Nachruf Dietrich Mateschitz Superreich mit flüssigem Kaugummi

Wien · Mit ihm verliert Österreich seinen erfolgreichsreichsten Unternehmer, Selfmademan und größten Förderer des Sports: Der Red Bull-Erfinder Dietrich Mateschitz starb am Wochenende nach langer Krankheit im Alter von 78 Jahren.

Dietrich Mateschitz im Porträt
6 Bilder

Das ist Dietrich Mateschitz

6 Bilder
Foto: dpa, woi hae wst nic

Neben Arnold Schwarzenegger ist Dietrich Mateschitz der einzige Österreicher, den alle Welt kennt. Wie der einstige Bodybuilder, Schauspieler und Ex-Gouverneur von Kalifornien stammte auch der Multimilliardär Mateschitz, der mit der Marke „Red Bull“ den Energydrink nach Europa brachte, aus der Steiermark – offensichtlich ein guter Boden für Lausbuben, die ärmlichen Familienverhältnissen nicht hoch genug entfliehen konnten.

Der Mann von stattlicher Statur, mit stets braungebranntem Teint und silbern glänzendem Dreitagebart, war mit einem Privatvermögen von rund 27 Milliarden US-Dollar bislang der reichste Österreicher aller Zeiten. Das renommierte internationale Wirtschaftsmagazin „Forbes“ reihte ihn an 51. Stelle. Bundespräsident Alexander Van der Bellen würdigte den Verstorbenen, er habe „Österreichs Unternehmens- und Sportlandschaft geprägt wie wenige in unserem Land“. Beileid- und Dankesbotschaften kamen vor allem von vielen Spitzensportlern und Sportverbänden aus aller Welt, die sein Konzern sponsert. Gerade die Sportförderung hat die silberblaue Dose bis in den letzten Winkel des Globus bekannt gemacht. Er selbst trinke zehn bis zwölf Dosen Red Bull täglich, behauptete er einmal, allerdings augenzwinkernd.

2021 stieg der Umsatz der Red Bull GmbH nach eigenen Angaben auf 7,8 Milliarden Euro bei einem Rekordgewinn von 1,6 Milliarden (2020). Weltweit beschäftigt der Konzern rund 14.000 Mitarbeiter. Sitz der Firma ist eine Villa in Fuschl am See in Mateschitzs Wahlheimat Salzburg.

Reaktionen aus der Sportwelt zum Tod von Dietrich Mateschitz​
Infos

Reaktionen aus der Sportwelt zum Tod von Dietrich Mateschitz

Infos
Foto: dpa/Hans Klaus Techt

Vergessen ist längst, dass sein Supercoup als Flop begann. Der damalige Zahnpastaverkäufer Mateschitz mit abgeschlossenem Betriebswirtschaftsstudium weilte 1982 in Thailand, wo er das Fitnessgetränk „Kratindaeng“ entdeckte, mit dem sich asiatische Fernfahrer oder Schwerarbeiter wach hielten. Er kam mit dem dortigen Produzenten ins Geschäft und gründete 1987 in Salzburg die Red Bull GmbH. Jahrelang tat sich auf dem europäischen Markt wenig. Doch als Anfang der Neunzigerjahre die damals noch belächelten Snowboarder „Red Bull“ zu ihrem Kultgetränk erhoben, erwachte in Mateschitz das Marketing-Genie: Sport, Party und Prominenz lauteten die Zauberwörter für den Absatz seines Dosendrinks.

Dabei schmeckt das Gebräu aus Koffein, Wasser, Vitaminen, Aromen, Kohlensäure, viel Zucker und Taurin (Aminosulfonsäure, lat. Fel tauri, Stiergalle) scheußlich süß nach flüssigem Kaugummi. Aber die angepeilte Zielgruppe, Männer unter 40, scheint mit dem geträllerten Slogan „Red Bull verleiht Flühüügel“ bestimmte Phantasien zu verknüpfen: Man(n) inhaliere damit quasi die Lendenkräfte eines Stiers.

