Rhein Fires Ein-Tages-Heimat in Oberhausen Herz statt Kommerz – eine Liebeserklärung ans Niederrheinstadion

Meinung | Oberhausen · Warum das Stadion Niederrhein von Rot-Weiß Oberhausen, in das die Footballer von Rhein Fire für ihr erstes Heimspiel der Saison ausweichen, subjektiv betrachtet die schönste Heimspielstätte der Welt ist. Das erklärt unser Autor, der aus der Stadt stammt und ein unverbesserlicher RWO-Fan ist.

Das Niederrheinstadion in Oberhausen.

Das Niederrheinstadion in Oberhausen.

Foto: Rhein Fire

Wer aus der Welt der Schickimicki-Stadien, Fußballtempel und Multifunktionsarenen kommt, wird sich womöglich verwundert die Augen reiben, wenn er oder sie das Stadion Niederrhein, die Heimspielstätte des SC Rot-Weiß Oberhausen 1904 e.V., kurz: RWO, und für eine Partie das Ausweichzuhause der Footballer von Rhein Fire, zum ersten Mal betritt. Vor allem darüber, was es dort alles nicht gibt: kein Schiebedach, kein Rollrasen, keine echten VIP-Logen, kein Champagner, kein Chichi.

Stattdessen: Köpi, Pommes (rot-weiß, wat sonst?), meistens Regen, jede Menge Stehplätze, vor allem aber: Fußball pur – und davon viel. Kunststück, gibt ja auch sonst nicht viel zu gucken, im „schönsten Stadion der Welt“, wie es eingefleischten Fans des Kleeblatt-Klubs augenzwinkernd nennen.

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Foto: Rhein Fire/Justin Alexander Derondeau

Ein Ort mit Geschichte: Eröffnet am 28. Februar 1926, malerisch gelegen direkt an der Autobahn A 42, zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher – auf der sogenannten Emscherinsel, die eigentlich gar keine Insel ist. Aber das nimmt hier keiner so genau. Und erst nicht krumm.

Drei Flutlichtmasten sind mehr als genug

Genauso wenig wie die Sache mit den Flutlichtmasten. Von denen gab es mal vier, in jeder Ecke des grünen Rasens einen, doch seit Februar 2014 sind es nur noch drei. Weil sich bei einer Routinekontrolle herausstellte, dass einer einsturzgefährdet ist, weil die Statik nicht stimmte, wurde er kurzerhand abgebaut – und bis heute nicht ersetzt. Wozu auch? Für den Spielbetrieb in der Regionalliga, der vierthöchsten deutschen Spielklasse, reicht’s, besagen die Statuten. Was wiederum ein bezeichnendes Licht auf die finanzielle Situation dieses chronischen klammen Klubs aus der Mitte des Ruhrpotts wirft, der ansonsten alles hat, was Fußballfreunden Freude macht. Alles, außer Kohle.

Das war nicht immer so. Zu goldenen Erstligazeiten der frühen 70er-Jahre, als sich hier noch die Bayernstars um Gerd Müller, Kaiser Franz und Co. die Ehre gaben und sich dem Vernehmen nach schon auf dem Weg ins weite Rund mit den örtlichen vorlauten Ruhrpott-Rotznasen hitzige Wortgefecht lieferten, war die Hütte regelmäßig ausverkauft. Lang ist‘s her! Volles Haus – das kennt der Kleeblattfan von heute allenfalls vom Hörensagen.

Schade eigentlich. Denn Platz gäbe es genug: Nach dem letzten Umbau aus dem Jahre 2018, bei dem die altehrwürdige Emscherkurve in weiten Teilen einer schicken, modernen Stehplatztribüne weichen musste. Heute bietet das Stadion Niederrhein nicht nur 17.165 Zuschauern Platz, sondern vor allem: Fußball zum Anfassen.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Wer’s nicht glauben will, war nicht dabei! Etwa an diesem denkwürdigen 21. Mai 2018. Dem Tag des Niederrheinpokalfinales, beim 2:1-Sieg über den ebenfalls rot-weißen Erzrivalen aus Essen, den kein Kleeblattfan so schnell vergessen wird. Dem Tag, als es kein Halten mehr gab. Auch nicht für mich als Autor dieser Zeilen, der im Rausch der Glücksgefühle und -hormone an diesem Tag das wohl Verbotenste seiner gesamten Stadiongängerkarriere getan hat; nämlich über die Werbebande gekraxelt ist und tatsächlich das getan hat, was man als Fan wohl in keinem Stadion dieser Welt ungestraft tun darf: den Rasen betreten.

