Formel 1 2019 Melbourne: Für Sebastian Vettel heißt es jetzt oder nie

Saisonstart der Formel 1: Für Vettel heißt es jetzt oder nie

In dieser Saison soll es endlich klappen. Sebastian Vettel und Ferrari wollen die Dominanz von Mercedes in der Formel 1 beenden. Der Deutsche soll der erste Weltmeister im Ferrari werden seit 2007.

Die Sehnsucht beim traditionsreichsten und wohl berühmtesten Rennstall der Formel 1 ist groß - die Sehnsucht nach dem nächsten Weltmeister in Rot. Immerhin datiert der letzte Fahrertitel aus dem Jahr 2007. Der Weltmeister damals: Kimi Räikkönen. Auch bei Sebastian Vettel ist die Sehnsucht groß - die Sehnsucht nach dem ersten Titel mit der Scuderia. Die Sehnsucht, mit seinem Dauerrivalen Lewis Hamilton in Sachen Titel gleichzuziehen. Die Sehnsucht, den Ferraristi endlich ihren großen Traum zu erfüllen - und das zum 90. Geburtstag des Rennstalls. Die Sehnsucht, seinem Idol Michael Schumacher nachzueifern.

Die Zeichen stehen vor dem Saisonauftakt der Formel 1 am Sonntag in Melbourne so gut wie lange nicht. Es ist Vettels fünfte Saison im roten Flitzer. Genausolange brauchte Schumacher, bis er die damals seit 1979 währende Durststrecke des italienischen Rennstalls beendete und im Jahr 2000 Weltmeister wurde. Für viele Rennsportromantiker reicht das schon als schicksalhaftes Vorzeichen.

Aber es gibt auch messbare Indikatoren, warum es in dieser Saison zum Titel reichen kann. Der neue Ferrari SF90 war bei den Testfahrten in Barcelona deutlich schneller als der Bolide von Mercedes. Etwa eine halbe Sekunde sei Ferrari vorne, sagte Weltmeister Lewis Hamilton. Der musste sein neues Fahrzeug schon an die Grenzen treiben, um in einer schnellen Runde mal knapp hinter Vettel zu landen. Während Mercedes noch am perfekten Auftritt tüftelte, fuhren Vettel und sein neuer Teamkollege Charles Leclerc schon Bestzeiten. Ferrari hat sein Auto im Moment besser auf die größeren Front- und Heckflügel abgestimmt. Die sind ab dieser Saison in der Formel 1 vorgeschrieben. Mehr Überholmanöver sollen dadurch möglich sein. Bei der Renn-Performance scheint die Scuderia damit derzeit klar im Vorteil gegenüber Mercedes. Doch reicht das für den Angriff auf die Dominatoren der Vorjahre?

Die Mercedes-Entwickler sind die Meister in der Verbesserung während der Saison. Schon 2018 starteten Vettel und Ferrari mit dem schnelleren Auto und einem Sieg in Melbourne, konnten später aber nur hinterher schauen. Weil der Mercedes während der Saison immer besser wurde, der Ferrari nicht. Hinzu kamen eine deutlich bessere Zuverlässigkeit des Autos, bessere Strategien des Teams und weniger Fehler beim Fahrer auf Seiten von Mercedes.

Bei Ferrari ging es hingegen auf der Strecke und hinter den Kulissen turbulent zu. Der damalige Ferrari-Chef Maurizio Arrivabene kritisierte die aus seiner Sicht nicht ausreichende Weiterentwicklung des Fahrzeugs, hatte aber gleichzeitig für einige eklatante Taktikfehler im Rennen verantwortlich zu zeichnen. Anders als bei Mercedes gab es zudem keine klare Stallorder pro Vettel. Der Heppenheimer und sein damaliger Kollege Räikkönen kämpften gleichberechtigt um die WM. Der viermalige Weltmeister Vettel wirkte mal verunsichert, mal sauer, mal ungeduldig, machte seinerseits unnötige Fehler.