Anfangs sponserte Mateschitz gezielt Extrem-Sportarten, um das Medieninteresse als eigenwilliger Geschäftsmann aufrecht zu erhalten. Erst Jahre später, als die Umsätze stagnierten, stieg er in die Förderung massentauglicher Sportarten ein – Tennis, Skisport, Eishockey und anderes mehr. Die größten Skihelden – wie der inzwischen abgetretene Österreicher Marcel Hirscher oder der gegenwärtig auftrumpfende Schweizer Marco Odermatt – schmücken ihre Helme mit den roten Bullen.

Doch die größte Publicity bescherte dem Dosenkonzern seit Jahren der eigene Rennstall in der Formel 1: Der Deutsche Sebastian Vettel erzielte für Red Bull vier Weltmeistertitel, der Niederländer Max Verstappen macht es ihm erfolgreich nach. Mateschitzs engere Heimat Steiermark dankt es ihm, dass er die Formel 1 wieder nach Spielberg holte, zum Rennen strömen alljährlich eine halbe Million Motorsportfans.

Der umtriebig-dynamische Unternehmer verleihte sich selbst stets neue Flügel: Er stieg auch in das Immobilien- und Gastronomiegeschäft sowie in die Medienbranche ein. Er machte das „Red Bull Media House“ mit 440 Millionen Euro Jahresumsatz zum zweitgrößten Medienkonzern Österreichs nach dem öffentlich-rechtlichen ORF. Hauptmotiv, auch Medienunternehmer zu werden, war seine tiefe Abneigung gegen Journalisten, von denen er sich stets missverstanden fühlte, obwohl er extrem öffentlichkeitsscheu war und kaum Interviews gab.

Umstritten war stets, inwieweit er die journalistischen Inhalte seiner Magazine und vor allem von „Servus TV“ steuerte. Zuletzt traten in seinem Privatsender häufig Verschwörungstheoretiker und Impfgegner auf. Er selbst erregte Kritik mit Kommentaren über die Flüchtlingsproblematik, die sich wie Echoklänge von Rechtspopulisten anhörten. Dabei wollte er stets als „Humanist, Kosmopolit, Pazifist und Individualist“ verstanden werden. Das Ende des laufenden Verfahrens gegen ihn bei der Aufsichtsbehörde KommAustria wegen Verletzung des journalistischen Objektivitätsgebots blieb ihm erspart. Bekannt war auch Mateschitzs Abneigung gegen die Gewerkschaft: 2016 drohte er 264 Mitarbeitern von „Servus TV“ mit dem Rauswurf, als sie einen Betriebsrat gründen wollten.

 14.05.2011, Österreich, Spielberg: Dietrich Mateschitz, Gründer von Red Bull. Der Österreicher ist am 22.10.2022 im Alter von 78 Jahren gestorben. (zu dpa "Trauer um Sportwelt-Veränderer Mateschitz") Foto: Andreas Pessenlehner/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

14.05.2011, Österreich, Spielberg: Dietrich Mateschitz, Gründer von Red Bull. Der Österreicher ist am 22.10.2022 im Alter von 78 Jahren gestorben. (zu dpa "Trauer um Sportwelt-Veränderer Mateschitz") Foto: Andreas Pessenlehner/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/Andreas Pessenlehner
Diese Promis sind 2023 gestorben
81 Bilder

Diese bekannten Menschen sind 2023 gestorben

81 Bilder
Foto: dpa/Gert Eggenberger

Es gilt als ziemlich sicher, dass Mateschitzs 29-jähriger Sohn Mark den Konzern weiterführen wird. Der thailändische Mehrheitseigentümer Yoovidhya wird dazu wohl ein Wörtchen mitreden, hatte aber all die Jahre Mateschitz sen. mit großem Vertrauen das operative Geschäft überlassen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort