Formel 1: Sebastian Vettel beeindruckt Lewis Hamilton - und hat Zweifel

Formel-1-Tests in Barcelona: Vettel beeindruckt Hamilton - und hat Zweifel

Trotz Strecken- und Kilometerrekord: Sebastian Vettel versprühte nach dem Ende seiner Testfahrten alles andere als Zuversicht. Die Sorge ist groß, dass Mercedes deutlich stärker ist als Ferrari.

Die erste Runde im Psycho-Duell der Formel-1-Giganten ging eindeutig an Lewis Hamilton. Da hatte sein Dauerrivale Sebastian Vettel gerade den Streckenrekord in Barcelona pulverisiert, war mehr Kilometer an einem Testtag gefahren als jemals jemand zuvor - doch der Weltmeister reagierte mit einem Höchstmaß an Gleichgültigkeit: "Keine Ahnung, ob das schnell ist. Es ist auch völlig egal. Es zählt das Qualifying in Melbourne, wenn alle mit leeren Tanks fahren."

Nun mag man einwenden, dass das Selbstbewusstsein des britischen Mercedes-Stars in jeder Lebenslage so groß ist, dass er sich wenig um das Treiben des ebenfalls viermaligen Weltmeisters Vettel schert. Bemerkenswert war am Donnerstag in Barcelona jedoch, dass Vettel selbst nur wenig Zuversicht versprühte - trotz der mit Abstand schnellsten Rundenzeit der Testfahrten von 1:17,182 Minuten.

"Es fühlt sich wie ein Schritt nach vorne an. Aber was soll ich jetzt groß euphorisch sein", sagte der Ferrari-Hoffnungsträger mit sichtbarem Stirnrunzeln: "Es ist nur ein Test. Es kommt immer darauf an, was man macht. Und ich glaube, wir haben heute etwas anderes gemacht als viele andere."

Tatsächlich war Ferrari am Donnerstagmittag auf Zeitenjagd gegangen. Die Scuderia zog die weichste Reifenmischung auf, den neuen Hypersoft, und ließ Vettel an dessen letztem Einsatztag in Barcelona ein paar Runden mit dem SF71H am Limit fahren. Der Heppenheimer war dabei fast eine Sekunde schneller als Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo, dessen Streckenrekord von 1:18,047 Minuten nicht einmal 24 Stunden Bestand hatte.

Doch das war offenbar nicht genug für Vettel, um mit einem guten Gefühl zum Saisonauftakt nach Melbourne (25. März, 7.10 Uhr MESZ/RTL) zu reisen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass er mit dem Ferrari an viereinhalb Einsatztagen fast zehn Renndistanzen ohne sichtbare Macken zurückgelegt hat.

Zu Vettels Missmut dürfte beigetragen haben, dass die Rennsimulationen von Mercedes beeindruckend gut waren. Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas drehte am Donnerstag Runde um Runde auf Top-Niveau, der Champion selbst war am Freitag an der Reihe. Als Vettel nach seiner Zeitenjagd ebenfalls auf Long-Runs wechselte, war er pro Runde im Schnitt knapp eine Sekunde langsamer. Im Rennen wäre das eine Welt.

Hinzu kommt, dass Mercedes längst nicht alle Karten aufgedeckt hat. Der Weltmeister-Rennstall der vergangenen vier Jahre bestellte für die insgesamt achttägigen Tests beim Formel-1-Reifenlieferanten Pirelli nicht einen einzigen Satz des Hypersoft-Gemischs. Die Silberpfeile trauen sich offenbar sehr viel zu.

Doch eine Demonstration der Mercedes-Stärke auf eine schnelle Runde war gar nicht nötig, um die Leistungsstärke von Ferrari infragezustellen. Dazu genügte am Donnerstag die Vorstellung eines Hinterbänklers: Der Däne Kevin Magnussen vom Ferrari-Kundenteam Haas kam auf einer zwei Grad härteren und damit deutlich langsameren Reifenmischung bis auf 1,172 Sekunden an Vettel heran.

Hamilton, der nicht gerade als Fan der Testfahrten bekannt ist, streute am Abend weiter Salz in die Ferrari-Wunde. "Unsere Zuverlässigkeit war fantastisch, und das Auto fühlt sich großartig an", sagte der 33-Jährige. "Abgesehen vom Halo" störe ihn wenig an seinem neuen Boliden, witzelte Hamilton und erklärte weiter: "Das 2017er Auto war großartig. Dieses ist sicher besser." Und auf die Frage, wen er als größte Bedrohung erwartet, antwortete er: "Red Bull."

(sid)