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Turnen, European Championships: Deutschland holt Bronze im Team - historisch

Angeführt von Bui und Voss : Deutsche Turnerinnen holen historisches Team-Bronze bei EM

Die deutschen Turnerinnen haben bei den European Championships in München Bronze im Team gewonnen. Es ist die erste Mannschaftsmedaille der Turn-Geschichte für deutsche Frauen.

In den Katakomben der großen Olympia-Halle konnten Elisabeth Seitz und Kim Bui ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Die beiden, die so viel in ihrer gemeinsamen Karriere erlebt haben, lagen sich am späten Samstagnachmittag in den Armen und weinten. Es waren Tränen der Freude und der Trauer zugleich. Zum einen gewannen sie zusammen mit Pauline Schäfer-Betz, Sarah Voss und Emma Malewski eine historische Bronze-Medaille im Teamwettbewerb der Europameisterschaft. Auf der anderen Seite beendet Bui nach den European Championships in München ihre Karriere.

„Ich kann es noch gar nicht richtig glauben“, sagte Bui. Ähnlich erging es auch der Dormagenerin Sarah Voss, die mit ihrer starken Leistung am Sprung als letzte deutsche Athletin nach vier Rotationen die Medaille perfekt gemacht hatte. Sie riss die Arme in die Luft, sprang freudestrahlend in die Arme ihrer Trainerin und ließ sich dann von ihren Team-Mitgliederinnen herzen. „Ich habe alles gefühlt: Erleichterung, Freude, Begeisterung“, sagte Voss. Für Bronze riskierte sie alles. In der Qualifikation verletzte sie sich noch an der Wade, hatte auch im Teamwettkampf Probleme – und turnte trotzdem die Doppelschraube am Sprung. „Ich bin all-in gegangen“, sagte sie. Mit Erfolg. Die Medaillen trug sie nach der Übergabe stolz um ihren Hals. Noch nie schaffte es eine Turn-Mannschaft aus Deutschland bei einer EM auf das Podium. Gold ging am Samstag an Italien vor Großbritannien.

Schon bei der Vorstellung der acht Finalteams, als die Olympiahalle abgedunkelt wurde und sich die jeweils fünf Turnerinnen pro Team den Fans präsentierten, war klar: es ist das bisher stimmungsvollste Event dieser noch jungen European Championships 2022. Die Zuschauer, unter ihnen viele Familien und Jugendgruppen, würden hier alles geben für eine deutsche Medaille – die internationale Konkurrenz aber genauso unterstützen. Selbst in den Pausen zeigten die Fans, dass sie nicht nur zum reinen Zuschauen in die Halle gekommen waren. Animiert vom Stadionsprecher tanzten sie zum berühmten „YMCA“ der Village People die Choreo sicher mit.

Der Jubel war dann ohrenbetäubend, als Elisabeth Seitz am frühen Samstagnachmittag um 14:19 Uhr ihre Übung am Stufenbarren beendete und sich langsam in die Endposition aufrichtete. In der gut gefüllten Olympiahalle fieberten die Fans frenetisch eine erste gute Rotation am Stufenbarren, an dem vor Seitz schon Emma Malewski und Kim Bui ihr Team mit guten Leistungen in die Spur brachten. Platz drei – würde hier tatsächlich eine Medaille herausspringen können?

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Ein erster kleinen Stimmungsdämpfer bei der Medaillen-Jagd am Schwebebalken, als Malewski mit mehreren Wacklern nur 12.700 Punkte erturnte, korrigierte Sarah Voss ganz schnell. Nach einer starken Übung und 13.500 Punkten ruderte sie mit den Armen und animierte das Publikum noch mehr Gas zu geben. Dieses gehorchte und klatschte begeistert in die Hände, grölte laut. Als kurz darauf auch Pauline Schäfer-Betz mit 13,733 Punkten nachlegte, das Publikum ebenfalls gestenreich animierte, kochte die Olympiahalle. „Ich wollte damit uns und das Publikum pushen“, sagte sie später.

Es roch auch nach der zweiten von vier Rotationen nach einer Medaille für das deutsche Team – und damit dem besten Ergebnis der Geschichte. Seit der Einführung der Teamentscheidung bei den Europameisterschaften 1996 in Birmingham war Platz vier 2015 in Sofia das bisher beste Teamergebnis der deutschen Frauen. Ohnehin reichte es nur fünf Mal für eine Finalteilnahme, zuletzt 2017 in Cluj, als Platz sieben am Ende zu Buche stand.

Damals nicht dabei war Kim Bui, in München war sie umso mehr drin im deutschen Team. Mit einer beeindruckenden Boden-Leistung von 13.033 Punkten in ihrer letzten Kür ihrer langen internationalen Karriere machte sie sogar den Absetzer auf den Hintern von Sarah Voss wett und ließ sich zurecht mit Standing Ovations vom Publikum feiern. Sie beendet ihre Karriere nach dieser EM und lies noch einmal ihr Können aufblitzen und brachte ihr Team auf Rang drei in die letzte Rotation. „Wir haben uns gemeinsam durch jede einzelne Übung gepusht. Das Team stand hinter jeder von uns“, sagte Seitz stolz.

Unterstützt vom Fliegerlied, passend vor dem Sprung als letztem Gerät, klatschte sich das Publikum noch einmal in Schwung, während die deutschen Turnerinnen versuchten, sich noch einmal emotional runterzufahren und die Konzentration aufzubauen. Mit Erfolg. Zunächst bestätigte Bui Deutschlands Medaillenweg mit 13.266 Punkten, ehe Seitz und Voss tatsächlich das historische Bronze ersprangen. 158.430 Punkte sammelte die deutsche Mannschaft am Ende und musste sich nur Italien (165.163) und Großbritannien (161.164) geschlagen geben.

Bei der WM in Liverpool Anfang November wird Bui dann schon nicht mehr dabei sein, was das Team natürlich schwächt. Am Samstagabend wollte davon aber noch niemand etwas wissen.