Genauer: drüber gelaufen, gerannt sogar, wie so viele andere auch, am letzten Spieltag der Saison, auf die andere Seite des Rasens. Zur Spielerbank, wo wir schon erwartet wurden. Von Coach Mike Terranova höchstpersönlich, dessen Trainingsanzug vor Stolz über das Erreichte an diesem Tag fast aus allen Nähen platzte. Und wir spontan ein kleines Freudentänzchen auf der 100-Meter-Laufbahn hinlegten. Uns gemeinsam über den Einzug in die erste DFB-Pokal-Hauptrunde freuten und uns innig umarmten, als wären wir alte Kumpels.

Terranova und die Weitsprunggrube

In gewisser Weise waren wir das auch. Denn: Wir kannten uns, na klar, von früher: Vom Abklatschen am Stadionzaun, den es damals noch gab. In der Zeit, als „Terra“, den hier bis heute alle „Fußballgott“ rufen, wenn sein Name beim Verlesen der Aufstellung fällt – egal, ob als Spieler oder als Trainer, der er heute interimsweise (mal wieder) ist. Als Terra sich durch die Abwehrreihen wühlte wie ein Terrier und Tore wie am Fließband schoss.

Und im listigen 3-5-2-System, das Ex-Borusse und Trainerfuchs Hans-Günter Bruns nach seinem rot-weißen Durchmarsch von der damals viertklassigen Ober- in die Zweite Liga (vereinsintern besser bekannt als „Das Wunder von Bruns“), ersonnen hatte, eine tragende Rolle spielte: Die des abgezockten Torjägers - allein gegen den Rest der Fußballwelt und knüppelharte Zweitligaverteidiger, stets ausgestattet mit dem richtigen Riecher, für Tore und für die Belange der Fans. Der damals so manchen Gegenspieler genauso gekonnt wie publikumswirksam in die Weitsprunggrube hinterm Tor schickte, die es seinerzeit noch gab, bevor sie der Stehplatztribüne weichen musste. Und in die wohl jeder Zweite auf den Rängen unter den gestrengen Augen ihrer Sportlehrer im Zuge der Bundesjugendspiele als Halbstarker schon einmal hüpfen musste.

Was im laufenden Spielbetrieb immer wieder zu herrlich schrägen Szenen hinter der Grundlinie führte, wenn der vermeintlich gefoulte Gästespieler, der zuvor von seinem Gegenspieler nach allen Regeln der Zweikampfkunst mit einer beherzten Grätsche in die Grube geschickt worden war, vor lauter Frust den Linienrichter (der damals tatsächlich noch so hieß) hasserfüllt mit einer Handvoll Sand beschmiss – und dafür, unter glückseligem Gejohle des rot-weißen Kurvenkollektivs, Gelb kassierte.

Rhein Fire: Das ist der Kader zur Saison 2024
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Das ist der Kader von Rhein Fire

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Foto: Rhein Fire/Justin Alexander Derondeau

Heute gibt es hinterm Tor keine Grube mehr, dafür aber einen 1A-Blick aufs Spielfeld. Seit ihrem Umbau bietet die „Revierkrafttribüne“ mit einem Fassungsvermögen von gut 3100 Plätzen eine sportliche Heimat für die Unbelehrbaren und unverbesserlichen Optimisten, die sich hier Woche für Woche die Beine in den (Bier-)Bauch stehen, ihre Jungs nach vorne peitschen und auf bessere Zeiten hoffen.

Die jedoch sind aktuell - mal wieder - nicht in Sicht: „Vierte Ligaaaa tut so weh. Scheißegal, wir sind daaaa. Jedes Spiel. Ist doch klaaaar“: So geht ein in rot-weißen Kreisen überaus beliebter Stadionsong, den die unverbesserlichen Stadiongeher (oder besser: -steher) auf der im Jahr 2018 neu gebauten „Revierkraft“-Tribüne auch in verflixten 13. Jahr nach dem Zweitligaabstieg immer noch mit Inbrunst anstimmen, wenn die da unten auf dem Rasen mal wieder das tun, was sie wahrscheinlich am besten können: es spannend machen! Um am Ende - nach großem Fight und noch mehr Drama - mit leeren Händen dazustehen.

