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Tanja Spill aus Dormagen nach hartem Kampf bei EM in Mnchen dabei

Leichtahletik-EM : Tanja Spill startet nach schwerer Zeit in München

Tanja Spill war in der Freiluftsaison nach den Deutschen Meisterschaften an einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Doch die 800-Meter-Spezialistin vom TSV Bayer Dormagen gab nicht auf und qualifizierte sich noch für die EM.

Puh, das war knapp. Fast hätte Tanja Spill ein unwillkommenes Déjà-vu-Erlebnis gehabt, als sie Anfang August auf die Nominierung für die Leichtathletik-Europameisterschaften hoffte. Wie 2021 vor den Olympischen Spielen von Tokio über die Weltrangliste, sollte die Qualifikation dieses Mal über Europarangliste gehen. Doch während im vergangenen Jahr die Olympia-Träume nach langem Hin und Her bitter enttäuscht wurden, gab es dieses Mal nach neuerlichen Problemen für die 800-Meter-Spezialistin vom TSV Bayer Dormagen ein Happy End. Nach einer Freiluftsaison, die in weiten Teilen zum Vergessen war, erlebt die 26-Jährige nun doch noch ihren bisherigen Karriere-Höhepunkt.

„Ich bin einfach nur glücklich, dass das noch geklappt hat und ich bei der Heim-EM dabei sein kann. Das ist schon etwas ganz Besonderes“, meint Tanja Spill, die sich am Montag auf den Weg nach München gemacht hat, um sich dort einzugewöhnen, ehe am Donnerstag die 800-Meter-Vorläufe der Frauen auf dem Programm stehen. Dass sie nach ihrem Start bei den Hallen-Europameisterschaften Anfang 2021 in der bayerischen Landeshauptstadt zum zweiten Mal das Nationaltrikot überstreifen wird, danach sah es lange überhaupt nicht aus. Nachdem sie die Hallensaison im Winter wegen der Diagnose Pfeiffersches Drüsenfieber vorzeitig hatte abbrechen müssen, kam sie trotz ordentlicher Vorbereitung ab Mai überhaupt nicht in Form. Bei mehreren Starts, auch mit internationaler Konkurrenz, blieb sie weit unter ihren Möglichkeiten. Tiefpunkt waren die Deutschen Meisterschaften in Berlin, wo sie in für ihre Verhältnisse indiskutablen 2:10,14 Minuten als Letzte ins Ziel kam.

„Zwischenzeitlich war ich am tiefsten Punkt der Verzweiflung und wusste nicht mehr, was ich tun sollte“, beschreibt Spill ihre Emotionen. Doch wer ihre Leidensgeschichte der vergangenen Jahre kennt, weiß, dass für sie Aufgeben keine Option ist. In Absprache mit ihrem Trainer Willi Jungbluth konzentrierte sich in der Folge voll auf die Qualifikation, sagte kleinere Starts ab. Und siehe da: Die Leistungen wurden besser, was Ende Juli in Pfungstadt in einer Zeit von 2:01,98 Minuten gipfelte. Zwar nicht die geforderte EM-Norm von 2:00,66 Minuten, aber immerhin ein Auftritt, der berechtigte Hoffnungen auf eine Qualifikation über die Europarangliste machte. „Woran es zu 100 Prozent gelegen hat, dass ich auf einmal auf die Bahn bekommen habe, was ich trainiert habe, ist schwer zu sagen“, erklärt Spill. Ein Mosaiksteinchen war auf jeden Fall, dass sie sich mehr Freiräume im Alltag genommen hat, um besser regenerieren zu können. Zudem kam mit jeder besseren Zeit das Selbstvertrauen zurück, die Motivation war plötzlich wieder eine ganz andere. „Ich habe mich auf einmal wieder getraut zu laufen“, sagt Spill.

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Doch so schön die Saisonbestleistung von Pfungstadt auch war, der Nervenkrieg war damit noch lange nicht beendet. Denn nun musste die Dormagenerin hoffen, dass sie damit in der bereinigten Europarangliste unter die besten 32 kommt, um einen EM-Startplatz zu ergattern. Doch weil sie am Stichtag wegen eines Fehlers nur auf Platz 33 stand, waren zunächst noch etliche Telefonate vonnöten, ehe auch mit Unterstützung von Bundestrainer Andreas Knauer die Voraussetzungen für eine Nominierung erfüllt waren.

Seitdem freut sie sich wie ein kleines Kind auf den Donnerstag, wenn es mit den Vorläufen losgeht. „Ich will einfach nur Spaß haben und sehe die Teilnahme als Belohnung für den großen Kampf“, erklärt Tanja Spill. Mit dem Auftritt bei der Heim-EM geht für sie ein Traum in Erfüllung. Der erste Start im besonderen Flair des Olympiastadions von 1972 ist das eine, die tolle Atmosphäre mit einem Publikum, das nach den Erfahrungen der bisherigen Wettkämpfe bei den European Championships die deutschen Athleten besonders euphorisch anfeuert, das andere. Hinzu kommt, dass Familie und Freunde mit relativ geringem Aufwand die Möglichkeit haben, dabei zu sein. Ihre Eltern haben sich freigenommen, um den Karrierehöhepunkt ihrer Tochter aus der Nähe miterleben zu können. Trainer Willi Jungbluth und ihr Freund lassen sich den Auftritt der 26-Jährigen freilich auch nicht entgehen. „So habe ich auch die Chance, etwas zurückzugeben. Das ich dabei sein kann, ist ein Erfolg von allen, die mich in der schweren Zeit unterstütz haben. Dafür möchte ich mich bedanken“, betont Spill.

Und dass sie dabei sein kann, ist nicht nur wichtig für den Moment. Auch mit Blick auf die Olympiaperspektive für Paris 2024 ist das ein Zeichen. Bei der Hallen-EM und dem damaligen Erreichen des Halbfinales konnte sie zwar schon mal Wettbewerbsluft auf höchstem kontinentalen Niveau schnuppern, doch für Tanja Spill steht fest: „Eine EM auf der Bahn hat einen viel höheren Stellenwert, da wird man dran gemessen.“ Mit Blick auf alles, was in der Zukunft kommt, möchte sie in München Erfahrungen sammeln, sich an die Atmosphäre eines solchen Großereignisses gewöhnen. „Die Teilnahme rückt einen in ein besseres Licht“, ist die Dormagenerin überzeugt.

Dabei würde natürlich helfen, wenn es auch sportlich gut liefe. Tanja Spill ist neben der amtierenden Deutschen Meisterin Christina Hering (LG München) und Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler) die dritte Deutsche im Feld der 33 Läuferinnen, die Topfavoritin kommt aus England. Keely Hodgkinson reist mit einer Saisonbestleistung von 1:56,38 Minuten an. Zudem sind noch viele weitere Starterinnen mit Bestzeiten von unter zwei Minuten am Start. „Es ist aber alles offen. Die Karten werden neu gemischt. Egal, welche Zeiten vorher gelaufen wurden“, weiß Spill. Das Halbfinale zu erreichen, wäre für sie ein Traum. Doch von Druck will sie nichts wissen. Nach ihrer Vorgeschichte will sie ihren Start bei der EM im Rahmen der European Championships nur genießen und Spaß haben.