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Corona-Folgen: Sport- und Bewegungsmangel während Pandemie fördert Krankheiten

Mangelnde Bewegung kann krank machen : Die Pandemie macht die Deutschen unsportlicher

Seit 15 Monaten sind die Sportangebote durch die Corona-Pandemie eingeschränkt, teilweise fielen sie komplett aus. Das kann langfristige gesundheitliche Folgen haben, sagt Sportwissenschaftler Ingo Froböse. Er sieht die Politik in der Verantwortung.

Homeoffice, geschlossene Fitnessstudios, ausgefallene Kurse in Vereinen – die Corona-Pandemie hat Sport und Bewegung verändert. Die Menschen mussten sich an die neuen Gegebenheiten anpassen. Nicht selten hat das dazu geführt, dass die Bewegung abgenommen hat. Ingo Froböse, Professor am Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule in Köln, sieht einen deutlichen Einfluss der Pandemie auf Sportlichkeit und Bewegung der Deutschen.

„Zunächst sehen wir das an den Mitgliedszahlen“, sagt er. Sportvereine hätten durch die Lockdowns im Schnitt 17 Prozent der Mitglieder verloren, Fitnesseinrichtungen sogar bis zu 30 Prozent. „Das ist massiv“, sagt Froböse. „Außerdem gibt es deutlich längere Sitzzeiten.“ Junge Menschen würden in Zeiten von Homeschooling und Homeoffice durchschnittlich neun bis zehn Stunden pro Tag sitzen. Auch die Mediennutzung habe in der Pandemie zugenommen. „Bei Kindern und Jugendlichen ist sie in der Freizeit um 60 bis 70 Minuten länger geworden. Die Über-60-Jährigen schauen inzwischen 380 Minuten am Tag Fernsehen.“

 Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln, bei einer Pressekonferenz in Köln.
Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln, bei einer Pressekonferenz in Köln. Foto: dpa/Marius Becker

Der Sportwissenschaftler sieht darin einen Trend, der sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet habe, durch die Lockdowns aber noch einmal verschärft wurde. „Wir haben schon vor Corona eine Bewegungsmangel-Pandemie entwickelt, wie ich es nenne.“ Das sehe man daran, dass wenige Menschen die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgestellten Vorgaben zu regelmäßiger Bewegung erfüllen. Die sehen vor, dass Erwachsene sich pro Woche 150 Minuten intensiv oder 300 Minuten moderat ausdauernd bewegen und zusätzlich zweimal pro Woche ihre Muskeln trainieren. „Schon vor der Corona-Pandemie haben 85 Prozent der Menschen das nicht erfüllt, jetzt sind es noch mehr“, sagt Froböse.

Die Folgen: Muskelschwund, Entwicklungsdefizite und Krankheiten. Ersteres betreffe Menschen im Seniorenalter und führe zu einer eingeschränkten Beweglichkeit und einem höheren Pflegebedarf. Kinder und Jugendliche weisen durch den Wegfall von Schul- und Vereinssport Froböse zufolge Entwicklungsdefizite auf. „Bei ihnen haben wir schon Dinge gesät, die später in Krankheiten resultieren können“, so der Sportwissenschaftler. Bereits jetzt seien die Fälle von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Kindesalter gestiegen. „Gerade um die Kinder mache ich mir deswegen Sorgen.“

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Solche Krankheiten drohen auch Erwachsenen, wenn sie sich zu wenig bewegen, warnt Froböse. „Übergewicht und Stoffwechselkrankheiten treten vermehrt auf. Die Erwachsenen haben in der Pandemie im Schnitt zwischen fünf und sechs Kilos zugenommen.“ Auch die Gefahr eines hohen Blutdrucks steige durch mangelnde Bewegung.

In Zeiten des Lockdowns hätten viele Menschen nach Alternativen zu ihren regulären Sportangeboten gesucht. „Gerade im ersten Lockdown hat es mich gefreut, dass mehr Corona-Jogger oder auch Spaziergänger unterwegs waren“, sagt Froböse. „Das Problem dabei ist aber, dass viele, die neu damit anfangen, nicht wissen, wie sie es machen sollen.“ Er habe „gravierende Fehler“ in der Bewegungsausrichtung und Frequenz beobachtet. So hätte der neu entdeckte Sport bei vielen keinen Effekt erzielen können oder die Hobby-Sportler rasch überfordert, sodass sie das Joggen nach einer Weile wieder aufgaben. „Im Herbst waren die Leute nicht mehr zu sehen.“

Ähnliches gelte für Homeworkouts per App oder Video, die für viele Menschen zur Alternative wurden. „Wir haben keine Qualitätssicherung im Internet“, warnt Froböse. „Diese selbst ernannten Trainer und Trainerinnen haben häufig wenig Kompetenz und bieten keine Individualisierung ihres Programms an.“ Sein Rat ist deutlich: Unerfahrene und „Corona-Einsteiger“ sollten solche Angebote, bei denen Übungen einfach nachgemacht werden, nicht nutzen. Aber: „Die Apps sind gut für Fortgeschrittene.“ Gerade, wenn sie von Menschen gemacht sind, die einen bewegungswissenschaftlichen Hintergrund haben, die Übungen ausführlich erklären und dabei auf verschiedene Parameter wie unterschiedliche Schwierigkeitsgrade oder die Atmung eingehen.

Der Bewegungsexperte geht davon aus, dass mit den Lockerungen viele Menschen – gerade Erwachsene – zu ihren gewohnten sozialen Strukturen zurückkehren, auch im Sport. Allerdings gebe es derzeit einen Übungsleiter-Mangel in den Vereinen, da viele Trainerinnen und Trainer im Breitensport sich im Lockdown umorientieren mussten. „Das große Problem sind aber auch hier die Kinder und Jugendlichen“, sagt Froböse. „Denn wenn sie einmal anders geprägt sind und keinen Sport machen, werden sie es beibehalten.“

Gerade für sie wünscht sich Froböse, dass Angebote zum Ausgleich der mangelnden Bewegung gefördert werden. Aber auch im Bereich der Senioren müsse Muskelaufbau betrieben werden. Erwachsene hätten es jedoch leichter, Defizite der Pandemie in Sachen Sportlichkeit und Bewegung auszugleichen als Kinder und Jugendliche. „Ich würde mir Aufholprogramme von der Politik wünschen“, sagt Froböse. „Angebote für Sport und Bewegung wurden in der Pandemie von Anfang an geschlossen und haben so ein schlechtes Image bekommen.“ Das müsse sich jetzt ändern, auch durch Anstrengungen der Politik. „Das erwarte ich von der neuen Bundesregierung. Ich habe mir schon immer einen Breitensportminister gewünscht. Gerade jetzt brauchen wir so etwas“, sagt der Sportwissenschaftler.

Letztendlich liege die Verantwortung aber auch bei jedem Einzelnen. Joggen, Walken, Schwimmen oder Radfahren können helfen, die individuelle Fitness zu fördern, gerade in Kombination mit regelmäßigem Muskeltraining, wie auch die WHO es vorsieht. „Gesundheit kann man nicht kaufen, die muss man machen“, sagt Froböse.