Bis auf dieses eingangs erwähnte eine Mal im Niederrheinpokal, an dem das plötzlich alles anders war. Diesen magischen Moment, als „Terra“ den Autor dieser Zeilen auf der anderen Seite des Platzes zum Freudentanz empfing und der Siegestaumel im rot-weißen Lager keine Grenzen kannte.

Der „Underdog“ als Maskottchen

Glücksmomente wie diese sind ansonsten eher selten in der jüngeren Stadion- und Vereinsgeschichte. Während sie anderswo im Ruhrgebiet hemmungslos die Sau rauslassen und die Fußballfeste feiern, wie sie fallen, geht bei uns als chronisch klammen Klub, der von der Stadt finanziell so oft im Regen stehen gelassen wird, vieles vor die Hunde. So wie der Gästebereich der weitgehend baufälligen Kanalkurve, die in Teilen gesperrt ist, weil auch hier die Statik schlappmacht.

Apropos Hund. So einen haben wir auch im Kader; den „Underdog“. Ein Maskottchen der etwas anderen Art, ebenfalls ein Überbleibsel aus besseren Tagen. Uns zugelaufen in Zweitligazeiten, als der Name Programm war, weil der Klub mit seinem besseren Oberligakader dauerhaft mindestens eine Liga zu hoch spielte. Da befand der ehrenamtliche Vorstandschef Hajo Sommers, im Hauptberuf Gastronom und damals Betreiber der Theaterkneipe Falstaff sowie charismatischer Chef der örtlichen Kabarett- und Kleinkunstbühne Ebertbad, einer wie der Underdog würde einem Verein wie unserem gut zu Gesicht stehen.

Er sollte recht behalten. Einfach eine coole Type, dieser Plüschhund! Eine echte Marke, das Maskottchen, seines Zeichens zottelige Promenadenmischung im RWO-Outfit – und ein echter Publikumsliebling. Zu Recht: Wo immer er im Block auftaucht, gibt‘s gute Laune und Handy-Selfies satt. Ein fußballverrückter Kerl, dieser bekloppte Hund, gar keine Frage – mit einer beachtlich theatralen Ader: Während andere Vertreter der Maskottchen-Zunft als bräsig grinsende Biene oder als grenzdebil winkender Elefant zum Affen machen, ist dieser hyperaktive Hund, der im Stadion Niederrhein irgendwann den eher tapsig daherkommenden „Kleebär“ als Maskottchen ablöste, ständig unter Strom – und immer in Bewegung, als gäbe es kein Morgen: Mal flitzt er auf dem City-Roller mit RWO-Fahne im Anschlag im Affenzahn über die Tartanbahn, die vor der Haupttribüne noch in voller Pracht erhalten ist.

Ein anderes Mal, als sich das kurzzeitig von einem Scheich gesponserte 1860 München im Stadion Niederrhein die Ehre gab, rollte er mit seinen Plüschpfoten ein leeres Ölfass vor sich her, um auf die ihm eigene, expressive Art gegen die Macht der Investorengelder im deutschen Fußball-Unterhaus zu protestieren.

Spaß im Stadion? Das geht auch mit drei Masten – und mit Herz statt Kommerz. Traut euch, gebt der Sache eine Chance, liebe Football-Fans! Wer weiß? Vielleicht verirrt sich der oder die ein oder andere ja doch noch dauerhaft zum RWO. Wir können jede und jeden brauchen, in unserem altehrwürdigen kleinen Stadion mitten im Revier. Sogar die, bei denen die Pille ein Ei ist. Wir im Pott sind da nicht so – und lassen fünf schon mal grade sein. Wer‘s nicht glauben will, der sollte am 8. Juni, wenn Rhein Fire zum Gastspiel auf der Emscherinsel aufläuft, nur mal die Flutlichtmasten zählen.

Hinweis:

Der Autor dieses Beitrags ist befangen - im besten Sinne des Wortes: Markus Henrichs wurde in Oberhausen geboren, genauer gesagt: an der Landwehr, gut 100 Meter Luftlinie vom ehemaligen Trainingsgelände der Kleeblätter entfernt, wo auch das Vereinsheim stand und die RWO-Profis zu Zweitligazeiten unter Alex Ristić und Hans-Günter Bruns ihre Standards einstudierten. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist er RWO-Fan und seit 2010 Mitglied. Wenn er nicht gerade samstags auf der Revierkrafttribüne steht und von besseren rot-weißen Zeiten träumt, kümmert er sich am Printdesk um den Wirtschaftsteil der gedruckten Ausgabe unserer Zeitung.

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