Formel 1: Ferrari und Sebastian Vettel sind in WM-Form

Niederlage als Mutmacher : Ferrari und Vettel sind in WM-Form

Lewis Hamilton gewinnt das Rennen in Baku und die WM-Führung, wie ein Sieger wirkt dennoch nur der geschlagene Sebastian Vettel - denn die Erkenntnis dieses Rennens ging über das pure Ergebnis hinaus.

Wie ein Verlierer sah Sebastian Vettel nun wirklich nicht aus. Lächelnd schlenderte er durch das Fahrerlager von Baku, blieb kurz bei Niki Lauda stehen, hielt einen Plausch mit dem Team-Aufsichtsratschef von Mercedes über Ferrari-Oldtimer. Und dann verabschiedete sich der 30-Jährige gut gelaunt vom Ort seiner Niederlage.

"Shit happens", viel mehr hatte Vettel nicht zu sagen über den Großen Preis von Aserbaidschan. Dabei hatte er unter dramatischen Bedingungen ja durchaus einiges verloren: den fast sicheren Sieg im vierten Saisonrennen, die WM-Führung, beides an den Titelrivalen Lewis Hamilton. Doch Vettel hat am vergangenen Wochenende eben auch etwas gewonnen, eine Erkenntnis nämlich, die ihn in den kommenden Tagen gut schlafen lässt: Ferrari ist das stärkste Team der Formel 1.

Dieses Bild hatte sich in den vorherigen Rennen schon abgezeichnet, doch nie war es so klar wie jetzt. Es ist, als hätte sein Rennstall über den Winter die Rollen getauscht mit den Serien-Weltmeistern von Mercedes. Man habe nun "ein Auto, das man im Qualifying weit nach vorne bringen und mit dem man im Rennen um den Sieg fahren kann", sagte Vettel - und untertrieb damit.

Der SF71H hat ihn nun dreimal in Folge zur Pole Position getragen. Und auch im Rennen benötigt Mercedes schon besondere Umstände, Unfälle, Safety-Car-Phasen, wie nun in Baku, um Ferrari zu schlagen. Und das gilt unabhängig vom Grand-Prix-Schauplatz. In den vergangenen vier Jahren gab es im Grunde zwei Sorten von Strecken: Solche, auf denen Mercedes überlegen war. Und solche, auf denen Mercedes unschlagbar war. Davon scheint 2018 nichts geblieben.

Selbst auf den vermeintlichen Mercedes-Kursen wie China oder auch Baku mit seiner langen Geraden sind die Roten besser. Das registriert auch der Gegner mit Besorgnis. "Sebastian hätte das Rennen sicher gewonnen", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, erst der Crash der Red-Bull-Piloten Max Verstappen und Daniel Ricciardo sorgte für eine neue Situation und eröffnete Mercedes die Chance. Dieser heftige Einschnitt sei "die nackte Brutalität" gewesen, so Wolff, "ohne Worte".

Auch Hamilton selbst betonte das. "Auch wenn wir heute vorne gelandet sind, liegen wir in Wahrheit zurück", sagte der Weltmeister. Das habe mit der Geschwindigkeit der Ferrari zu tun, aber zu einem guten Stück auch mit dem eigenen Boliden. Man habe "kein schreckliches Auto, überhaupt nicht", so Hamilton, "aber wir müssen es verfeinern. Es ist nicht so einfach zu fahren wie im vergangenen Jahr. Das müssen wir ändern."

Und auch mit sich selbst ist der Engländer nicht zufrieden, vor der Abreise aus Baku war Ungewöhnliches von ihm zu vernehmen. "Ich hatte zu kämpfen", sagte er: "Da waren viele Fehler im Rennen, das ist eigentlich selten bei mir. Ich hatte Probleme mit dem Auto, Probleme mit den Reifen, das darf ich nicht auf die leichte Schulter nehmen. So eine Leistung darf sich nicht wiederholen."

In zwei Wochen wird Hamilton in Barcelona zum ersten Mal in diesem Jahr als WM-Spitzenreiter zu einem Grand Prix antreten. "Aber ich fühle definitiv keine Erleichterung deshalb", sagte er. Weil er sich fragen muss, wie er diese unverhoffte Führung gegen Ferrari und Vettel verteidigen soll.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Großer Preis von Aserbaidschan 2018: Pressestimmen

(sid)
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