Nach vier Jahren akribischer Arbeit an Technik, Abstimmung und Tempo und zahlreichen Rückschlägen wollte Vettel eigentlich schon 2018 mit dem endlich schnelleren Ferrari zum Titel fahren. Doch der launenhafte Rennstall stand sich selbst im Weg. Am Ende jubelten zum fünften Mal Hamilton und Mercedes

Dieses Szenario soll sich für Ferrari und Vettel nicht wiederholen. Das Desaster 2018 hatte Konsequenzen. Arrivabene ist Geschichte bei Ferrari. Die Bosse haben ihn durch Technik-Chef Mattia Binotto ersetzt. Unter Arrivabene soll im Team zeitweise Angst vor dem Versagen geherrscht haben. Binotto ist ein ruhiger Denker. Dem Italiener mit schweizerischen Wurzeln wird nachgesagt, er handle logisch, motiviere das Team und fördere die Kreativität seiner Mitarbeiter. Eigenschaften, mit denen er gut zum ebenfalls ruhigen Vettel passen sollte. Vettel arbeitet gerne und viel mit seinen Technikern, um das beste aus seinem Fahrzeug rauszuholen. Kreativität und Logik sind da entscheidend für den Erfolg.

Binotto bleibt gleichzeitig Technikchef. Diskussionen zwischen den beiden Posten über die Ausrichtung des Teams vermeidet Ferrari damit. Die Strategie scheint klar: Alle Energie soll für den Kampf mit Mercedes und Red Bull um den WM-Titel genutzt werden, nicht für innere Kämpfe. Binotto will aber nicht nur aus Strategen und Fahrzeugen alles herausholen. Er will auch Vettel zu neuen Bestleistungen antreiben. Diese Aufgabe fällt Leclerc zu. Der Neue im zweiten Cockpit von Ferrari soll Vettel Konkurrenz machen, den 31-Jährigen richtig fordern – anders, als es Räikkönen zuletzt vielleicht getan hat.

Der 21-jährige Leclerc gilt als großes Talent. Dass er keinen Respektabstand zu Vettel hält, hat er schon in den Tests gezeigt. Vettel ist mit seiner Erfahrung, seinem technischen und taktischen Verständnis seinem neuen Kollegen klar überlegen, aber er wird ihn im Nacken spüren. Genau das will Ferrari. Vettel ist gut, wenn er sich herausgefordert fühlt, braucht aber auch das Vertrauen seines Teams – um sich aufs Fahren konzentrieren zu können. Das weiß Binotto. Also hat er mit Pascal Wehrlein nicht nur einen Vettel-Freund als Testfahrer ins Team geholt, er macht Vettel auch öffentlich zur Nummer eins im Stall. Zumindest zu Beginn der Saison. „Sebastian hat so viel Erfahrung, er hat vier Weltmeisterschaften gewonnen, er fährt so viele Jahre hier. Wenn also irgendetwas unklar ist, dann vertrauen wir Seb“, sagte der Teamchef. Er sagte aber auch: „Charles darf gegen Sebastian frei fahren, sie dürfen miteinander kämpfen.“ Er bremst Leclerc nicht und gibt Vettel trotzdem das Vertrauen.

Spätestens jetzt weiß der Deutsche, dass er sich Fehler wie in der vergangenen Saison nicht leisten darf, wenn er die Nummer eins im Stall bleiben will. Siege werden von ihm erwartet, am besten schon am Sonntag im Melbourne. Da, wo er bereits die vergangenen beiden Jahre ganz oben auf dem Podest stand.

Das muss man einem Vettel eigentlich gar nicht sagen, das erwartet der ehrgeizige Perfektionist ohnehin von sich. Vettel weiß, dass ihm die Zeit davon läuft, mit Ferrari den ganz großen Coup zu landen. Fans und italenische Medien werden ungeduldig mit ihm. Das hat man nicht zuletzt an den scharfen Reaktionen nach seinem Ausfall im Heimrennen in Monza in der vergangenen Saison gemerkt. „Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen. Die Moral ist hoch, das Team ist auf dem richtigen Weg“, sagte Vettel zuversichtlich.

Für Ferrari ist es nicht selbstverständlich, das schnellste Auto im Feld zu stellen. Die Chance muss Vettel nutzen, bevor die Konkurrenz auch diesen Vorteil aufholt. Mit seiner „Lina“, wie er sein neues Gefährt nennt, soll das besser gelingen als mit „Loria“ im vergangenen Jahr. Er wird sie also gut behandeln und hoffen, dass sie ihn dann treu von Sieg zu Sieg fährt.  

Denn Vettels Vertrag bei Ferrari läuft Ende 2020 aus. Italienische Medien berichteten während der Misere der vergangenen Saison, dass es eine Klausel gebe, die eine Trennung  breits Ende 2019 möglich mache. Es könnte also Vettels letzte Chance auf die Weltmeisterschaft mit Ferrari sein. Dann würde es für ihn ab Sonntag tatsächlich heißen „jetzt oder nie“.

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