Folgenschwere Einschreibung Wie Rhein-Fire-Zugang Anderson beinahe in den USA durchgestartet wäre

Düsseldorf · Tony Anderson könnte heute vielleicht ganz woanders spielen als bei Rhein Fire, nachdem er auf bemerkenswerte Weise seinen Weg in den USA zu finden schien. Was den Franzosen ausbremste.

Tony Anderson (l.) sitzt auf einer Bank neben Darrius Nash (M.) und Omari Williams.

Tony Anderson (l.) sitzt auf einer Bank neben Darrius Nash (M.) und Omari Williams.

Foto: RP/uzis.studio

Unterm Strich ist alles gut, so wie es ist. Und er würde es auch genau so wieder machen, betont Tony Anderson. Doch ein wenig ärgern muss sich der Defensive Back von Rhein Fire schon, dass seine Chancen auf eine Profi-Karriere in den USA auf diese Weise in den Keller sanken – aus einer Mischung aus Unwissenheit und Formalitäten. Aber der Reihe nach.

Anderson wuchs in Elancourt auf, nicht weit entfernt von Paris. Dort spielte er Fußball, „wie 90 Prozent der anderen Kinder“, sagt er. „Aber es es hat mich ein bisschen gelangweilt.“ 14 Jahre alt war er da und kam zufällig an einem Spiel des Footballteams Templiers d'Élancourt vorbei, das er sich mit seinem Vater anschaute. Ein Wendepunkt in Andersons Leben: „Ich habe gesagt: Das sieht cool aus, ich will das versuchen. Und von da an gab es kein Zurück.“

„Ich musste meine Fehler machen und es selbst herausfinden“

Der heute 30-Jährige begann bei den Templiers zu spielen und entwickelte schnell den Traum, Footballprofi in den USA zu werden. Aber wie? „Es war sehr kompliziert, in die USA zu kommen. Ich musste meine Fehler machen und es selbst herausfinden“, berichtet Anderson. Ein Stipendium zu bekommen war utopisch, also half nur eins: An ein Junior College gehen, es dort ins Team schaffen und sich dann für die großen Universitäten empfehlen. Die beiden Amerikaner, die in Elancourt spielten, halfen ihm so gut es ging – und dann ging es los nach Kalifornien, mit einem großen Vertrauensvorschuss der Eltern und an sich selbst.

Zunächst High School und nebenbei arbeiten, um Geld zu verdienen. Dann Junior College, alles selbst finanziert. So der Plan. Doch den richtigen Weg zu finden, war schwierig. „Nach der High School wusste ich nicht, was ich tun sollte. Also habe ich mich als Teilzeit-Student eingeschrieben. Dann habe ich festgestellt, dass es nichts für mich ist. Ich war nicht sicher, was zu tun ist.“ Und vor allem wusste Anderson nicht, welch große Auswirkungen seine Einschrift als Teilzeit-Student haben würde.

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2016 hatte der Franzose dann den richtigen Weg gefunden: am Santa Barbara City College. Aufstehen, Kraftraum, Hörsaal, Training, schlafen – der normale Ablauf eines studierenden Footballspielers. „Das war das beste Jahr meines Lebens“, sagt Anderson. „Es hat sich gut angefühlt, ich war genau da, wo ich sein wollte. Es kamen natürlich auch Nebenwirkungen: Kulturschock, ein bisschen Heimweh. Ich kannte niemanden. Ich hatte keine Basis. So wie es ausging, bereue ich es aber nicht und ich würde es wieder tun.“

Zwei College-Jahre verschwendet

Die Leistungen auf dem Feld waren gut, es gab Angebote von größeren Universitäten, es schien alles bestens zu laufen. Dann aber stellte Anderson fest, dass er nur noch ein weiteres Jahr an einem College würde Footballspielen dürfen. Fünf Jahre sind erlaubt, vier davon aktiv auf dem Rasen. Anderson ging davon aus, er sei in Jahr eins. Doch seine Uhr begann schon zu ticken, als er sich noch orientierungslos als Teilzeit-Student eingeschrieben hatte – und so war er bereits in Jahr drei. Eine folgenschwere Formalie. „Als die Teams das herausgefunden hatten, zogen sie ihre Angebote zurück“, erklärt Anderson.

Er schaffte es dann doch noch an die Grand View University in Iowa, aber eben nur für ein Jahr. Selbst gute Leistungen dort reichten nicht, damit ihn ein NFL-Team im Draft 2019 auswählte. Anderson war dann zwar in der Saisonvorbereitung bei den Indianapolis Colts und Los Angeles Rams dabei, wurde aber entlassen. Wer weiß, wo Andersons Weg hingeführt hätte, hätte er mehr Zeit am College bekommen, um zu einem noch besseren Spieler zu werden. So ging es nach Kanada, zu den Ottawa Redblacks, und 2022 schließlich zurück nach Europa. Erst Tirol, dann Frankfurt, jetzt Rhein Fire.

„Ich war zuerst skeptisch, nach Europa zurückzukehren“, erklärt Anderson. Er entschied sich bewusst für stabile Organisationen, bei denen er einen gewissen Standard erwarten konnte. So auch in Düsseldorf. „Rhein Fire hat ein bestimmtes Image und erfüllt das voll und ganz“, sagt der Defensive Back. Dadurch gebe es aber natürlich auch gewisse Erwartungen, die Leistung des Vorjahres zu wiederholen: „Ich muss mich davon isolieren. Ich war nicht Teil des Championship-Teams. Ich habe dreimal gegen sie verloren. Das 2024er-Team ist anders. Wir haben noch nichts erreicht.“

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