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Formel 1: Sebastian Vettel feiert, Charles Leclerc schimpft

Fragiler Frieden bei Ferrari : Leclerc gratuliert Vettel nur widerwillig

Sebastian Vettel hat sich nach 13 Monaten ohne Sieg ganz oben auf dem Treppchen zurückgemeldet - und das Ferrari-Stallduell mit Charles Leclerc auf eine neue Ebene gehoben. Der Zweitplatzierte schimpft über die Strategie.

Sebastian Vettel und Charles Leclerc verabschiedeten sich kurz nach Mitternacht per Handschlag und mit einem kurzen Blick in die Augen. Vettel hatte es eilig, der hochdekorierte und doch ziemlich überraschende Sieger des Strategiepokers von Singapur musste unbedingt seinen Heimflug erwischen.

Die Gräben zwischen den beiden Ferrari-Spitzenfahrern wirkten damit gut zwei Stunden nach dem aufwühlenden Formel-1-Nachtspektakel wieder zugeschüttet. Es ist allerdings ein Frieden, der schon am kommenden Wochenende beim Großen Preis von Russland wieder auf die Probe gestellt wird.

"Du bist immer auf dem Holzweg, wenn du denkst, dass du größer sein kannst als dieses Team", sagte Vettel nach seinem ersten Erfolg seit endlosen 392 Tagen. Ein Satz, der wie selbstverständlich erscheint, führt man sich die große Geschichte Ferraris vor Augen. Und ein Leitspruch, den Leclerc in der Hitze des Gefechts beim härtesten Rennen des Jahres missachtet hatte.

Der 21-jährige Monegasse fühlte sich vom eigenen Team um den Sieg gebracht, als der elf Jahre ältere Vettel beim Reifenwechsel an ihm vorbeikam und die Spitze übernahm. "Was zur Hölle", polterte Leclerc im Funk: "Ich verstehe diese Strategie überhaupt nicht." Später drohte er gar, die Führung notfalls mit der Brechstange zurückzuerobern - und damit den ersten Doppelsieg Ferraris seit mehr als zwei Jahren aufs Spiel zu setzen.

Widerwillig hielt sich Leclerc letztlich an die Ansagen des Kommandostandes, "nichts Dummes" zu tun. Teamchef Mattia Binotto dankte es dem neuen Liebling der Ferrari-Fans mit einem "perfetto" ("perfekt") über den Boxenfunk. Im Ziel ging Leclerc zunächst grußlos an Vettel vorbei. „Es ist schwierig, einen Sieg auf diese Art zu verlieren“, betonte Leclerc. Erst mit der Zeit beruhigte sich Heißsporn Leclerc und lenkte ein: "Im Auto sieht man nur sich und nicht die gesamte Situation. Wir wollten hier einen Podestplatz, jetzt ist es ein Doppelsieg."

Ein Doppelsieg, der in der Reihenfolge Vettel vor Leclerc allerdings nicht geplant war, wie Binotto einräumte: "Sebastian hat durch seinen früheren Reifenwechsel in einer einzigen Runde 3,9 Sekunden gewonnen. Das hat uns selbst überrascht."

Man habe am Kommandostand gar überlegt, die Reihenfolge wieder zu tauschen, diese Idee aber verworfen. Den Grund wollte Binotto nicht benennen, doch er scheint allzu klar: Ferrari braucht nicht nur ein Top-Auto, sondern auch zwei selbstbewusste Fahrer, um seine hohen Ziele zu erreichen.

Bei Vettel hatte dieses Vertrauen zuletzt merklich gelitten. Leclerc dagegen ist selbstbewusst ohne Ende, nach seinen Siegen in Spa und Monza forderte er am Sonntag aus der Emotion heraus eine Sonderbehandlung ein, die nur einem klaren Nummer-eins-Fahrer zusteht. Als diesen betrachtet sich Leclerc nach eigener Aussage zwar nicht, seine Reaktion aber ließ eine andere Lesart zu.

Vettel, viermaliger Weltmeister und nun 53-maliger Grand-Prix-Gewinner, sprach dagegen in erster Linie vom Team: "Wir können noch besser werden, und wir müssen noch besser werden." Auch wies der Heppenheimer auf das große Ganze hin. Auf die Frage, ob er nun zurück sei, erklärte Vettel: "Es gibt nur einen Weg für Ferrari, um wirklich zurück zu sein: die Meisterschaft zu gewinnen."

Die Stoßrichtung stimmt mittlerweile: Nachdem der SF90H lange ein Flop war, gelangen Ferrari nach der Sommerpause erstmals seit 2008 drei Siege in Folge. Das Auto scheint dank umfangreicher Updates mittlerweile auf allen Streckentypen siegfähig zu sein.

Die WM-Titel 2019 dürften dennoch an Lewis Hamilton beziehungsweise Mercedes vergeben sein. "Aber", sagt Vettel, "was wir dieses Jahr lernen, hilft uns im nächsten Jahr."

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(dpa/sid/old)