten alles noch mal drehen.“

Formel-1-Legende: Niki Lauda ist tot

Andreas Nikolaus Lauda, geboren am 22. Februar 1949 in Wien, war ein Abenteurer, ein Visionär, ein Philosoph, ein Tausendsassa. Viel zu viele PS für einen Körper. Er entstammt einer wohlhabenden Unternehmerfamilie aus der Papierindustrie. Das Anwesen der Familie war so groß, dass er keinen Führerschein machen musste, um schon eine stattliche Erfahrung am Steuer vorzuweisen. Mit seinem Großvater überwarf er sich, weil der ihm Geld für den Einstieg in den Motorsport verweigerte. „Ich sollte in der Industrie arbeiten und nicht Rennfahrer werden", erinnerte sich Lauda an die Wünsche seines Opas. Er widersetzte sich dem Willen und ging ins persönliche Risiko. Bei der Raiffeisen-Bank bettelte er um einen Kredit in Höhe von umgerechnet 145.000 Euro, um sich eines der begehrten Cockpits leisten zu können. „Die erklärten mich für verrückt, denn was passiert, wenn ich mich bei einem Unfall umbringe?", erzählte Lauda dem Portal „Motorsport-Total“. „Dann habe ich vorgeschlagen, eine Lebensversicherung abzuschließen, damit der Kredit bewilligt wird. Der Zinssatz wurde dann reduziert, weil die Bank ja durch die Sponsorenaufkleber auf Auto und Helm Publicity erhielt. Es dauerte drei bis vier Jahre, ehe ich alles zurückgezahlt hatte." Es sollte sich auszahlen.

Er war ein Ausnahmesportler, Unternehmer, Unterhalter. Drei Mal konnte er den Weltmeistertitel in der Formel 1 gewinnen, es wäre ein vierter dazugekommen, wenn er nicht selbst die Notbremse gezogen hätte. Denn auch das ist Lauda immer gewesen: Kein Draufgänger, sondern Analyst. In der Rennsaison vor seinem Unfall auf dem Nürburgring hätte er ebenfalls den Titel gewinnen können. Beim letzten Rennen in Fuji in Japan aber stellte er seinen Ferrari im strömenden Regen nach wenigen Metern ab. Sein Kommentar dazu: „Egal was die Welt von mir denkt, ich bin kein Selbstmörder.“ James Hunt wurde mit einem Punkt Vorsprung Weltmeister.

Lauda war dem Motorsport schnell entwachsen. Ihm ging es nicht um den Kick, um den Lifestyle, wie vielen seiner Konkurrenten zu jener Zeit. Er wollte sich weiterentwickeln. Nach dem zweiten WM-Titel 1977 merkte man Lauda an, den absoluten Willen verloren zu haben. Beim Training zum Großen Preis von Kanada in Montréal zwei Jahre später fuhr er an die Box und verkündete dem Mitarbeiterstab: „Ich habe keine Lust mehr, im Kreis zu fahren.“

 Er hatte sich eine neue Spielwiese gesucht. Als Unternehmer gründete er eine Airline, stand als Experte vor der Kamera. Seine Rennkarriere hatte er da unterbrochen. Bei McLaren gab er schließlich sein Comeback und wurde 1984 erneut Weltmeister – mit einem halben Punkt Vorsprung. Nach seinem endgültigen Rücktritt im Jahr darauf baute er Lauda-Air zu einer Branchengröße aus, gründete eine zweite Linie: Flyniki. Und wieder gab es dramatische Ereignisse. Am 26. Mai 1991 um 23.17 Uhr stürzte Lauda-Air-Flug 004 von Bangkok nach Wien mit 223 Menschen an Bord ab – das größte Unglück in der österreichischen Luftfahrtgeschichte. Während des Steigflugs hatte sich die Schubumkehr an einem Triebwerk der erst anderthalb Jahre alten Boeing 767-300ER, getauft auf den Namen „Mozart“, selbst aktiviert. Später wird festgestellt, dass der Unfall durch ein falsch konstruiertes Ventil ausgelöst wurde. Der Absturz, erzählte Lauda später, sei für ihn schlimmer gewesen als sein eigener Unfall. Mit seiner roten Mütze eilte der Airline-Chef zum Absturzort und musste mit ansehen, wie Schaulustige sich über das Hab und Gut der Verunglückten hermachten. „Das war eine Szene“, sagte Lauda, „die ich niemals vergessen werde."

Lauda war das Gesicht der Formel 1 im deutschsprachigen Raum. Er war als Berater bei diversen Rennställen engagiert und als Experte für RTL im Einsatz. Sein Urteil konnte Karrieren beflügeln und ausbremsen.

Im Sommer 2018 dann der gesundheitliche Rückschlag: Lauda musste eine neue Lunge transplantiert werden. Von dem schweren Eingriff erholte er sich nur langsam. Jahre zuvor hatte er bereits Spendernieren von seinem Bruder und seiner Frau Birgit bekommen. Nach einer Grippe-Erkrankung musste er im Januar dieses Jahres erneut ins Krankenhaus. Als er am 22. Februar seinen 70. Geburtstag feierte, hatte sich Lauda noch in einer kurzen Audio-Botschaft beim ORF für die Glückwünsche mit den Worten bedankt: „Ich komme wieder zurück, und es geht volle Pulle bergauf." Seine Prognose erfüllte sich nicht mehr. „In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser geliebter Niki am Montag, den 20.05.2019, im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen ist“, heißt es in einer Mitteilung der Fluggesellschaft Laudamotion im Namen der Familie. „Seine einzigartigen Erfolge als Sportler und Unternehmer sind und bleiben unvergesslich.“ Lauda hinterlässt seine Ehefrau und fünf Kinder.

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